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Wasserkraft: Garant für Stabilität in der EnergiewendeWasserkraft: Garant für Stabilität in der Energiewende


In den 1960er-Jahren wurde der Strom in der Schweiz fast ausschliesslich aus Wasser gewonnen, heute sind es noch 60 Prozent. Mit der Energiewende sinkt dieser Anteil weiter – doch die Wasserkraft bleibt zentral.

Die Voraussetzungen für die Nutzung der Wasserkraft sind in der Schweiz sehr gut. In den Voralpen und Alpen fallen im Jahr durchschnittlich 2000 mm Niederschlag. Das bedeutet: Würde das Wasser nicht abfliessen oder verdunsten, stünde in dieser Region das Wasser nach einem Jahr 2 Meter hoch. In einzelnen Gebieten wie dem bernischen Oberhasli, zu dem auch der Grimselpass gehört, sind es sogar 3000 mm.

Schon lange wurden Gewässer in der Schweiz zum Betrieb von Mühlen oder Sägereien genutzt. In der frühen Phase der Industrialisierung im 19. Jahrhundert war die Wasserkraft wichtig für die Textilindustrie. Sie diente dem Antrieb von Spinnereien und Webereien, beispielsweise im Kanton Glarus. Die Produktionsbetriebe lagen dabei direkt am Wasser, um die Wasserkraft mit einem Wasserrad mechanisch zu nutzen.

Strom aus Wasserkraft

Der elektrische Generator änderte das. Die Wasserenergie wurde fortan zur Stromerzeugung genutzt und die Maschinen mit Strom betrieben. Das ermöglichte, dass die Firmen nicht mehr zwingend am Wasser gebaut werden mussten. In der Grossindustrie fand der elektrische Generator gegen Ende des 19. Jahrhunderts breitere Anwendung und führte massgeblich zur weitgehenden Elektrifizierung des Landes. 1914 gab es in der Schweiz bereits 6860 Wasserkraftanlagen – einige lieferten noch mechanische Energie, andere erzeugten schon Elektrizität. Doch mit rund 700 Megawatt (MW) erreichten sie nicht einmal 10 Prozent der Gesamtleistung heutiger Wasserturbinen.

Bis zum Ende des zweiten Weltkriegs wurde eine mittlere Jahresproduktion aus der Wasserkraft von rund 10’000 Gigawattstunden (GWh) erreicht. Das Wachstum zog in den 1950er- und 1960er-Jahren noch stärker an, denn in dieser Zeit wurden die meisten der grossen Hochgebirgsspeicherkraftwerke gebaut – darunter etwa der Grande-Dixence-Staudamm im Wallis. So erreichte die Wasserkraft 1967 eine mittlere Jahresproduktion von circa 28’000 GWh und war für 97 Prozent der landesweiten Stromerzeugung verantwortlich. Schweizer Strom wurde somit fast ausschliesslich mit Wasserkraft produziert. Mit der Inbetriebnahme der ersten Kernkraftwerke Beznau I/II und Mühleberg sank der Anteil in den 1970er-Jahren auf rund 75 Prozent, und in den 1980er-Jahren, als Gösgen und Leibstadt ans Netz gingen, auf knapp 60 Prozent. Dieser Produktionsmix blieb bis heute stabil.

Stark schwankende Stromproduktion

Allerdings konnten und können die jährlichen Schwankungen beträchtlich sein, je nachdem, wie «nass» ein Jahr ist. So war 2024 mit einer Wasserkraftproduktion von 48’337 GWh ein absolutes Rekordjahr, wohingegen im trockenen Jahr 2022 nur 33’501 GWh produziert wurden.

Seit 2009 stehen im Energiegesetz langfristige Zielvorgaben für die Produktion aus Wasserkraft. Im neuen Energiegesetz, liegen die Zielwerte für das Jahr 2035 bei 37’900 GWh und für das Jahr 2050 bei 39’200 GWh. Anfang 2025 lag der Monitoringwert bei 36’901 GWh aus 704 grossen und mittelgrossen Anlagen. Bis 2035 müsste dieser Wert demnach um 1000 GWh steigen. Ein solcher Zubau in zehn Jahren erscheint auf den ersten Blick als machbar. Jedoch wurden als Folge der tiefen Strommarktpreise in den 2010er-Jahren relativ wenige Projekte entwickelt, sodass die Wasserkraft in den nächsten Jahren voraussichtlich kaum ausgebaut wird.

