?

Vor Weinachten zögerte ich, die Einladung zur Teilnahme an der ersten Tiefenprüfung der Energiepolitik Indiens durch die Internationale Energie-Agentur (IEA) anzunehmen, da die Herausforderungen und Komplexität des Landes Ehrfurcht gebieten. Nach dem Einlesen in eine umfangreiche Dokumentation und acht intensiven Tagen mit einem Halbdutzend Ministerien sowie Dutzenden Wirtschaftsverbänden und Denkfabriken bleiben schwindelerregende Einblicke. Am Schluss des Besuchs überreichte das 12-köpfige internationale Expertenteam der Regierung eine provisorische 30-seitige Analyse, die in den kommenden Monaten vertieft wird. Indien ist dabei, die Entwicklung Chinas nachzuahmen. 

Die steil wachsende Energienachfrage und die sich aufgrund des Wertverlusts der Rupee verteuernde Erdöl-Importabhängigkeit erklären, wieso Versorgungssicherheit für die Regierung Priorität hat. Bis 2018 wurden alle Dörfer elektrifiziert, über 500 Millionen Bewohner erhielten einen Stromanschluss. 60 Millionen Haushalte werden mit subventioniertem Kochgas versorgt und müssen nicht mehr Holz sammeln. 175 GW an neuen Erneuerbaren sollen bis 2022 ans Netz und bereits werden Ziele von bis 500 GW genannt. Diese mögen zu ambitioniert sein, da Einiges bei Ausschreibungen für Grossanlagen und dem Zubau von Rooftop-Solar verbessert werden muss. Milliarden-Subventionen wurden gestrichen und nunmehr gezielt an Bedürftige bezahlt. Für die Grossindustrie wurde ein Effizienz-Zertifikats-Handel eingeführt. Umgerechnet 60 Mrd. $ an Schulden von chronisch defizitären gliedstaatlichen Stromverteilern wurden umstrukturiert. Der Zementsektor zählt zu den weltweit effizientesten.

Die Regierung weiss, dass noch enorm viel zu tun ist, läuft aber gegen gliedstaatliche Kompetenzen an und kämpft gegen die mangelnde Umsetzung insbesondere von Luftreinhaltungsnormen. Die Energiepolitik der Gliedstaaten weist grosse Unterschiede auf. Bei der Kohleförderung müssen verkrustete Strukturen aufgebrochen werden. Kohletransporte auf der Schiene subventionieren den Personenverkehr. Im Stromsektor wurden Reformen eingeleitet zur Entflechtung eines Knäuels von Quersubventionierung von Haushalten und Landwirtschaft durch die Industrie, nicht-kostendeckenden Preisen, nur langsam sinkenden Netzverlusten und Stromklau, gestrandeten Kohle-Kapazitäten, unterversorgten Industrie-Kraftwerken sowie starren Langfristverträgen aus Zeiten, wo der Kapazitätszubau kritisch war. Letztere bevorzugen subkritische Kohlekraftwerke und hemmen die Innovation. In wenigen Jahren wurden die regionalen Netze zu einem landesweiten System verbunden. Die Integration des rapide steigenden Wind- und Solarstroms stellt neue Herausforderungen. Das industriepolitische Gebot der einheimischen Herstellung von Solarpaneelen, statt mit chinesischen Produkten überflutet zu werden, ist bisher gescheitert. 

Indien wird sein Emissionsintensitätsziel gemäss Pariser Abkommen leicht erfüllen. Dass Klimapolitik in Anbetracht der weit unter dem Weltdurchschnitt liegenden Pro-Kopf-Emissionen weniger prioritär ist, ist verständlich. Doch hat ein bedeutender Teil der Industrie bereits einen Shadow Carbon-Preis eingeführt.

Jean-Christophe Füeg, Leiter Internationales, Bundesamt für Energie

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 1 Vote(s), Durchschnitt: 4,00
Loading...
4 Antworten
  1. Christina Marchand
    Christina Marchand sagt:

    Danke für den spannenden Bericht. Es wäre interessant noch mehr zu erfahren. Gibt es irgendwo eine Dokumentation zu diesem Bericht.

    Herzliche Grüsse
    Christina

    • bfe_wp
      bfe_wp sagt:

      Guten Tag Frau Marchand
      Der Bericht wird voraussichtlich im Sommer publiziert.
      Es gibt keine zusammenfassende Dokumentation, die den gesamten indischen Energiesektor abdeckt. Aus diesem Grund hat Indien den Bericht in Auftrag gegeben. Die Ministerien für Kohle, Öl, Elektrizität, erneuerbare Energien usw. arbeiten nicht vernetzt. Die Behörde des NITI-Aayog-Plans wünscht sich mehr Koordination.
      Freundliche Grüsse
      Jean-Christophe Füeg

  2. Hans R. Burri
    Hans R. Burri sagt:

    Ich finde es wirklich unglaublich, dass man einen so einseitig gefärbten Kurzbericht verfassen kann, ohne mit einem einzigen Wort zu erwähnen, dass Indien auch 6 KKWs im Bau und 21 weitere in der Projektierung hat. Sie schreiben ja auch, dass Indien die Entwicklung Chinas nachahmen will. Ich finde, dass die Schweizer Bevölkerung seit langem einem „Brainwashing“ und einer gezielten Unterdrückung von unliebigen Wahrheiten ausgesetzt ist. Kernenergie und KKWs scheinen beim BFE wirklich auf einer Liste der verbotenen Begriffe zu stehen. Das BFE ignoriert offensichtlich weiterhin die an Zahl wachsenden kritischen Kommentare von Ingenieuren und Ökonomen zur „ES 2050“. Mir scheint jetzt der Zeitpunkt gekommen, dass unter neuer Führung des UVEK eine „Auslegeordnung“ vorgenommen wird und resultierende Erkenntnisse dann auch umgesetzt werden. Was der breiten Öffentlichkeit auch einmal klar gesagt werden müsste ist die (für Experten kaum erstaunliche) Empfehlung des IPCC im neuesten UNO-Bericht vom Oktober 2018, dass im Kampf gegen den Klimawandel der globale Ausbau der Kernenergie massiv verstärkt werden muss, bis 2030 verdoppelt (!), um auf dem Zielpfad zu bleiben. Diese Meldung ist in unseren Medien bis heute unterschlagen worden. Falls gerade passend werden Aussagen des IPCC ja sonst gerne verbreitet. Man wollte den Bericht an der jüngsten Klimakonferenz offenbar nicht einmal zur Kenntnis nehmen wie mir von einem Teilnehmer gesagt wurde.

    Hans Burri Dipl.Ing.ETH

Kommentare sind deaktiviert.