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Die Nutzung der Wasserkraft in der Schweiz hat eine lange Tradition. Schon die Römer betrieben damit ihre Getreidemühlen. Heute macht sie knapp 60% der schweizerischen Stromproduktion aus. Doch wie kam die Wasserkraft zu ihrer wichtigen Rolle in der Stromversorgung der Schweiz? 

Was ist Wasserkraft? 

In der Schweiz wird zwischen Gross- und Kleinwasserkraft unterschieden. Grosswasserkraftwerke haben eine Leistung von mehr als 10 Megawatt (MW) und verfügen häufig über grosse Staumauern. Sie produzieren rund 90% des Stroms aus Wasser. Kleinwasserkraftwerke mit weniger als 10 MW tragen die restlichen 10% bei. 

Die Wasserkraftwerke lassen sich weiter in drei verschiedene Typen einteilen. Es gibt Laufwasserkraftwerke, die an Bächen und Flüssen liegen und die ständig fliessendes Wasser zur Stromproduktion verwenden. Sie unterliegen starken saisonalen Schwankungen. Die Speicherkraftwerke wiederum können ihre Stromerzeugung dem aktuellen Bedarf anpassen. In Speicherseen, die sich meistens in alpinen Gebieten befinden, wird Wasser zurückgehalten und bei Bedarf für die Stromproduktion genutzt. Die grosse Stärke von Speicherkraftwerken ist, dass Wasser saisonal gespeichert werden kann und somit in den Wintermonaten für die Stromproduktion zur Verfügung steht. Das macht sie essenziell für die schweizerische Winterstromproduktion. Schliesslich gibt es noch die Pumpspeicherkraftwerke, die im Gegensatz zu den Speicherkraftwerken noch über ein weiteres, tiefer liegendes Wasserreservoir verfügen. In Situationen, in denen ein Stromüberschuss herrscht, kann mittels Pumpen das Wasser im unteren Reservoir in das obere gepumpt werden. Mit diesem Wasser kann dann erneut Strom produziert werden. Speicher- und Pumpspeicherkraftwerke tragen einen wesentlichen Teil zur Stromnetzstabilität bei. 

Von Getreidemühlen, Webmaschinen und dem ersten Licht in der Schweiz 

Bereits die Römer nutzten die Kraft des Wassers, um grosse Mühlesteine in Getreidemühlen anzutreiben. Der Vorteil war, dass sich mit wasserbetriebenen Mühlen erheblich mehr Korn mahlen liess als von Hand. In Cham-Hagendorn im Kanton Zug wurde 1944 die erste römische Mühle in der Schweiz entdeckt. Die archäologischen Untersuchungen haben ergeben, dass sie zwischen 185 und 195 n.u.Z. erstellt worden ist, womit sie eine der frühsten Beweise für die Wasserkraftnutzung in der Schweiz ist. 

In der Phase der Frühindustrialisierung der Schweiz wurde die Wasserkraft für den Antrieb von Spinnereien und Webmaschinen gebraucht. Dagegen setzte die Nutzung der Wasserkraft für die Stromproduktion erst deutlich später ein. Als Johannes Badrutt, ein Schweizer Hotelier, nach seinem Besuch an der Pariser Weltausstellung 1878 in seine Heimat nach St. Moritz zurückkehrte, erzählte er fasziniert von seinen Erlebnissen und der an der Weltausstellung präsentierten elektrischen Beleuchtungsanlage. Badrutt wollte diese neuartige Technologie in die Schweiz bringen und schliesslich brannte am 18. Juli 1879 im Speisesaal des Hotel Kulms das erste elektrische Licht in der Schweiz, angetrieben von einer Wasserturbine. 

Die Wasserkraft in der Schweiz im 20. Jahrhundert 

Die erste Phase der schweizerischen Stromerzeugung war geprägt von Kleinwasserkraft und von kommunal betriebenen Elektrizitätswerken. Mit dem Aufkommen von neuen Technologien, die den Stromtransport ermöglichten und später erleichterten, begann sich die Produktion und Nutzung der elektrischen Energie räumlich zu trennen. 1898 wurde in Rheinfelden im Kanton Aargau das erste grosse Wasserkraftwerk der Schweiz, und gleichzeitig eines der ersten und grössten in Europa, erbaut. Das Wasserkraftwerk Rheinfelden, an der deutsch-schweizerischen Grenze, legte den Grundstein für ein länderübergreifendes Stromnetzwerk.  

