Mobil unterwegs, aber energieeffizient: Wo sind die Herausforderungen?
Kein Sektor verursacht in der Schweiz mehr Treibhausgase als der Verkehr. Der Grund: 90% der benötigten Energie stammt aus fossilen Quellen im Ausland. Wenn die Schweiz das Netto-Null-Ziel beim Verkehr erreichen will, muss zukünftig erneuerbare Energie statt Benzin oder Diesel Autos, Busse und Lastwagen antreiben.
Wie gelingt der Umstieg? Wo sind die grössten Herausforderungen auch vor dem Hintergrund von unterbrochenen Lieferketten wie der Strasse von Hormuz beispielsweise? Im Vorfeld des Swiss Mobility Forums in Bern vom 15. September in Bern nimmt Fabian Etter, Co-Präsident von Swisscleantech, im Interview Stellung.
Energeiaplus: Gut jedes dritte neu zugelassene Auto hatte im ersten Halbjahr 2026 einen Stecker. Auch die elektrisch-betriebenen Lastwagen und die leichten Nutzfahrzeuge verzeichnen ein Wachstum. Wie lautet Ihre Beurteilung dazu?

Fabian Etter ist Co-Präsident von Swisscleantech.
Fabian Etter: Das Wachstum der Elektromobilität über alle Fahrzeugkategorien hinweg ist zweifellos erfreulich. Denn die Elektrifizierung des Strassenverkehrs ist eine zentrale und heute breit verfügbare Lösung zur Reduktion der Emissionen. Studien der Empa und des Paul-Scherrer-Instituts zeigen ein klares Bild: Werden Herstellung, Betrieb und Entsorgung über den gesamten Lebenszyklus berücksichtigt, weisen batterieelektrische Autos in der Schweiz deutlich geringere Treibhausgasemissionen auf als vergleichbare Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor.
Gleichzeitig müssen wir festhalten: Die Schweiz bleibt unter ihren Möglichkeiten. Wir sind im europäischen Vergleich bei den Neuzulassungen von einer Top-fünf-Platzierung auf den 13. Rang abgerutscht. Dies zeigt, dass andere Länder die Elektrifizierung des Verkehrs konsequenter und verlässlicher vorangetrieben haben. Norwegen hat Elektroautos von Beginn an gesamtheitlich und langfristig gefördert, aber auch Schweden, Dänemark und Holland sind bekanntlich deutlich weiter als wir.
Sie sagen, im Vergleich zum Beispiel mit Norwegen hinkt die Schweiz hinterher. Woran liegt das in Ihren Augen?
Die Schweiz hat es bisher verpasst, die richtigen Rahmenbedingungen für die Elektromobilität zu schaffen. Entscheidend ist vor allem eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur. Wer sich für ein Elektroauto entscheiden soll, muss es zu Hause zuverlässig laden können.
Gerade in der Schweiz ist das zentral: Viele Menschen leben zur Miete oder im Stockwerkeigentum. Sie sind darauf angewiesen, dass an ihrem Parkplatz eine geeignete Ladeinfrastruktur zur Verfügung steht. Fehlt diese, fällt der Entscheid für ein Elektroauto oft bereits im Ansatz weg. Mit der von GLP-Präsident Jürg Grossen lancierten und vom Parlament unterstützten Motion «Recht auf Laden», für die wir uns auch von Seiten swisscleantech eingesetzt haben, geht es hier nun aber endlich vorwärts.
Hinzu kommt ein regulatorischer Flickenteppich bei den Motorfahrzeugsteuern: 26 Kantone, 26 unterschiedliche Regelungen – mit sehr unterschiedlichen Anreizen für die Elektromobilität. Und mit der geplanten E-Abgabe ab 2031 droht bereits der nächste Bremsklotz, noch bevor der Markt wirklich ins Rollen gekommen ist.
