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Nachhaltige Mobilität konkret: Die Stadt Wil zeigt, wie’s geht


«E-Mobility für alle», On-Demand-Abend Bus oder ViaVelo-Heimlieferdienst: Die St. Galler Stadt Wil will punkto nachhaltige Mobilität zum Vorbild für andere werden. Sie macht mit beim Programm Monamo (Modelle nachhaltige Mobilität), das von EnergieSchweiz lanciert wurde. Energeiaplus zeigt auf, wo Wil neue Wege geht und fragt, wo die Herausforderungen dabei liegen.

2019 hat das bürgerlich geprägte Stadtparlament den Klima-Notstand verkündet. In einer Resolution wurde festgehalten: Bis 2030 sollen Stadtverwaltung und verwaltungsnahe Betriebe klimaneutral sein, bis 2050 die ganze Ostschweizer Stadt mit ihren 25’000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Mit Anreizen will Wil dieses Ziel erreichen und setzt nun unter anderem bei der Mobilität an – mit einem Strauss von Angeboten.

Velo-Grossanhänger für Transporte bis 120 Kilo. Copyright TBW, credit Daniel Schmied

Alle Wilerinnen und Wiler erhalten ein Jahr lang gratis ein Mobility-Abo. Sie bezahlen nur für die gefahrenen Kilometer und die Dauer der Ausleihe. Knapp 350 Mobility-KundInnen gab es vor dem Start der Aktion Anfang September. Ende Oktober waren es bereits über 500. Die 700 Stadtangestellten können zudem für ihre Dienstfahrten alle Mobility-Fahrzeuge gratis benutzen. Acht Fahrzeuge an drei Standorten stehen zur Verfügung. Bis Ende 2021 soll zudem die ganze Mobility-Flotte in Wil elektrifiziert sein: Die erste Stadt der Schweiz mit 100% E-Autos im Sharing.

Shared Mobility fördert die Stadt auch bei den Zweirädern. Zwei E-Cargo-Velos stehen zum Ausleihen parat. Zudem können Bevölkerung und Unternehmen der Stadt diverse E-Cargobikes sowie einen Velo-Grossanhänger für Transporte bis zu 120 Kilo testen. Für diesen Velo-Anhänger brauchte es eine Spezialbewilligung des kantonalen Strassenverkehrsamts.

Ab Frühling 2022 hat Wil auch ein neues ÖV-Angebot in den Abendstunden. Der Bus funktioniert nach dem On-Demand-Prinzip und löst das Abendtaxi ab. Man bucht ihn via App für virtuelle Haltestellen für alle möglichen Verbindungen. Das Angebot ist Bestandteil des öffentlichen Tarifsystems.

Ein E-Cargobike-Heimlieferdienst für Einkäufe oder -Abholdienst für die Entsorgung von Abfällen, die nicht in den Haushaltkehricht gehören, runden die Wiler Initiative ab.

Und wie finanziert sich das alles?

  • mit einem Beitrag aus der Gewinnverwendung der Technischen Betriebe Wil. Das Parlament hat 2019 entschieden, dass dieser Beitrag in definierte Projekte für Energieeffizienz und für den Ersatz der fossilen Energien eingesetzt wird.
  • Mit Beiträgen aus dem Monamo-Topf von EnergieSchweiz. 40 Prozent der Kosten übernimmt das Bundesamt für Energie als Subvention. Konkret eine halbe Million Franken für die Jahre 2021-2025 – Pro Jahr ca. 100’000.- Franken.
  • Mit Eigenleistungen und Partnerschaften (z.B. mit Car-Sharing-Anbieterin Mobility, BUS Ostschweiz AG, dem Kanton St. Gallen, der den On-Demand-Bus ins Tarifsystem aufgenommen hat.

Stefan Grötzinger – Bild: zvg

Stefan Grötzinger, Energiebeauftragter der Stadt Wil und Programmleiter von MONAMO WIL ist die treibende Kraft hinter dem Wiler Nachhaltigkeits-Paket. Energeiaplus hat mit ihm über Chancen und Herausforderungen gesprochen.

