Der Historiker und Publizist Karl Lüönd hat eine Biografie über den «Atompapst» Michael Kohn veröffentlicht. Entstanden ist ein fesselndes Porträt über eine der prägendsten Persönlichkeiten der Schweizer Energiepolitik der letzten Jahrzehnte.

Als mächtiger Manager der Motor-Columbus AG wurde Michael Kohn in den 1970er-Jahren zur Hassfigur der Anti-AKW-Bewegung. Während Jahrzehnten stand er in der Schweiz im Mittelpunkt der energiepolitischen Debatten. Er war ein glühender Verfechter der Kernenergie, der an den technischen Fortschritt glaubte, der die Auseinandersetzung mit Andersdenkenden suchte, der stets mit grosser Leidenschaft für seine Sache kämpfte und dabei auch nicht davor zurückschreckte, unpopuläre Positionen in der Öffentlichkeit zu vertreten.

Der Bau von Kraftwerken als eine patriotische Pflicht

Seine berufliche Laufbahn war in vielerlei Hinsicht exemplarisch für die Entwicklung der Energieversorgung in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa wurde er 1925 in Zürich geboren. Von 1944 bis 1948 studierte er Bauingenieurswesen an der ETH Zürich. 1950 fand er dann eine erste Anstellung bei der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa) im Bereich der Betonprüfung, bevor er 1953 für die Motor-Columbus AG beim Bau der Staumauer in Zervreila im Kanton Graubünden mitwirkte.

In den 1950er-Jahren herrschte ein ungebremster Fortschrittsglaube. Das starke Wirtschaftswachstum führte zu einem stetig steigenden Energieverbrauch. Der junge Bauingenieur sah damals seine Arbeit als eine patriotische Pflicht: «Kraftwerke zu bauen war in diesen Zeiten eine vaterländische Mission. Für uns gab es nichts Wichtigeres als zu bauen und damit den jahrelang beklagten Strommangel zu beheben. Wir wussten genau, dass neue Kraftwerke die Voraussetzungen schafften für den Ausbau der Industrie, für den öffentlichen Verkehr, den häuslichen Komfort. Wir waren getrieben von der Idee, aufzubauen und Energie zu liefern, weil sie die menschliche Zivilisation antreibt», erinnerte er sich später.[1]

Vom Schweizer Hochgebirge in die israelische Wüste

1957 wechselte Kohn vom Schweizer Hochgebirge in den nahöstlichen Wüstensand. Er ging nach Israel, wo er als Bauleiter bei einem Kanalsystem tätig war, das Wasser aus der Region des Sees Genezareth im Norden bis in den trockenen Süden in die Wüste Negev leitete. Als Jude und überzeugter Zionist wollte er seine Kenntnisse über den Bau von Wasserkraftwerken nach Israel bringen. Bei der Besichtigung einer Baustelle nahe der syrischen Grenze warnte ihn der Schweizer Botschafter: «Tragen Sie dort nie ein weisses Hemd! Sie würden es den Scharfschützen zu einfach machen!»[2] Sein bis 1960 dauerndes Engagement diente dem Aufbau des neuen Staates Israel, gleichzeitig profitierten davon aber auch die Schweizer Industriefirmen, die ihre elektromechanischen Ausrüstungen in die israelische Wüste liefern konnten.

Nach seiner Rückkehr aus Israel betreute er bei der Motor-Columbus AG zunächst deren Projekte in Südamerika und stieg dann auf der Karriereleiter steil nach oben bis zum Direktor auf. Als Verwaltungsrat baute er ab 1964 eine nukleartechnische Abteilung auf und plante ab 1966 ein Kernkraftwerk in der Gemeinde Kaiseraugst im äussersten Nordwesten des Kantons Aargau. «Noch immer war der Stromhunger in der Schweiz gewaltig, und wir kämpften um jede Wasserkonzession in den Alpen. Zugleich mussten wir uns eingestehen, dass die Möglichkeiten dort langsam, aber sicher zur Neige gingen. Und da die Elektrizitätswirtschaft eine Branche mit ausgesprochen langen Planungszyklen ist, empfand ich es als meine Aufgabe, mich in der Welt umzuschauen und vorauszudenken», sagte er rückblickend.[3]

Der «Atompapst» als Feindbild der Anti-AKW-Bewegung

Seit den 1960er-Jahren war Kohn schweizweit einer der entschiedensten Verfechter der Kernenergie, weshalb er auch den Spitznamen «Atompapst» erhielt. Nach der Besetzung des Baugeländes des geplanten Kernkraftwerks in Kaiseraugst durch die AKW-Gegner, sagte er 1975: «Doch ist Kaiseraugst vielleicht gerade zum Symbol und zum Prüfstein dafür geworden, ob auch in einer komplexen Materie der Gedanke des Rechtsstaates gewahrt werden kann und ob bei der Lösung grosser, anspruchsvoller Aufgaben in unserem Staat ein objektives, sachliches Gespräch ohne Emotionen gefunden werden kann. Wenn das gelingt, könnte Kaiseraugst zu einem reinigenden Gewitter werden, wenn nicht, zu einem bedenklichen Beginn der Emotionalisierung und Verwilderung im politischen Geschehen.»[4]