Bei den Neuzulassungen von E-LKW ist die Schweiz hingegen führend. Welche Lehren aus diesem Erfolg lassen sich auf den Personenverkehr übertragen?
Bei den E-LKW zeigt sich sehr deutlich: Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, bewegt sich der Markt. Die Schweiz ist hier europäische Spitzenreiterin. Ein wichtiger Grund ist die Befreiung von der LSVA, die bei Diesel-LKW oft einen mittleren fünfstelligen Betrag pro Jahr ausmacht. Durch diese Befreiung wird der Elektro-LKW über die Nutzungsdauer wirtschaftlich attraktiv. Das sehen wir bei vielen unserer Mitglieder aus der Logistikbranche, die stark auf die Elektrifizierung setzen.
Die Lehre für den Personenverkehr ist klar: Preissignale wirken. Auch bei Personenwagen braucht es verlässliche Rahmenbedingungen, die den Umstieg erleichtern statt bremsen. Insbesondere, da Verbrenner bis heute nicht die externen Kosten, welche der CO2-Ausstoss verursacht, vollständig tragen.
Trotz der widersprüchlichen politischen Signale bleibe ich zuversichtlich: Die Entwicklung im Bereich der E-Autos verläuft rasant, die Modellpalette wird breiter, die Kosten sinken, die Ladeinfrastruktur wird besser.
Rund die Hälfte aller neu zugelassenen Fahrzeuge in der Schweiz gehören zu Unternehmensflotten. Müssten wir die Elektrifizierung stärker über Firmenwagen als über private Kaufanreize vorantreiben?
Es braucht beides, aber ja, Unternehmensflotten sind ein zentraler Hebel. Rund die Hälfte der Neuwagen in der Schweiz wird auf Unternehmen zugelassen. Firmenflotten sind deshalb ein zentraler Hebel für die Elektrifizierung. Firmen erneuern ihre Fahrzeuge meist schneller als Private und rechnen stärker über die Lebenszykluskosten. Zudem: Was heute als Firmenwagen gekauft oder geleased wird, kommt später als Occasion in den Privatmarkt.
Viele unserer 700 swisscleantech Mitglieder aus allen Branchen gehen bei der Elektrifizierung der Fahrzeugflotte denn auch voran, weil sich dieser Schritt finanziell lohnt, sie ambitionierte Klimaziele erreichen und Abhängigkeiten reduzieren wollen. Das Gesamtbild bei den Unternehmensflotten bleibt jedoch uneinheitlich. Viele Unternehmen gehen voran, zugleich bremsen fehlende Lademöglichkeiten und steuerliche Fehlanreize den Umstieg. Deshalb braucht es verlässliche Ladeinfrastruktur am Arbeits- und Wohnort, gezielte Investitionsanreize für Ladeanlagen und eine steuerliche Behandlung, die elektrische Geschäftsfahrzeuge gegenüber Verbrennern nicht benachteiligt.
Swiss Mobility Forum 2026
Der nationale Impulstag für energieeffiziente, zukunftsfähige Mobilität in Unternehmen findet am 15. September in Bern statt. Er richtet sich an Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik und öffentlicher Hand.
Bundesrat Albert Rösti wird am Anlass die Perspektiven zur Entwicklung der Mobilität in der Schweiz aufzeigen.
Die Veranstaltung wird von EnergieSchweiz, dem Programm des Bundesamt für Energie für Energieeffizienz in Zusammenarbeit mit dem Kanton Bern und weiteren Partnern und Partnerinnen organisiert
Weitere Informationen gibt es hier: Swiss Mobility Forum 2026 – Mobilität neu denken
Anmeldung hier: Swiss Mobility Forum –BERNEXPO/Cube, Bern
Stichwort Arbeitsweg: Mein Sohn arbeitet in der Industriezone in einem Ort ausserhalb von Bern. Mit dem Auto braucht er von Bern 20 Minuten, mit dem ÖV über eine Stunde. Welche nachhaltigen Lösungen gibt es in solchen Fällen? Welche Fragen stellen sich da?