Auch politisch rückte die Wasserkraft ins Zentrum: die erste energiepolitische Volksabstimmung in der Schweiz betraf wenig überraschend die Wasserkraft. Das Schweizer Stimmvolk nahm am 25. Oktober 1908 den direkten Gegenentwurf mit dem Titel «Bundesbeschluss betreffend die Aufnahme eines Zusatzartikels 24bis in die Bundesverfassung betreffend die Gesetzgebung des Bundes über die Nutzbarmachung der Wasserkräfte und über die Fortleitung und die Abgabe der elektrischen Energie» mit 84.4% der Stimmen an. Hinter dem sehr langen und umständlichen Titel zur Änderung der Bundesverfassung stand die Erkenntnis, dass der Bund mit dem zunehmenden Ausbau der Wasserkraft erste Gesetze erlassen sollte. Es hatte sich gezeigt, dass bei der Nutzung von Flussläufen zur Stromproduktion oft das Interesse mehrerer Kantone miteinander konkurrierte und dass die kantonalen Vorschriften als nicht ausreichend angesehen wurden. Schliesslich befürchtete der Bund, dass sowohl in- als auch ausländische Privatunternehmen von der günstigen Schweizer Wasserkraft profitieren könnten. Aus diesen Gründen sah sich der Bundesrat dazu veranlasst, die Nutzung der Wasserkraft besser zu regulieren. 

Die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg bis ungefähr 1970 war von einem intensiven Ausbau der Wasserkraft geprägt, um die schweizerische Energieautarkie zu stärken. Dies war vor allem auch darauf zurückzuführen, dass in dieser Zeit die Stromnachfrage stark stieg, attraktive ökonomische Rahmenbedingungen Anreize für die Realisierung von neuen Wasserkraftwerken lieferten und dass neben der Wasserkraft keine konkurrenzfähige Alternativenergie existierte. So wurde im Kanton Wallis von 1951 bis 1965 die Staumauer Grande Dixence errichtet, die höchste Gewichtsstaumauer der Welt. Zeitgleich wurde von 1954 bis 1969 die Staumauer Mattmark im Saastal, ebenfalls im Kanton Wallis, gebaut. Die gleichzeitige Errichtung von zwei so grossen Energieinfrastrukturprojekten führte zu einem akuten Arbeitermangel, weshalb die Rekrutierung von ausländischen Arbeitern, hauptsächlich aus Italien, begann. Am 30. August 1965 kam es während den Arbeiten am Staudamm Mattmark zur grössten Katastrophe auf einer Baustelle in der Geschichte der Schweiz. Nach einem Gletscherabbruch wurden die Arbeiter vor Ort verschüttet, insgesamt 88 Menschen starben, davon waren 56 italienische Gastarbeiter. 

Wasserkraft in der Energiestrategie 2050 

Gemäss der Energiestrategie 2050 des Bundesamtes für Energie (BFE) trägt die Wasserkraft bereits heute den Grossteil zur Schweizer Stromversorgung bei und soll laut dem Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien noch stärker ausgebaut werden. Seit 2000 ist die Stromproduktion aus Wasserkraft kontinuierlich gestiegen, was auf den Neubau von Anlagen und Erweiterungen sowie Optimierungen bestehender Anlagen zurückzuführen ist. Im Jahr 2035 soll die durchschnittliche Produktion gemäss dem im Energiegesetz verankertem Zielwert bei 37’900 Gigawattstunden (GWh) betragen. 

Zur Stärkung der Versorgungssicherheit im Winter soll laut dem Bundesgesetz für eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien bis 2040 ein Zubau von Kraftwerken zur Erzeugung von erneuerbarer Energie von mindestens 6 Terrawattstunden (TWh) realisiert werden. Davon müssen im Winter mindestens 2 TWh sicher abrufbar sein. Der Ausbau setzt prioritär bei den Speicherwasserkraftwerken an, um dieses Ziel zu erreichen. Aus diesem Grund identifizierten Vertreterinnen und Vertreter der Energiewirtschaft, der Kantone und von Naturschutzorganisationen an einem vom Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) 2021 organisierten Runden Tisch eine Liste mit 15 Speicherwasserkraft-Projekten. 

Christian Dupraz

Christian Dupraz, Leiter der Sektion Wasserkraft im Bundesamt für Energie (BFE).