Als Verwaltungsratspräsident der Motor-Columbus AG wurde Kohn zum Feindbild der AKW-Gegner. In der Nacht vom 19. auf den 20. Mai 1979 wurde sein Chevrolet Camaro in einer Tiefgarage in Zürich bei einem Brandanschlag zerstört. Zwei Tage später brannten weitere sechs Autos von Vertretern der Stromwirtschaft in der Deutschschweiz und im Tessin. Kohn musste seine Wohnungstür panzern und sich mit Leibwächtern umgeben. Mit dem Terror versuchten die Linksextremisten die Vertreter der Energiebranche einzuschüchtern. In einem Pamphlet erklärten sie: «Ihre zur Schau getragene technische und administrative Übermacht muss zu wackeln beginnen. Es muss gezeigt werden, dass diese von Arroganz strotzenden Herren nichts anderes sind als die neuen Zauberer des Kapitals, die Drahtzieher einer neuen lebensfeindlichen Entwicklung, einer qualitativ neuen Herrschaft über die Arbeitskraft.»[5]

Die ideologische Spaltung der Gesellschaft

Ab Mitte der 1970er-Jahre spaltete die Kernenergie die Gesellschaft. Befürworter und Gegner bekämpften sich in einem erbitterten Glaubenskrieg. Ein Kompromiss schien kaum noch möglich, vielmehr verschärften sich die Gegensätze. «Die Auseinandersetzungen, welche die Elektrizitätswirtschaft heute führt oder führen sollte, kreisen nur vordergründig um die Frage der Kraftwerke, der Radioaktivität und der Entsorgung. Das sind nur die Vornamen. Es geht auch um die Gesellschafts- und Lebensform, die entweder unserem Wertesystem oder demjenigen unserer Widersacher entspricht», meinte Kohn 1982.[6] Der ideologische Machtkampf drohte zeitweise in gewalttätigen Auseinandersetzungen zu eskalieren. Linksextreme Gruppen innerhalb der Anti-AKW-Bewegung gingen Ende der 1970er-Jahre zum Terrorismus über, während gleichzeitig radikale, rechte Bürgerwehren mit Selbstjustiz drohten.

Die Unfälle in Three Mile Island 1979 und Tschernobyl 1986 führten dazu, dass die Akzeptanz der Kernenergie immer weiter abnahm. 1988 wurde das geplante Kernkraftwerk in Kaiseraugst endgültig begraben, und 1990 stimmte eine Mehrheit der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger einem zehnjährigen Stopp für den Bau neuer Kernkraftwerke zu. Zwanzig Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl war die Zustimmung zur Kernenergie jedoch wieder ähnlich hoch wie zuvor. Anlässlich des 20. Jahrestags von Tschernobyl meinte Kohn 2006: «Ich bin aus Überzeugung für die Kernenergie», und während er auf den Kühlturm des Kernkraftwerks Gösgen deutete, sagte er: «Das Werk hier ist doch der Beweis für die Zuverlässigkeit – das läuft wie ein Örgeli.»[7]

Eine langfristige Strategie für die Energieversorgung der Schweiz

1973 hatte die Ölkrise der Schweiz ihre Abhängigkeit von Energieimporten drastisch vor Augen geführt. Nach dem Ausbruch des Yom-Kippur-Krieges hatten die wichtigsten arabischen Staaten den Ölhahn zugedreht, um die westlichen Industriestaaten für ihre pro-israelische Politik zu bestrafen. Das Öl machte damals in der Schweiz knapp 80 Prozent des Energieverbrauchs aus. Das Öl wurde knapp und teuer. Die betroffenen Länder reagierten mit Sparmassnahmen, Benzinrationierungen und Geschwindigkeitsbeschränkungen und auch der Bundesrat verordnete damals aufgrund der Lieferengpässe in der Schweiz drei autofreie Sonntage.

SP-Bundesrat Willi Ritschard setzte daraufhin 1974 die Gesamtenergiekommission (GEK) ein, die erstmals eine langfristige Strategie für die Energieversorgung der Schweiz ausarbeiten sollte. Das Präsidium der GEK übertrug er Kohn. Die Energiebranche rechnete damals damit, dass bis ins Jahr 2000 in der Schweiz mindestens 15 bis 20 neue Kernkraftwerke gebaut würden. Aufgrund des politischen Drucks der Anti-AKW-Bewegung mussten die Bedarfsprognosen in den späten 1970er-Jahren allerdings revidiert werden. 1978 empfahl die GEK eine Beschränkung des ursprünglich vorgesehenen Bauprogramms, hielt aber den Bedarf für die unmittelbar geplanten Kernkraftwerke weiterhin für gegeben.