Seit der Einführung der Kostendeckenden Einspeisevergütung im Jahr 2009 haben vor allem Kleinwasserkraftwerke zum Ausbau der Wasserkraft beigetragen. Seit 2018 gibt es erstmals auch eine Förderung von Grosswasserkraftwerken mittels Investitionsbeiträgen. Das Ziel ist, dass die Wasserkraft weiterhin zum Ausbau der inländischen Stromproduktion beiträgt, jedoch weniger stark als andere erneuerbare Energien, da ihr Ausbaupotenzial relativ beschränkt ist. Um die Produktion der Kernkraftwerke zu ersetzen sowie den zusätzlichen Strombedarf infolge der Dekarbonisierung des Energiesystems, des Bevölkerungswachstums und der zunehmenden Digitalisierung abzudecken, soll die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2050 auf 45’000 GWh steigen. Der Anteil der Erneuerbaren (ohne Wasser) am Strommix würde somit von heute 10 auf über 50 Prozent steigen. Die Wasserkraft würde dann weniger als die Hälfte der Gesamtproduktion ausmachen (siehe Abbildung).

Speicherseen stützen die Systemstabilität

Auch wenn die Wasserkraft nicht wesentlich ausgebaut wird – ihre Bedeutung für das Energiesystem wird trotzdem zunehmen. Denn zum einen sorgt die Laufwasserkraft für eine kontinuierliche Stromproduktion. Zum anderen ist die Flexibilität der Speicherwasserkraft entscheidend für die Systemstabilität. Die installierte Leistung von 16,5 Gigawatt (GW) übersteigt zurzeit deutlich die inländischen Verbrauchsspitzen, welche momentan bei etwa 8 GW liegen.

Mit ihren flexibel einsetzbaren Kapazitäten sorgt die Speicherwasserkraft bei ungeplanter Stromnachfrage dafür, dass die Netzfrequenz stabil bleibt und es keine Blackouts gibt. Für diese Flexibilität ist die Wasserkraft auf Wasserspeicher angewiesen. Die grossen alpinen Speicherseen können mit 8900 GWh Energiespeicherung fast ein Viertel der Jahresproduktion einlagern. Sie werden bis im Herbst mit dem Schmelzwasser des Frühjahrs und den Niederschlägen des Sommers gefüllt, um im Winter nach und nach für die Stromproduktion entleert zu werden.

Damit sie Ende Winter nicht komplett leer sind, führte das Parlament mit dem überarbeiteten Stromversorgungsgesetz (StromVG) eine Speicherreserve ein. Das Stimmvolk hat das Gesetz im Juni 2024 deutlich angenommen. Das Gesetz sieht auch den Ausbau der Speicherwasserkraft um mindestens 2000 GWh bis ins Jahr 2040 vor. Damit soll die Versorgungssicherheit im Winter, auch nach Ausserbetriebnahme der Kernkraftwerke, stabil bleiben. Das Gesetz bezeichnet dazu 16 konkrete Projekte, 15 davon stammen aus der gemeinsamen Erklärung des Runden Tischs Wasserkraft. Die wichtigsten Akteure im Bereich der Wasserkraft haben sich an einem runden Tisch ausgetauscht, der 2020 von der damaligen Bundesrätin Simonetta Sommaruga initiiert wurde. Themen waren die Herausforderungen der Wasserkraft bei der Energiestrategie 2050, das Netto-null-Klimaziel, die Versorgungssicherheit und der Erhalt der Biodiversität. Herausgekommen ist dabei eine Liste mit Wasserkraftprojekten, welche weiterverfolgt werden sollen. Doch im August 2025 informierte der Bundesrat, dass mit diesen 16 Projekten bis 2040 voraussichtlich nur 1100 GWh erreicht werden können.

Viele Neukonzessionierungen stehen an

Neben dem Ausbau stellt auch der Erhalt der bestehenden Wasserkraftanlagen eine Herausforderung dar. Wasserkraftanlagen werden auf der Grundlage von Konzessionen betrieben, die maximal 80 Jahre laufen. In den nächsten Jahren müssen viele Konzessionen erneuert werden. Die Konzessionsgeber sind die Kantone und Gemeinden. Sie entscheiden dann über den Weiterbetrieb, die Umweltauflagen sowie über die Eigentümerschaft.

Viele Kantone streben an, noch stärker direkt an den Kraftwerken beteiligt zu sein. Bislang profitieren sie vor allem von den Wasserzinsen, welche die Kraftwerkbetreiber den Kommunen und Kantonen als Entschädigung für die Nutzung der öffentlichen Gewässer bezahlen müssen. Das bingt jährlich über 500 Millionen Franken in die Kassen von Kantonen und Berggemeinden. Die Konzessionserneuerung ist gleichzeitig eine Chance, um die Anlagen zu modernisieren, damit sie für weitere Jahrzehnte im Dienst der Versorgungssicherheit stehen können.

Christian Dupraz, Leiter Sektion Wasserkraft, Bundesamt für Energie

Dieser Artikel wurde erstmals im Magazin des SECO „Die Volkswirtschaft“ veröffentlicht.

Bild: SECO

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