Um eine Einschätzung zu erhalten, wo die Wasserkraft heute steht und welche Herausforderungen die Zukunft für sie bringt, haben wir uns bei unserem zuständigen Leiter für Wasserkraft, Christian Dupraz, erkundigt. 

Energeiaplus: Wo liegen die grössten Chancen, damit Wasserkraft ihre Rolle als Systemstütze auch künftig erfüllen kann?  

Die grössten Chancen für die Wasserkraft liegen in ihrer Flexibilität, und zwar über alle Zeitspannen hinweg. Die Wasserkraft gleicht in einer kurzen Frist Schwankungen im Sekundenbereich aus und stabilisiert die Frequenz, auf der anderen Seite ermöglichen die Speicherseen eine saisonale Umlagerung und damit eine Reserve für die versorgungskritische Zeit im Winter.  

Wie stark beeinflusst der Klimawandel bereits heute die Produktion von Wasserkraft?  

 Am stärksten macht sich der Klimawandel in der Schweiz durch den Rückgang der Gletscher bemerkbar. Dieser führt bei den hochalpinen Kraftwerken zu einem deutlichen Überschuss an Sommerzuflüssen und damit zu einer überdurchschnittlichen Produktion im Vergleich zur ursprünglichen Anlagenauslegung.  

Was erwarten Sie langfristig: mehr Schwankungen, eine Verschiebung der Wasserkraftproduktion in den Winter oder ein generelles Rückgangsrisiko der Wasserkraft?  

Einigkeit besteht, dass die Zuflussregime sich stärker in den Winter verschieben, insbesondere, da Schnee zunehmend nur in den Höhenlagen lange liegen bleibt. Wie anhand der Gletscher dargelegt, wird – nachdem diese eine neue Gleichgewichtslage gefunden haben (also verschwunden sind oder nicht mehr weiter zurückschmelzen) – dieses Überschusswasser fehlen und daher die Produktion etwas zurückgehen. Aussagen zur Entwicklung der Variabilität sind mit noch höheren Prognoseunsicherheiten verbunden. 

Wo sehen Sie realistisches Ausbaupotenzial in der Schweiz – eher bei Speicherwerken, Laufwasserkraft oder Pumpspeichern?  

Das Ausbaupotenzial ist nicht mehr sehr gross, jedoch ist in allen Bereichen noch Potenzial vorhanden. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Speicherausbau, damit die Versorgungssicherheit im Winter gestärkt und das Ziel von mindestens 2 TWh neuem Speicher erreicht wird. Wir haben aber auch Produktionsziele, zu denen der Speicherausbau kaum beiträgt, weshalb es auch neue Laufwasserkraftproduktion braucht. Ein aktuelles Projekt in diesem Bereich ist die neue Zentrale Massongex-Bex, die in den nächsten Jahren gebaut werden soll. Nachdem im Bereich Pumpspeicher seit 2015 zwei grosse Neuanlagen in Betrieb gegangen sind, war hier grössere Zurückhaltung zu sehen, weil die Investitionen in den ersten Jahren nicht wirtschaftlich waren. Angesichts des geplanten Zubaus ist auch hier zu erwarten, dass Projektanten neue Projekte an die Hand nehmen.  

Was ist der aktuelle Stand bezüglich den 15 Speicherwasserkraft-Projekten des Runden Tisches?  

 Es sind 16 Projekte, 15 Projekte im Anhang und ein Projekt im Artikel 9a selbst. Das Bundesamt für Energie (BFE) verfolgt diese Projekte seit mehreren Jahren. Im letzten Jahr hat das UVEK informiert, dass bis 2040 voraussichtlich nicht alle Projekte realisiert werden können. Einige Projekte sind bereits im Bewilligungsverfahren und weiter fortgeschritten. Andere Projekte sind noch in der Abklärung, es zeigt sich aber, dass sie im Umfang verkleinert oder nicht realisiert werden können. Aktuell sind die beteiligten Bundesämter daher daran, die Liste zu überprüfen, was zu einem allfälligen Ergänzungsvorschlag mit neuen Projekten führen könnte.  

 Wie sieht die Schweizer Wasserkraft im Jahr 2050 aus?  