Solche Beispiele zeigen: Auch künftig wird es Autos brauchen, gerade in ländlichen Gegenden oder bei Schichtarbeit. Die Verkehrsperspektiven des Bundes gehen zurecht nicht von einer autofreien Zukunft aus.
Trotzdem haben wir das Potential des ÖV noch nicht ausgeschöpft: Es braucht bessere ÖV-Verbindungen und Alternativen wie Park+Ride, Fahrgemeinschaften, Shuttle-Lösungen und gute Angebote für die letzte Meile. Die SBB bietet beispielsweise Lösungen für die multimodale Mobilität (Kombination von mehreren Verkehrsmitteln). Ziel muss sein, den Modalsplit zu verbessern, ohne die Realität solcher Arbeitswege auszublenden. Oft bietet sich bei solchen Distanzen auch ein E-Bike als Lösung an.
Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter dazu animieren, den Arbeitsweg nachhaltiger zu gestalten?
Neben den bereits erwähnten Massnahmen zum Beispiel auf der Infrastrukturseite, gibt es weitere Möglichkeiten, um die Mobilität der Mitarbeitenden nachhaltiger zu gestalten. Das Start-up 42hacks beispielsweise hat ein Tool für Unternehmen entwickelt, das den Mitarbeitenden ermöglicht, über ihr Smartphone auf Firmen-ÖV-Abos, Last-Mile-Services, Fahrradangebote, Firmenparkplätze und Elektroauto-Ladestellen zuzugreifen. Die Unternehmen, die dieses Tool anbieten, können so einerseits sehen, wie sie die Mobilität nachhaltiger gestalten können und andererseits, ob ihre Strategie dazu beiträgt, CO2-Emissionen zu reduzieren. Weitere ähnliche Angebote gibt es auch von den Firmen Urban Connect oder Mobalt.
EnergieSchweiz fördert verschiedene Projekte im Mobilitätsbereich. In unserem Online-Magazin energeiaplus.com haben wir aufgezeigt, wie drei unterschiedliche Unternehmen die nachhaltige Mobilität fördern. Sind das Einzelfälle?
Nein, das sind keine Einzelfälle. Auch in der swisscleantech-Community machen viele Unternehmen bei der Dekarbonisierung vorwärts.
Siemens, Swisscom, IKEA, APG oder Coca-Cola oder HBC elektrifizieren ihre Flotten konsequent. V-ZUG geht ebenfalls voran: mit einem umfassenden Mobilitätskonzept, einem firmenintern festgelegten CO2-Preis für die CO2-Emissionen des Unternehmens, Mobilitätsbudget, elektrischen LKWs und einem eigenen Klimafonds. Diese Beispiele zeigen, dass nachhaltige Mobilität in vielen Unternehmen zunehmend Bestandteil langfristiger Unternehmensstrategien wird.
Welche Ansätze (neben der Elektrifizierung) sind aus Ihrer Sicht am erfolgversprechendsten, um den Wirtschaftsverkehr auf nachhaltigere Alternativen zu verlagern?
Wir sind bezüglich weiteren Alternativen synthetischer Treibstoffe in der breiten Anwendung im Strassenverkehr skeptisch. Punkto Kosten werden sie kaum mit Elektrofahrzeugen mithalten können, und auch die Verfügbarkeit wird ein limitierender Faktor bleiben. Folglich werden solche Anwendungsmöglichkeiten weniger im allgemeinen Strassenverkehr, sondern eher im Flugverkehr oder in gewissen Nischen mit hoher Zahlungsbereitschaft zu finden sein.
Unterbrochene Lieferketten und die geopolitische Situation zeigen auf, wie die Abhängigkeit von Erdöl und Gas ein Problem darstellt. Erhält die Dekarbonisierung bei der Mobilität dadurch einen Schub?
