Wie viel Energie brauchen wir in der Schweiz im Jahr 2050, um den Bedarf der Bevölkerung und der Wirtschaft zu decken? Wie können wir die Energieversorgung gewährleisten? Wie können wir die Energie möglichst umweltverträglich und effizient nutzen und produzieren, sowie gleichzeitig die Treibhausgasemissionen reduzieren? Und welche Auswirkungen hat dies für die Wirtschaft? Antworten darauf werden derzeit im Rahmen der «Energieperspektiven 2050+» erarbeitet. Die ersten Ergebnisse liegen voraussichtlich im Herbst 2020 vor.

Wozu Energieperspektiven?
Die Resultate der Energieperspektiven des Bundesamtes für Energie BFE bilden seit den 1970er-Jahren eine zentrale quantitative Grundlage für die Energie- und heute auch für die Klimapolitik der Schweiz. 2007 wurden die Energieperspektiven letztmals vollständig neu erstellt und 2012 für die Energiestrategie 2050 aktualisiert und erweitert. Nun werden wieder vollständig neue Energieperspektiven, die «Energieperspektiven 2050+», erarbeitet. Dies ist nötig, da sich seither viele wichtige Rahmenbedingungen verändert haben. So ist beispielsweise 2018 das totalrevidierte Energiegesetz in Kraft getreten und die Schweiz hat sich 2017 im Übereinkommen von Paris zu langfristigen Klimazielen verpflichtet.

Was zeigen die Energieperspektiven?
Die Resultate der Energieperspektiven sind keine Prognosen. Sie zeigen auch nicht, wie sich das Energiesystem wahrscheinlich entwickeln wird. Dennoch liefern sie wichtige Informationen in Form von „Wenn-Dann-Aussagen“. Das «Wenn» bilden Annahmen zu den künftigen Entwicklungen von Wirtschaft, Verkehr, Bevölkerung, Technologien oder Energie- und CO2-Preisen. Das «Dann» zeigt, in welche Richtung sich das zukünftige Energiesystem aufgrund dieser Annahmen entwickeln und mit welchen energie- und klimapolitischen Massnahmen man diese Entwicklung beeinflussen könnte. Anhand von verschiedenen Szenarien werden die möglichen Entwicklungspfade modelliert, untersucht und verglichen. Aussagen zu den politischen Instrumenten (gesetzliche Vorschriften, Fördermassnahmen, etc.), mit denen die Beeinflussungsmassnahmen (mehr Gebäudesanierungen, mehr Elektrofahrzeuge, etc.) ausgelöst und umgesetzt werden, liefern die Energieperspektiven jedoch nicht. Diese können im Anschluss in den üblichen politischen Prozessen definiert und beraten werden.

Welche Szenarien werden in den Energieperspektiven untersucht?
Die «Energieperspektiven 2050+» arbeiten mit einem Zielszenario. Vorgegeben sind dabei zwei Hauptziele für das Jahr 2050: Das vom Bundesrat 2019 beschlossene Netto-Null Treibhausgasemissionsziel (die Schweiz darf ab 2050 nicht mehr Treibhausgase ausstossen, als sie durch natürliche und technische Speicher aufnehmen kann) sowie die sichere Energieversorgung der Schweiz. Damit sind die «Energieperspektiven 2050+» auch eine zentrale Grundlage der langfristigen Klimastrategie, die derzeit unter der Federführung des BAFU erarbeitet und Ende 2020 vom Bundesrat verabschiedet werden soll.

Das Zielszenario «Netto-Null» soll das Klima- und Versorgungsziel erreichen. Dabei wird eine Basisvariante sowie drei weitere Varianten untersucht. Diese unterscheiden sich durch die unterschiedliche Ausprägung verschiedener Technologietrends wie beispielsweise der Elektrifizierung oder der Rolle von biogenen und synthetischen Brenn- und Treibstoffen:

Die Basisvariante entwickelt die heutigen Trends der technologischen Entwicklung in die Zukunft weiter. Sie geht von einer hohen und möglichst frühen Steigerung der Energieeffizienz, sowie von einer deutlichen Elektrifizierung aus. Wärmenetze gewinnen in urbanen Gebieten an Bedeutung. Synthetische Brenn- und Treibstoffe (Power-to-Gas/Liquid) spielen eine untergeordnete Rolle. Verbleibende Treibhausgasemissionen werden durch Senken oder durch negative Emissionstechnologien im In- oder Ausland kompensiert.

Variante A geht im Unterschied zur Basisvariante von einer umfassenderen Elektrifizierung des Energiesystems aus.

Variante B geht im Unterschied zur Basisvariante nur von einer moderaten Elektrifizierung des Energiesystems aus. Zur Energieversorgung tragen ausserdem Biogas und synthetische Gase wie Wasserstoff in erhöhtem Masse bei.

Variante C geht im Unterschied zur Basisvariante nur von einer moderaten Elektrifizierung des Energiesystems aus. Zur Energieversorgung tragen ausserdem Wärmenetze, sowie flüssige biogene und synthetische Brenn- und Treibstoffe in erhöhtem Masse bei.

Bei allen Varianten werden zudem unterschiedliche Ausbaupfade der erneuerbaren Stromproduktion betrachtet.

Das Szenario «Weiter wie bisher» dient als Vergleichsbasis und geht von der heute geltenden Energie- und Klimapolitik aus. Das totalrevidierte CO2-Gesetz, das sich zurzeit noch in der parlamentarischen Beratung befinden, wird deshalb noch nicht berücksichtigt.

Wer arbeitet an den «Energieperspektiven 2050+»?
Im Auftrag des Bundesamts für Energie (BFE) werden die «Energieperspektiven 2050+» von einem Konsortium bestehend aus den Firmen Prognos AG, TEP Energy GmbH, Infras AG und Ecoplan AG erarbeitet. Für eine breite Abstützung sorgt eine externe Begleitgruppe. Darin vertreten sind verschiedene Bundesämter, Kantone und Städte, die Energiewirtschaft, Wirtschafts- und Umweltverbände, Gewerkschaften und der Konsumentenschutz. Auch der Austausch mit Vertretern der Forschung ist sichergestellt.

Michael Kost, Leiter Sektion Analysen und Perspektiven

Bild: Prognos

 

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1 Antwort
  1. Alfred Weidmann
    Alfred Weidmann sagte:

    Gerne verfolge ich diese Diskussion um die Energieszenarien.
    Energiespeicher werden in jedem Szenario eine grosse Rolle spielen. Eine klimaneutrale Methanol-Kreislaufwirtschaft sollte in die Szenarien Eingang finden. Methanol ist ein universell einsetzbarer, flüssiger gut lagerbarer Energierohstoff, der schon heute nach den fossilen als zweitwichtigster Energieträger und Grundstoff für die Chemische Industrie in sehr grossen Mengen umgesetzt wird. Grünes Methanol, hergestellt aus grünem H2 und CO2, hat als flüssiger Langzeitspeicher gegenüber den Gasen H2 und Methan klare Vorteile.
    Wärmenetze sind bei ganzheitlicher Betrachtung nötig, da sie die Abwärme chemischer Prozesse, zB der Elektrolyse zur H2-Gewinnung, aufnehmen können und so zu einem hohen Gesamtwirkungsgrad beitragen.

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