Sehr ähnlich wie heute. Wir haben sicher einige neue Zentralen, aber wir haben aktuell bereits einen sehr grossen Zentralenstock. Bei den Besitzverhältnissen wird sich 2050 einiges getan haben. Mit den Konzessionserneuerungen werden die Standortkantone und Gemeinden sicher grössere Anteile an den Kraftwerken übernehmen. Zudem werden die Kraftwerke bis 2050 noch nachhaltiger sein, da einerseits mit der Konzessionserneuerung die Restwassermengen angepasst werden und andererseits bis dahin auch die Massnahmen zur ökologischen Sanierung der Wasserkraft umgesetzt sind.  

Die Zukunft der Wasserkraft 

Wasserkraft hat die Energiegeschichte der Schweiz geprägt wie kein anderer Energieträger. Sie entstand aus einfachen Mühlen, entwickelte sich zu grossen Infrastrukturprojekten und bildet heute das Rückgrat der Schweizerischen Stromproduktion. Auch in Zukunft wird sie eine Schlüsselrolle spielen: als flexible Winterenergie, als Speicher für Stromspitzen und als verlässliche Säule eines klimaneutralen Energiesystems. Die Schweiz baut damit auf eine Energiequelle, die seit Jahrtausenden fliesst und auch in den kommenden Jahrzehnten Richtung Zukunft weist. 

Dieser Blogbeitrag über die Wasserkraft ist der Dritte in der Blogreihe über die Geschichte der erneuerbaren Energien mit dem Fokus auf die Schweiz. Den ersten Blogbeitrag über die Geothermie finden Sie hier und den zweiten über die Windenergie hier. Mehr zur Geschichte der erneuerbaren Energien erfahren Sie im kommenden Beitrag über die Photovoltaik. 

Mattia Pesolillo, Hochschulpraktikant Kommunikation, Bundesamt für Energie (BFE) 

Bild: shutterstock

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Nicht alle Treibhausgasemissionen lassen sich vollständig vermeiden – vor allem in der Industrie, in der Kehrichtverbrennung oder in der Landwirtschaft. Wie wir trotz dieser Restemissionen das Netto-Null-Ziel bis 2050 erreichen können, untersucht das neue SWEET-Konsortium ACHIEVE. Die Forschenden entwickeln gemeinsam mit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft Lösungsansätze, um diese Restemissionen zu reduzieren, abzuscheiden, zu nutzen oder einzulagern. Nathalie Casas von der Empa, Koordinatorin von ACHIEVE, erklärt, woran das Konsortium arbeitet und warum technologische Innovation allein nicht genügt.

Energeiaplus: Frau Casas, warum gelten bestimmte Treibhausgasemissionen als «schwer vermeidbar»?

Nathalie Casas von der Empa koordiniert das SWEET-Konsortium ACHIEVE. Bild: Empa

Nathalie Casas: Schwer vermeidbare Emissionen entstehen dort, wo heute keine oder nur sehr begrenzte Alternativen zu treibhausgasintensiven Prozessen verfügbar sind. Ein Beispiel sind industrielle Hochtemperaturprozesse. Für bestimmte Produktionsschritte, zum Beispiel in der Zementherstellung, werden Temperaturen benötigt, die sich heute oft nur durch Verbrennungsprozesse erreichen lassen. In der Landwirtschaft entstehen Emissionen wiederum durch natürliche biologische Vorgänge: Wiederkäuer produzieren bei der Verdauung Methan, ein sehr starkes Treibhausgas. Und solange wir Abfälle verbrennen, fallen auch bei der Kehrichtverbrennung Emissionen an. Genau für diese Bereiche sucht ACHIEVE nach Möglichkeiten, die Emissionen weiter zu reduzieren oder mit den verbleibenden Restemissionen umzugehen.

Wie gross werden diese Restemissionen im Jahr 2050 sein?

Die Klimastrategie des Bundes geht davon aus, dass 2050 noch rund 11 bis 12 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente anfallen werde. Der zukünftig erwartete technische Fortschritt ist dabei bereits eingerechnet.

CO2-Äquivalente (CO2-eq) sind eine Masseinheit, mit der die Klimawirkung verschiedener Treibhausgase vergleichbar gemacht wird. Dabei werden Emissionen von Gasen wie Methan oder Lachgas entsprechend ihrer Wirkung auf das Klima in die gleichwertige Menge CO2 umgerechnet.

