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Netto-Null Treibhausgas-Emissionen und nachhaltige Treibstoffe: BAFU und BAZL machen bei SWEET mit


Das Förderprogramm SWEET des Bundesamts für Energie (BFE) setzt auf Kooperation: Die Ausschreibung zu «Kritische Infrastrukturen» wurde in Zusammenarbeit mit dem National Centre for Climate Services (NCCS) und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) lanciert. Zwei künftige Ausschreibungen bereitet das BFE zusammen mit dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) und dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) vor. Warum? Was versprechen sich die beteiligten Ämter davon? Energeiaplus hat nachgefragt.

Andreas Haselbacher ist bei SWEET für die Ausschreibungen zuständig. Warum holt das BFE noch andere Akteure ins Boot?

Andreas Haselbacher, BFE

Andreas Haselbacher: Mit SWEET soll Forschung unterstützt werden, die uns hilft, die Ziele der langfristigen Energie- und Klimapolitik zu erreichen. SWEET fokussiert deshalb auch auf amtsübergreifende Themen, die nicht nur beim BFE sondern auch bei anderen Ämtern wie dem BAFU und dem BAZL angesiedelt sind. Mit dem gemeinsamen Vorgehen können wir die Ausschreibungen bedarfsgerecht gestalten und die finanziellen Mittel des Bundes gezielt einsetzen.

Eine Ausschreibung ist zu den Netto-Null Treibhausgas-Emissionen geplant – zusammen mit dem BAFU. Was ist der Fokus der Ausschreibung?

Andreas Haselbacher: Der Bundesrat hat beschlossen, dass die Schweiz im Jahr 2050 unter dem Strich nicht mehr Treibhausgase ausstossen soll, als natürliche und technische Speicher dauerhaft und sicher aufnehmen können. Emissionen, die nur schwer vermeidbar sind müssen bis dann mit CO2-Abscheidungs- und Einlagerungstechnologien (CCS) sowie mit Negativemissionstechnologien (NET) ausgeglichen werden. Erstere fangen CO2 direkt dort ab, wo es bei Anlagen im Industrie- und Abfallsektor entsteht.

NET entnehmen das CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre zum Ausgleich von Emissionen, die nicht direkt abgefangen werden können. Laut der Klimastrategie des Bundesrates werden 2050 Restemissionen von rund 12 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten verbleiben, vor allem aus industriellen Prozessen (insbesondere Zementproduktion), Abfallverwertung und Landwirtschaft. Der Fokus der Ausschreibungen liegt auf der Frage, wie diese schwer vermeidbaren Emissionen konkret klimaunschädlich gemacht werden können. Die Herausforderungen sind gross, weil rund um die Entwicklung und den Einsatz von CCS und NET noch viele Fragen offen sind.

Was ist aus Sicht des BFE interessant an der Zusammenarbeit mit dem BAFU?

Andreas Haselbacher: Treibhausgas-Emissionen sind ein sehr gutes Beispiel für ein Querschnittsthema, welches das Know-how mehrerer Ämter erfordert. Sie sind der grösste Treiber für den Klimawandel und entstehen überwiegend bei der Bereitstellung und Nutzung von Energie. Daher ist eine Zusammenarbeit zwischen BAFU und BFE sinnvoll. Bei dieser Ausschreibung liegen Fragen rund um Energiebedarf oder -effizienz in der Verantwortung des BFE. Bei der Entwicklung förderlicher Rahmenbedingungen für CCS und NET sowie die Einbettung in die Klimapolitik ist das BAFU federführend. Auch hier möchten wir durch die Zusammenarbeit sicherstellen, dass die Mittel möglichst effektiv eingesetzt werden.

Sophie Wenger, Sie sind beim BAFU für die Entwicklung von Rahmenbedingungen für Negativemissionstechnologien zuständig. Was verspricht sich das BAFU von der Beteiligung beim SWEET-Call zu Netto-Null Treibhausgas-Emissionen?