Energeiaplus: Velo-Heimlieferdienst, On-Demand-Busse in den Randstunden, E-Cargo-Velos zum Ausleihen. Sie erfinden mit ihren Angeboten das Rad nicht neu. Was zeichnet das Wiler Angebot aus in Ihren Augen?

Stefan Grötzinger: Für die bürgerliche Ostschweizer Stadt Wil mit einem hohen Motorisierungsgrad sind solche Angebote neu. Das MONAMO Programm fordert uns auf, neue Wege zu gehen. Mit den Dienstleistungen «E-Mobility für alle», dem exklusiven Cargo-Anhänger und dem On-Demand-Bus im Tarifsystem sind wir schweizweit einzigartig.

Welchen Rückhalt spüren Sie in der Bevölkerung?

Mit Public Private Partnerships und der Integration von BürgerInnen, Vereinen, Unternehmen, Schulen, Verbänden und PolitikerInnen schaffen wir Wiler Monamo-Ambassadoren, die als Multiplikatoren für die Bevölkerung wirken. Zudem erarbeiteten wir die Massnahmen in einem partizipativen Prozess und sind stets offen für neue Ideen aus den Reihen der Bevölkerung, Unternehmen und Verbänden.

Zudem haben wir das Gefäss «Early Adopters», wo WilerInnen als Testpersonen neue Dienstleistungen im Laborumfeld ausprobieren und Optimierungsvorschläge einbringen können, bevor wir die Dienstleistungen auf das Stadtgebiet skalieren. Diese Gruppe ist Gold wert.

Wie gefragt sind die Angebote, die bereits angelaufen sind? Kommen sie bei den Wilerinnen und Wilern an?

Die Angebote sind, wie erwähnt, in Wil noch neu und haben vorerst das Ziel den WilerInnen spielerisch aufzuzeigen, wie man nachhaltig unterwegs zu sein kann – nach dem Motto «Probieren geht über Studieren». Das BFE fordert zudem eine Wirkungsanalyse, und dazu werden wir neben den quantitativen Zahlen zur Nutzung auch qualitative Erhebungen zur Zufriedenheit bei der Bevölkerung durchführen.

Und wo liegen die grösste Herausforderungen?

Den Weg zur Netto-Null-Gesellschaft schaffen wir nur mit Verhaltensänderungen. Diese brauchen Zeit. Hier sehe ich eine grosse Herausforderung. Ausserdem gilt es, die jungen Leute ins Boot zu holen. Sie sind sehr preissensitiv.

Wir wollen deshalb aufzeigen, dass eine Netto-Null-Mobilität Spass machen kann und über das Austesten zu einer Verhaltensänderung führt.

Welche Rolle spielte das Monamo-Programm für die Lancierung all dieser Massnahmen?

Mit der finanziellen Unterstützung können neue Projekte rascher in der Stadt Wil umgesetzt werden als üblich. Zudem profitieren wir von einem schweizweiten Netz an Fachpersonen, die wir bei Bedarf für Projekte beiziehen können.

Das Monamo-Programm ist auf fünf Jahre ausgelegt. Was ist danach? Werden die Angebote weiter geführt?

MONAMO Wil soll einen Anstoss geben für andere Gemeinden zur Umsetzung von nachhaltigen Mobilitätsdienstleistungen. Aufgrund der Klimaziele geht es nach fünf Jahren genauso weiter. MONAMO Wil ermöglicht nun, während fünf Jahren neue Ideen zu testen und wenn möglich für andere Gemeinden zu skalieren. Wir bleiben dran bis 2050.

 

Das Wichtigste zu Monamo:

Bei Monamo konnten sich Gemeinden mit rund 8’000 bis 50’000 Einwohnerinnen und Einwohner bewerben. Das Ziel ist, innovative Ansätze für eine nachhaltige Gemeindemobilität zu entwickeln und zu erproben. Monamo-Gemeinden sollen zu Vorbildern für andere Gemeinden im Bereich nachhaltiger Mobilität werden und zur Nachahmung anregen.

EnergieSchweiz unterstützt die ausgewählten Gemeinden über maximal fünf Jahre beratend und finanziell (max. 500’000 Franken). Neben Wil hat auch die Stadt Aarau ein Monamo-Projekt.

Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie

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