Während bei der Elektrizität oder beim Heizen von Gebäuden bereits Lösungen zur Dekarbonisierung existieren und umgesetzt werden, ist die Situation bei schwer vermeidbaren Emissionen deutlich anspruchsvoller. Wir verfolgen zwei Ansätze: Erstens untersuchen wir, wie sich Emissionen weiter reduzieren lassen. Zweitens befassen wir uns mit Emissionen, die trotz aller Anstrengungen verbleiben. Bei Kehrichtverbrennungsanlagen etwa kann das CO2 aus den Abgasen abgeschieden und dauerhaft gespeichert werden.

Warum können wir nicht einfach CO2 aus der Luft oder aus Abgasen entfernen und uns damit weitere Reduktionen ersparen?

Weil das Abscheiden von CO2 immer Energie, Infrastruktur und Ressourcen benötigt. Besonders anspruchsvoll ist die Entfernung direkt aus der Atmosphäre. Zwar enthält die Luft heute zu viel CO2, die Konzentration liegt aber trotzdem nur bei rund 480 Teilchen pro Million Luftteilchen. Das ist ein sehr verdünntes System.

Je verdünnter ein Stoff vorliegt, desto aufwändiger wird seine Abtrennung. Deshalb gilt: Jede Tonne CO2, die gar nicht erst ausgestossen wird, spart später Energie, Aufwand und Kosten. Emissionen zu vermeiden ist fast immer effizienter, als sie nachträglich wieder einzufangen.

Die Landwirtschaft ist ein Schwerpunkt von ACHIEVE. Es ist allgemein bekannt, dass es klimafreundlicher ist, wenn wir weniger Fleisch und mehr pflanzenbasierte Nahrungsmittel essen. Welche weiteren Ansätze untersuchen Sie?

Wir untersuchen alternative Düngestrategien oder eine Optimierung der Tierhaltung, um die Emissionen pro Kilo Fleisch oder Milch zu senken. Ein Beispiel sind hier Futterzusätze, die Methanemissionen von Wiederkäuern senken können.

Wir setzen aber nicht nur bei der Landwirtschaft an, sondern betrachten die gesamte Wertschöpfungskette – von der Produktion bis zum Detailhandel. Die Reduktion von Food Waste spielt dabei eine wichtige Rolle. Dabei arbeiten wir auch eng mit Detailhändlern zusammen.

Ein weiteres Arbeitspaket beschäftigt sich mit der Biomasse. Welche Bedeutung hat sie für das Netto-Null-Ziel?

Biomasse kann eine sehr grosse Rolle spielen – aber nur, wenn wir sie klug einsetzen. Wichtig ist die Kaskadennutzung: Holz sollte zum Beispiel zuerst im Bau verwendet, danach möglichst weitergenutzt und erst am Ende der Nutzungskette energetisch verwertet werden. Dabei sollte der im Holz enthaltene Kohlenstoff möglichst in eine stabile Form überführt werden. Das heisst, dass das CO2, das der Baum beim Wachstum aus der Atmosphäre aufgenommen hat, am Schluss nicht wieder vollständig in die Luft gelangt. Eine Möglichkeit ist die Pyrolyse: Dabei entsteht Pflanzenkohle, die etwa in Baustoffen wie Beton langfristig gespeichert werden kann.

Biomasse kann zudem als erneuerbarer Rohstoff dienen, etwa für chemische, pharmazeutische oder kosmetische Produkte. Diese Möglichkeiten untersuchen wir in enger Zusammenarbeit mit Industriepartnern. Auch hier stellt sich die Frage, wo sie im Gesamtsystem den grössten Nutzen bringt. Denn Biomasse ist begrenzt – und sie wird in vielen Netto-Null-Szenarien von verschiedenen Seiten beansprucht.

Die Ressourcen sind nicht nur bei Biomasse begrenzt. Hier kommt die Kreislaufwirtschaft ins Spiel. Wo setzt ACHIEVE die Schwerpunkte?

Wir untersuchen sektorübergreifend industrielle Materialströme und wie wir diese kreislauffähig gestalten können. Dabei fokussieren wir auf das Bauwesen, Chemie- und Pharmaindustrie, Abfallbehandlung und Kunststoffrecycling. Wenn z.B. in der Bauwirtschaft Beton, Armierungsstahl und weitere Materialien eng miteinander verbunden sind, wird das Recycling aufwendig und teuer. Werden Produkte hingegen von Anfang an kreislauffähig konzipiert, können Materialien einfacher zurückgewonnen und erneut genutzt werden.