Die GEK entwickelte 13 mögliche energiepolitische Szenarien – von ultraliberal bis total verstaatlicht – und analysierte deren mutmassliche volkswirtschaftlichen, finanziellen, ökologischen, gesellschaftlichen und politischen Folgen. Auf dieser Grundlage wurde anschliessend der Energieartikel für die Bundesverfassung ausgearbeitet, der 1983 zunächst knapp am Ständemehr scheiterte, 1990 aber mit grossem Mehr angenommen wurde. Die damals formulierten Prinzipien «Sparen, Forschen und Substituieren fossiler Energieträger» sind bis heute gültig. Energiesparen, die Förderung der erneuerbaren Energien, der Ersatz der fossilen Energien, Forschung und Entwicklung sowie die zentrale Bedeutung einer hohen Versorgungssicherheit sind bis heute wichtige Eckpfeiler der Schweizer Energiepolitik.

Antisemitismus und nachrichtenlose Vermögen

Durch die jüdische Herkunft seiner Familie war Kohn seit seiner Jugend mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert. Die Familie lebte jahrelang auf gepackten Koffern. «Wir wussten: Es kann uns treffen, tödlich treffen, schon bald. Wir waren bereit zu gehen, wohin auch immer…», erinnerte er sich später.[8] Sein Vater war vor dem Ersten Weltkrieg aus Polen nach La Chaux-de-Fonds gekommen, um das Uhrmacherhandwerk zu lernen. Da er aber keine Stelle finden konnte, klapperte er in der Schweiz die Jahrmärkte ab und verkaufte Kleider. Nach anfänglich schwierigen Jahren konnte er schliesslich ein Geschäft an der Langstrasse in Zürich erwerben. Als Halbwüchsiger half Kohn im Geschäft seines Vaters mit. Die Hetzparolen der Fröntler bekam er damals in den späten 1930er-Jahren hautnah mit. Einmal musste er vom Schaufenster ihres Ladens ein Plakat abkratzen, auf dem geschrieben stand: «Kauft nicht beim Juden!»[9]

Von 1988 bis 1992 war Kohn Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). Das Engagement für die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz war für ihn auch eine Rückkehr zu seinen familiären, jüdischen Wurzeln. Anfang der 1990er-Jahre wurde in der Schweiz das Holocaust-Thema und die nachrichtenlosen Vermögen politisch virulent. Auch Kohn kannte durch seine Eltern viele Geschichten von verschwundenen Geldern auf Schweizer Bankkonten. 1995 wurde der Wert der durch die Schweizer Banken einverleibten nachrichtenlosen jüdischen Vermögen auf über 40 Millionen Franken geschätzt. Kohn setzte sich damals für eine sachliche Klärung der Angelegenheiten und für eine Verständigung zwischen den jüdischen Organisationen und den Schweizer Banken und Behörden ein.

Für seine Biografie «Der Energiepapst» hat der Historiker Karl Lüönd zahlreiche Gespräche mit Kohn geführt, der 2018 im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Das Buch lebt von dessen Erinnerungen, die der Autor gekonnt in den Kontext der Schweizer Geschichte einordnet. Das spannend geschriebene Porträt erzählt die bewegte Biografie Kohns, gleichzeitig aber auch die Geschichte der Schweizer Energiepolitik vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis ins neue Jahrtausend. Das reichhaltig bebilderte Buch ist für alle, welche die historischen Ursprünge unserer heutigen Energiepolitik besser verstehen wollen, eine gewinnbringende Lektüre.

Michael Fischer, Historiker und Fachspezialist Bundesrats- und Parlamentsgeschäfte beim Bundesamt für Energie

 Anmerkungen

[1] Karl Lüönd: Der Energiepapst. Wirken, Werk und Werte von Michael Kohn. Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Band 117. Zürich: Verein für wirtschaftshistorische Studien, 2020, S. 27.
[2] Karl Lüönd 2020, S. 33.
[3] Karl Lüönd 2020, S. 35.
[4] Zitiert nach Patrick Kupper: Atomenergie und gespaltene Gesellschaft. Die Geschichte des gescheiterten Projektes Kernkraftwerk Kaiseraugst. Zürich: Chronos Verlag, 2003, S. 223.
[5] Zitiert nach Ulrich Fischer: Brennpunkt Kaiseraugst. Das verhinderte Kernkraftwerk. Bern: Interforum, 2013, S. 107.
[6] Karl Lüönd 2020, S. 90.
[7] Zitiert nach Thomas Angeli: Der Tag, an dem die Wolke kam. In: Beobachter, 27.3.2006.
[8] Karl Lüönd 2020, S. 20.
[9] Karl Lüönd 2020, S. 19.

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2 Kommentare
  1. Johannes Hammer
    Johannes Hammer sagte:

    Wäre es denkbar, dass da etwas mit der Bildunterschrift schief gelaufen ist? Das Bild zeigt doch den betagten Herrn Kohn auf einer Wiese im Osten des Kühlturms von KKG und muss später als 1979 aufgenommen worden sein. Das Bild bei der Überschrift hingegen zeigt das Modell eines Druckwasserreaktors vom Typ KKG, wie es heute im Besucherzentrum zu sehen ist.

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    • energeiaplus
      energeiaplus sagte:

      Vielen Dank für die Beobachtung. Wir haben die Bildunterschrift aus dem Bild entfernt, weil sie auf dem falschen Bild war.

      Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.

      Team Energeiaplus

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