Sophie Wenger, BAFU

Sophie Wenger: Es ist dringlich, offene Fragen rund um den Ausbau von CCS und NET jetzt anzugehen, damit wir die nötige Skalierung bis 2050 schaffen. Nur so können wir das Netto-Null Ziel erreichen. Gleichzeitig bietet die Förderung von CCS und NET auch Chancen für die Schweiz. Unsere Forschung und Industrie ist teilweise weltweit führend bei der Entwicklung von Lösungen. Ich denke da zum Beispiel an das ETH Start-Up Climeworks, das zurzeit die weltweit grösste Anlage zur direkten CO2-Luftabscheidung in Island betreibt. SWEET will gezielt anwendungsorientierte Innovation fördern, die Forschung, Wirtschaft und öffentliche Hand über mehrere Jahre verbindet. Ein solches Programm ist ideal, um die Herausforderungen rund um CCS und NET zu adressieren. Es existiert in dieser Form im BAFU noch nicht.

Zu Negativemissionen wird bereits viel geforscht. Das Bundesamt für Energie hat kürzlich auch ein Projekt zum Thema bewilligt im Rahmen des Pilot- und Demonstrationsprogramms – das Projekt DemoUpCARMA. Es soll die Erzeugung negativer Emissionen durch die dauerhafte Speicherung von CO2 in Beton (in der Schweiz) und in geologischen Reservoirs (im Ausland) demonstrieren und skalieren. Inwiefern sind Erkenntnisse aus solchen Projekten relevant für die Ausschreibung?

Andreas Haselbacher: Solche Erkenntnisse sind für das Förderprogramm SWEET sehr relevant, gerade für die kommende Ausschreibung zum Thema schwer vermeidbare Treibhausgasemissionen und Netto-Null-Ziel. Die Erkenntnisse aus DemoUpCARMA werden uns bei der Ausarbeitung der Ausschreibung, also bei der Abgrenzung der Themenbereiche und der Definition der Forschungsfragen helfen, etwa in den Bereichen Anreize, Skalierung und gesellschaftliche Akzeptanz.

Sophie Wenger: DemoUpCARMA ist ein ambitioniertes und umfassendes Projekt mit rund 20 Projektpartnern, das vielfältige Abklärungen rund um Energie- und Ökobilanzen, Skalierung im Inland, CO2-Transport ins Ausland und Ausgestaltung der rechtlichen Rahmenbedingungen vorsieht. Solche Projekte können uns helfen, rasch den Kenntnisstand zu heben und Wissenslücken zu erkennen, so dass wir in der SWEET Ausschreibung die nächsten und übernächsten Fragen angehen können. Denn wir müssen CCS und NET vergleichsweise rasch skalieren, wenn wir die langfristigen Klimaziele erreichen wollen.

Der Call soll Anfang 2024 publiziert werden. Warum wird jetzt schon kommuniziert?

Sophie Wenger: Wir möchten schon jetzt Forschung und Wirtschaft einladen, beim BFE und BAFU Projekte einzureichen, die wie DemoUpCARMA zur Ausarbeitung der Ausschreibung beitragen. Zum Beispiel indem die praktische Umsetzung von bekannten Ansätzen demonstriert oder vielversprechende neue Ansätze aufgezeigt werden. Von besonderem Interesse sind Projekte, die bis Spätsommer 2023 konkrete Ergebnisse liefern können. Die Unterstützung erfolgt im Rahmen der bestehenden Forschungskredite und Innovationsprogramme des BFE und des BAFU.

Nachhaltige Treib- und Brennstoffe ist ein weiterer Themenbereich, den SWEET aufgreifen will. Da ist eine Kooperation mit dem BAZL vorgesehen. Geht es dabei in erster Linie um Treibstoffe für den Flugverkehr?

Andreas Haselbacher: Es geht nicht nur um Treibstoffe für den Flugverkehr, aber sie spielen eine sehr wichtige Rolle. So trug der Flugverkehr 2019 rund 11% zu den schweizerischen Treibhausgasemissionen bei, fast ausschliesslich durch den internationalen Verkehr. Laut der langfristigen Klimastrategie soll der internationale Luftverkehr bis 2050 möglichst keine klimawirksamen Emissionen mehr verursachen. Darüber hinaus möchten wir aber auch untersuchen, wie nachhaltige Treib- und Brennstoffe in anderen Sektoren eingesetzt werden können, vor allem in der Industrie, die 2019 rund 24% zu den schweizerischen Treibhausgasemissionen beigetragen hat.