Für die verbleibenden Restemissionen brauchen wir Lösungen zur Abscheidung und Speicherung von CO2. Welche Herausforderungen bestehen dabei noch?

Die eigentliche Abscheidungstechnologie existiert bereits seit Langem. Die heute diskutierten Speicher für das CO2 befinden sich aber in geologischen Formationen unter der Nordsee. Die grösseren Herausforderungen liegen deshalb bei der Transportinfrastruktur und den regulatorischen Rahmenbedingungen. Ein Beispiel ist die rechtliche Einstufung von CO2. Heute gilt dieses beim grenzüberschreitenden Transport als Abfall. Diesen zu exportieren ist sehr schwierig. Wir beschäftigen uns auch mit der Frage, ob im Inland geeignete Speicherstätten existieren und wie gross das Speicherpotenzial ist.

Ist die dauerhafte Speicherung von CO2 überhaupt ausreichend erprobt?

Ja. Die geologische Speicherung von CO2 ist keine neue Technologie. In Ländern wie Norwegen wird CO2 seit den 1990er-Jahren in geeignete Gesteinsformationen eingelagert. Auch in der Erdöl- und Erdgasindustrie besteht jahrzehntelange Erfahrung mit dem Verhalten von CO2 im Untergrund. Die grundlegenden Prozesse sind wissenschaftlich gut verstanden.

Technische Lösungen allein reichen jedoch nicht aus. Wie unterstützt ACHIEVE die gesellschaftliche Transformation?

Das ist ein zentraler Bestandteil des Projekts. Wir beziehen Industrie, Politik und Gesellschaft frühzeitig in die Forschung ein und entwickeln gemeinsam Lösungen. Dazu sind im Konsortium neben neun Hochschulen auch sechs Partner aus der Wirtschaft vertreten. Zudem arbeiten zahlreiche Verbände, Unternehmen, kantonale Stellen im erweiterten Kreis der Kollaborationspartner mit. Dank dieser engen Verflechtung können wir besser verstehen, wo Hindernisse, Bedenken oder Akzeptanzprobleme liegen.

Zudem werden wir die Lösungen in Fallstudien und Reallaboren unter realen Bedingungen testen. Ein Beispiel ist die geplante «Beyond Zero Unit» auf dem Empa-Campus. Dort werden unter anderem Baustoffe mit Pflanzenkohle oder Lehm in einem realen Gebäude erprobt. Begleitend untersuchen Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler, wie neue Technologien wahrgenommen werden und welche politischen oder regulatorischen Rahmenbedingungen erforderlich sind.

ACHIEVE will am Ende konkrete «Netto-Null-Pfade» entwickeln. Was bedeutet das?

Über das Ziel Netto-Null besteht weitgehend Einigkeit. Schwieriger ist die Frage, wie wir dieses Ziel möglichst effizient erreichen. Genau hier setzen die Netto-Null-Pfade an: Sie sollen aufzeigen, welche Kombinationen von Massnahmen technisch machbar, wirtschaftlich sinnvoll und gesellschaftlich akzeptiert sind. Wichtige Aspekte sind dabei Zielkonflikte, die sich insbesondere bei der Nutzung der Biomasse zeigen. Die Netto-Null-Pfade sollen deshalb nicht nur einzelne Technologien bewerten, sondern zeigen, wie begrenzte Ressourcen im Gesamtsystem am wirkungsvollsten eingesetzt werden können.

Daraus entstehen konkrete Handlungspfade für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Unser Ziel ist es, fundierte Entscheidungsgrundlagen bereitzustellen – damit die Schweiz den Weg zu Netto-Null erfolgreich gestalten kann.

SWEET ist ein Förderprogramm des Bundesamts für Energie (BFE). Der Zweck von SWEET ist, lösungsorientierte Forschung und Innovationen zu finanzieren, deren Schwerpunkt auf den Zielen der Schweizer Energiestrategie 2050 und der langfristigen Klimastrategie liegt.