Die Schweiz importiert heute über 70 Prozent ihrer Energie – insbesondere in Form von Erdöl, Erdgas und Kernbrennstoffen.
Die geopolitischen Verwerfungen machen vielen Menschen bewusst, dass fossile Energien nicht nur ein Klimaproblem sind, sondern auch ein Versorgungs- und Sicherheitsrisiko sind. Eine klimataugliche Mobilität heisst deshalb mehr Resilienz in unsicheren Zeiten.
Der Handlungsbedarf ist denn auch gross: Der Verkehr verursachte 2024 rund 38 Prozent des Schweizer Energieverbrauchs; rund 90 Prozent des Energiebedarfs im Verkehrssektor stammen weiterhin aus importierten fossilen Treibstoffen. Je schneller wir auf effiziente, erneuerbare Antriebe umstellen, desto resilienter wird unser Mobilitätssystem.
Sie sind Co-Präsident eines Wirtschaftsverbandes. Welche politischen Rahmenbedingungen fehlen im Verkehrsbereich aus Ihrer Sicht?
Wichtig ist uns im Moment vor allem, dass wir bei der Elektrifizierung schneller vorankommen. Denn der Verkehr verantwortet nach wie vor einen grossen Teil der Klima- und Umweltkosten, die heute nur sehr begrenzt von den Verursachenden getragen werden. Dieses Marktversagen sollte man durch die richtigen Rahmenbedingungen beheben. Auch darum finden wir die Überlegungen des Bundesrates für die Einführung eines Emissionshandelssystem für die Mobilität interessant.
Zentral ist dabei, dass der Preis den Schadenskosten entspricht, um die gewünschte Lenkungswirkung zu entfalten. Bei der kommenden Revision des CO2-Gesetzes für die Zeit ab 2030 werden wir uns generell für mehr Kostenwahrheit im Strassenverkehr einsetzen.
Zudem macht der Umstieg auch Sinn, um die erwähnten Abhängigkeiten von fossilen Energien zu reduzieren. Wir halten es daher für falsch, mit einer neuen Strassenverkehrsabgabe für Elektroautos den Umstieg auf diese Antriebsart zu reduzieren. Wir sollten der E-Mobilität die nötige Zeit gewähren und den Markthochlauf nicht zusätzlich verlangsamen. Gleichzeitig ist klar, dass Elektrofahrzeuge langfristig ebenfalls einen fairen Beitrag an die Infrastruktur leisten müssen. Dies gilt auch für E-LKW.
Wo steht die Schweiz bei der Mobilität im Jahr 2035, wenn alles gut läuft – und wo, wenn wir so weitermachen wie heute?
Wir arbeiten als swisscleantech konsequent darauf hin, dass die Schweiz ihr von der Bevölkerung klar angenommenes Netto-Null Ziel 2050 umsetzt und zeigt, wie sie dadurch resilienter und wettbewerbsfähiger wird – was auch andere Länder inspirieren kann. Das entsprechende Klima- und Innovationsgesetz sieht vor, dass die Emissionen im Verkehr bis 2040 gegenüber 1990 um 57 Prozent sinken.
Deshalb ist klar: 2040 muss der Verkehr deutlich stärker elektrifiziert, effizienter organisiert und viel intensiver mit dem Energiesystem verbunden sein – bidirektionales Laden wird dann beispielsweise eine relevante Rolle spielen. Wir werden alle von der Elektrifizierung profitieren: weniger Lärm, tiefere Betriebskosten, Synergien mit der eigenen Produktion von erneuerbarem Strom, tiefere Netzkosten und die Nutzung der Batterien als Speicher.
Unsere swisscleantech Mitglieder zeigen eindrücklich auf, was alles heute bereits möglich ist. Deshalb ist das Weiter-wie-bisher gar kein denkbares Szenario.
Interview: Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie
Bild: Patrick Federi
Swisscleantech
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