Boris Stolz, Sie beschäftigen sich beim BAZL mit erneuerbaren Treibstoffen für den Luftverkehr. Was interessiert das BAZL am SWEET-Call?

Boris Stolz, BAZL

Boris Stolz: Der Bundesrat hat in der langfristigen Klimastrategie der Schweiz festgehalten, dass erneuerbare synthetische Treibstoffe eine der vielversprechendsten Massnahmen sind, um die schädliche Klimawirkung des Luftverkehrs bis 2050 zu reduzieren. Um dieses Potenzial zu erfüllen, ist ein grosser Forschungsaufwand notwendig. Entsprechend schätzen wir die Zusammenarbeit mit dem BFE. Es ist auch hier sinnvoll, die Schweizer Innovationskraft zu bündeln.

Warum ist aus Sicht des BFE die Zusammenarbeit mit dem BAZL eine Bereicherung?

Andreas Haselbacher: Treib- und Brennstoffe sind ein weiteres Beispiel für ein amtsübergreifendes Thema. Das BAZL ist dafür zuständig, dass der schweizerische Luftverkehr die Ziele der langfristigen Klimastrategie erreicht und dabei spielen nachhaltige Treibstoffe eine zentrale Rolle. Je nach Methode kann die Herstellung dieser Treibstoffe beträchtliche Mengen an Energie benötigen, die aus erneuerbaren Quellen bereitgestellt werden muss. Zudem könnten nachhaltige Brennstoffe als Speichermedium bei der Versorgungssicherheit eine wichtige Rolle spielen. Das sind Themen des BFE. Eine ganzheitliche Betrachtung ist deshalb essenziell.

Die ETH Zürich hat kürzlich die Herstellung von Treibstoff aus Sonne und Luft demonstriert. Inwiefern fliessen bestehende Forschungsergebnisse in die Ausschreibung zu «nachhaltigen Treibstoffen» (Sustainable fuels) ein?

Boris Stolz: Der Schweizer Forschungsstandort ist auf diesem Gebiet teils weltweit führend. Diese Ergebnisse bilden den Grundstein für weitere Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten, wie sie in diesem Call vorgesehen sind. Entsprechend soll bei der Ausarbeitung der Forschungsfragen in dieser Ausschreibung berücksichtigt werden, wo die Forschung heute steht und welche Schritte als nächstes erforderlich sind. Genau das ist ein Ziel dieses Calls, einen möglichst grossen Beitrag zur Skalierung von nachhaltigen und günstigen Treibstoffen (insbesondere für den Luftverkehr) leisten zu können. Dafür sorgen nicht nur Experten von BFE und BAZL, sondern auch eine wissenschaftliche Begleitgruppe.

Andreas Haselbacher: Über die Ergebnisse der ETH hinaus werden wir bei der Ausarbeitung auch Forschungsergebnisse aus anderen Projekten einfliessen lassen, die sich mit nachhaltigen Treib- und Brennstoffen befassen.

Interview: Brigitte Mader, Kommunikation Bundesamt für Energie

 

 

 

 

 

 

 

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1 Antwort
  1. Markus Saurer
    Markus Saurer sagte:

    Die üblichen Worthülsen – leider.
    Und höchst problematisch erneut die „gesellschaftliche Akzeptanz“. Die Projekte verwenden immer grosse Stücke darauf, diese zu schaffen. Doch technisch-institutionelle Innovation im Hinblick auf gewisse Ziele schafft sich automatisch gesellschaftliche Akzeptanz, nämlich dann, wenn sie betreffend dieser Ziele effizient ist. Das kann also hier nicht gemeint sein. Was ist es dann? Es ist die Frage: „Wie setzte ich ineffiziente Lösungen im gesellschaftlichen und politischen Prozess durch.“

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