Text: Irene Bättig, Sprachwerk GmbH im Auftrag der Geschäftsstelle SWEET, Bundesamt für Energie (BFE)
Bild: Shutterstock; Sutthiphong Chandaeng; Asset-ID: 2280544807

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Wer im Jahr 2025 Strom aus einem unrentablem Grosswasserkraftwerk mit einer Leistung von mehr als 10 MW am Markt verkaufte, konnte beim Bundesamt für Energie (BFE) bis Ende Mai 2026 ein Gesuch für eine finanzielle Unterstützung (Marktprämie) einreichen. Drei Gesuchsteller haben für zwei unrentable Anlagen ein Gesuch eingereicht. Beantragt werden Marktprämien in der Höhe von total rund 21.4 Millionen Franken für insgesamt 2.7 TWh (2.7 Milliarden kWh) unrentablen Wasserkraftstrom.  Weiterlesen

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Speichermaterialien, die den Phasenwechsel zwischen flüssigem und festem Aggregatszustand nutzen, können viel Energie aufnehmen und abgeben. Mit ihnen lassen sich Speicher bauen, die im gleichen Volumen deutlich mehr Wärme puffern als ein Warmwasserboiler. Ein vom Bundesamt für Energie (BFE) gefördertes Pilotprojekt hat das Speicherkonzept in einem Bündner Einfamilienhaus getestet. Mit den Erfahrungen aus der praktischen Erprobung konnte ein neuartiger Kompaktspeicher entwickelt und auf den Markt gebracht werden. Weiterlesen

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Politik und Wirtschaft hautnah erfahren. Das ist das Ziel der Studienreise, die die Kantonsschule Baden seit 2009 ans WEF nach Davos führt. Bereits zum sechsten Mal trafen Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen mit Schwerpunkt Wirtschaft und Recht in Davos auch den Direktor des Bundesamts für Energie, Benoît Revaz. Beim Treffen 2026 ging es unter anderem um die Versorgungssicherheit der Schweiz und das geplante Stromabkommen der Schweiz mit der EU. Weiterlesen

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In der Schweiz stehen rund 120 kommerzielle Rechenzentren mit einer Leistung zwischen 2 und 20 MW. Damit gehört die Schweiz europaweit zu den Spitzenreitern pro Kopf. Doch Rechenzentren bringen für Standortgemeinden und -kantone auch grosse Herausforderungen. Auf der Webseite von EnergieSchweiz, dem Programm des Bundesamts für Energie für Energieeffizienz und erneuerbare Energien, findet sich neu eine Infoseite mit Tipps, was Gemeinden und Kantone beachten müssen und wie sie sich vorbereiten können.

Hoher Strombedarf, Abwärme und Wasserverbrauch

Wenn ein Rechenzentrum geplant wird, stehen Gemeinden und Kantone vor drei zentralen Fragen:

  • Wie wird der hohe Strombedarf gedeckt?
  • Wie lässt sich die entstehende Abwärme nutzen?
  • Wieviel Wasser braucht die Kühlung?

Das Beispiel Beringen SH zeigt, was auf Gemeinden zukommt.

Strombedarf: In der 5000-Seelen-Gemeinde entsteht ein neues Rechenzentrum mit einer Leistungskapazität von bis zu 40 MW. Entsprechend hoch ist der Strombedarf. Das Rechenzentrum wird gemäss Angaben der Elektrizitätswerke des Kantons Schaffhausen AG (EKS) zu Beginn 10 MW (87 GWh) Strom beziehen, im geplanten Endausbau steigt der Stromverbrauch auf bis zu 40 MW (350 GWh) an, was 72,7 % des kantonalen Verbrauchs von rund 481 GWh (Stand 2020) entsprechen würde.

Rechenzentren waren 2019 in der Schweiz für 3,6% des Stromverbrauchs verantwortlich. Aktuelle Zahlen soll die Studie des Bundesamt für Energie liefern, die derzeit erarbeitet wird.

Das derzeit grösste Schweizer Rechenzentrum ist in Volketswil ZH geplant – mit einer Anschlussleistung von gegen 100 MW. Das entspricht etwa der Leistung eines kleinen Wasserkraftwerks.

Hintergrund für den Boom beim Bau von Rechenzentren ist die Digitalisierung, die zunehmende Auslagerung der IT-Ausstattung in Rechenzentren und die wachsende Nutzung von Cloud-Diensten, was zu einem höheren Datenaufkommen führt und leistungsfähigere Datenzentren erfordert.

Für den Stromanschluss des Rechenzentrums ist EKS zuständig. Markus Niedrist, Leiter Bereich Netz bei EKS sagt: «Speziell für uns war der hohe Strombedarf – der höchste, der in der Geschichte des Unternehmens je angemeldet wurde.»

Um die erforderliche Anschlussleistung bereitstellen zu können, musste EKS ein neues Unterwerk bauen. Für die Baukosten muss der Betreiber des Rechenzentrums aufkommen.

Wasserbedarf: Auch beim Wasserbedarf waren Anpassungen nötig.

«Wir mussten genauer regeln, wieviel Wasser geliefert wird », sagt Gemeindepräsident Roger Paillard. Ein Vertrag legt fest, dass die Versorgung der Bevölkerung Vorrang hat. «Benötigt das Rechenzentrum  mehr Wasser, muss der Betreiber eine Strafzahlung leisten.»

Abwärme: Theoretisch könnten bis zu 80% des Stromverbrauchs eines Rechenzentrums als Abwärme genutzt werden. In Beringen soll ein Teil der Abwärme ins lokale Fernwärmenetz eingespeist werden, kostenlos, wie die Betreiber zugesichert haben, so Gemeindepräsident Roger Paillard. Seit Mai 2025 verlangt das kantonale Energiegesetz, dass so grosse Energieverbraucher künftig nachweisen müssen, was sie mit der Abwärme machen.

Noch offen ist, was mit der Abwärme im Sommer passiert. Die Idee ist, in einer Kiesgrube in Beringen einen künstlichen See zu realisieren, einen sogenannten Erdbeckenspeicher, der als saisonaler Speicher dienen soll.

Die zentrale Erkenntnis für den Beringer Gemeindepräsidenten: «Es hat sich gelohnt, positiv auf die Betreiber zuzugehen.» Wichtig sei es auch, sich Unterstützung bei Fachleuten zu holen sowie Ängste und Bedenken offen anzusprechen. Und er rät weiter, dass man rasch den Kanton ins Boot holt und wenn möglich auch den Bund. Und ganz wichtig sei auch der Einbezug der Bevölkerung.

Das ganze Interview mit dem Gemeindepräsidenten Roger Paillard und der Leitfaden für Gemeinden und Kantone sind auf Rechenzentren – wichtige Tipps für Kantone und Gemeinden abrufbar.

Der Leitfaden zeigt konkret auf, wie im kantonalen Energie- und Baugesetz, im kantonalen Richtplan oder in der kommunalen respektive regionalen Energieplanung die Rahmenbedingungen geschaffen werden können, damit Rechenzentren effizient sind und die Abwärme möglichst genutzt wird. Zudem enthält der Leitfaden auch eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Vorgehen bei einem konkreten Projekt.

Webinar Effiziente Rechenzentren

Die Veranstaltung zeigt Lösungen zur Verbesserung der Energieeffizienz durch die Nutzung von Abwärme. Themen sind weiter die Planung und Verwaltung von Rechenzentren und die Herausforderungen für die betroffenen Behörden und Standorte.

Zielpublikum: Kantone und Gemeinden

Wann: 24. März 2026 in deutsch und französisch

Details und Anmeldung hier:

Text: Brigitte Mader, Medien und Kommunikation, Bundesamt für Energie
Bild: Keystone-sda; Christian Beutler

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Les stations d’épuration sont capables de produire de l’électricité, de la chaleur et même du carburant à partir des boues des eaux usées. En exploitant ce potentiel, elles deviennent productrices d’énergie. Weiterlesen

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Seit der Gesamtsanierung 2011 setzt das Romantik Hotel Muottas Muragl im Engadin voll auf erneuerbare Energie – für Heizung, Warmwasser und Strom. Wie bewährt sich das 2012 mit dem Watt d’Or ausgezeichnete Energiekonzept auf 2’456 Metern über Meer? Weiterlesen

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2025 ist der Stromverbrauch der Schweiz gegenüber dem Vorjahr um rund 1.1% bzw. 0.6 Terawattstunden (TWh) gestiegen. Im gleichen Zeitraum hat die inländische Stromproduktion um rund 16.5% bzw. 13.3 TWh abgenommen. Das zeigen die provisorischen Schätzungen zur Elektrizitätsbilanz 2025 des Bundesamts für Energie (BFE). Weiterlesen

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Energie lässt sich speichern: Strom in Batterien, als Speicherseen, in Wasserstoff, Wärme in Erdbecken, im Untergrund oder in Tanks. Solche Speicher sind für die nötige Flexibilität des Schweizer Energiesystems der Zukunft wichtig. Weiterlesen

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