Kein Bahnhof, keine Busstation in der Nähe? Kein Grund, um ins eigene Auto zu steigen. Fahrdienste auf Abruf schliessen diese Lücke zum öV. Solche On-Demand-Angebote waren Thema am letzten webinar der Mobilitätsplattform mobilservice. Wie das funktioniert, zeigt Energeiaplus am Beispiel von mybuxi. Der Fahrdienst auf Verlangen ist derzeit im Raum Oberaargau/Emmental unterwegs. Neuerungen gibt es für Mobilitätsfachleute bei den Plattformen mobitool und trafikguide (siehe Kasten am Schluss des Textes).

In Herzogenbuchsee hat es angefangen mit mybuxi Ende April 2019. Die Oberaargauer Gemeinde und die Nachbargemeinde Niederönz waren zu klein für eine klassische Ortsbus-Linie, der Taxibetrieb hatte aufgegeben. Ein Angebot für die gut 8000 Bewohnerinnen und Bewohner sollte es dennoch geben.

Der Gemeinderat von Herzogenbuchsee bewilligte 90’000 Franken für einen zweijährigen Pilotbetrieb mit einem sogenannten Ruf-Bus. Unterstützung erhielt das Projekt zudem vom regionalen Elektrizitätsversorger EWK Herzogenbuchsee, von einer privaten Stiftung und von KOMO, der «Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität» des Bundes.

3000 Fahrgäste pro Monat

Der Ruf-Bus fährt 7 Tage die Woche vom ersten bis zum letzten Zug, etwa 18 Stunden pro Tag. Der Unterschied zum Linienbus: mybuxi fährt dort und dann, wenn es gebraucht wird.

Rund 3000 Personen nutzen das Angebot im Monat, bis Ende Februar 2021 waren es total rund 40’000 Personen. Am Steuer sitzen freiwillige Fahrerinnen und Fahrer, welche die Passagiere mit einem der beiden E-Minibusse zwischen dem Bahnhof und Zuhause oder im Ort transportieren. Praktisch jedes Haus in Herzogenbuchsee und Niederönz hat seine eigene Haltestelle vor der Haustüre.

 

Das Webinar zu den On-Demand-Angeboten gehört zu einer Reihe von Online-Veranstaltungen, die Mobilservice lanciert hat. Mobilservice ist eine Plattform für nachhaltige Mobilität und Mobilitätsmanagement. Das Thema des nächsten Webinars vom 15. Juni 2021: «Velostrassen – Vorfahrt für das Velo in Städten und Gemeinden». Zur Anmeldung geht es hier.

 

Der Name mybuxi verweist übrigens auf die Mischung zwischen Bus und Taxi und ist gleichzeitig eine Hommage an die Pilotgemeinde Herzogenbuchsee oder Buchsi, wie die Einheimischen sagen. Unterdessen fährt mybuxi noch in anderen Regionen, seit 2020 im Emmental. Zusätzlich hat der Fahrdienst dort auch Kooperationen mit Unternehmen und Geschäften aufgebaut, z.B. mit der Emmentaler Schaukäserei oder dem Spital Emmental.

Bis Ende März 2021 war mybuxi in einem Versuch auch am Stadtrand von Bern unterwegs. Weil es zu wenig Fahrgäste gab, wurde der Betrieb in Ostermundigen, Stettlen und Bolligen aber wieder eingestellt. Nach der Corona-Pandemie wird überprüft, ob in dieser Region mit einem modifizierten Angebot der Betrieb wieder aufgenommen wird.

Andreas Kronawitter ist Geschäftsführer und Mit-Initiant von mybuxi. Energeiaplus wollte von ihm wissen, ob solche Angebote tatsächlich ein Ersatz fürs eigene Auto sind. Und was sie leisten – auch punkto Nachhaltigkeit und Energieeffizienz.

Andreas Kronawitter leitet die Geschäftsstelle von mybuxi. Bild: zvg mybuxi

Energeiaplus: mybuxi will eine Alternative zum eigenen Auto sein. Was stellen Sie fest? Trägt mybuxi dazu bei, dass die Leute weniger ihr eigenes Auto brauchen?

Andreas Kronawitter: Wir wissen von einigen, vor allem älteren Leuten, dass sie das Auto abgegeben haben. Für eine wirkliche Verhaltensänderung muss ein Angebot aber sehr lange am Markt und flächendeckend verfügbar sein.

Wer benutzt denn Ihr Angebot? Was ist Ihr KundInnen-Segment?

Wenn wir in einem Gebiet starten, sind unsere ersten Passagiere meistens Senioren und die Jungen. Die mittleren Altersschichten folgen erst später. Frauen nutzen mybuxi schneller und häufiger als Männer. Die breite Mischung der KundInnensegmente führt zu einer sehr gleichmässigen Auslastung des mybuxi von früh bis spät. Seit der Pandemie fahren wir allerdings Menschen vor allem zur Arbeit und zum Arzt, andere Aktivitäten sind ja kaum möglich.

Was trägt ein Angebot wie mybuxi zur energieeffizienten Mobilität bei?

Nach unseren bisherigen Erfahrungen, vor allem aus Herzogenbuchsee, kann ein mybuxi bereits Fahrten von 30-50 Privatautos pro Tag ersetzen. Mit der Verbesserung des Service wollen wir diese Kennzahl noch steigern. Natürlich verschwinden diese Autos nicht von heute auf morgen. Dazu muss ein solcher Service flächendeckend und langfristig angeboten werden. Damit kann mittelfristig die graue Energie für die Produktion und Verschrottung dieser Fahrzeuge eingespart werden.

Andererseits sparen wir bei der Energie fürs Fahren: Weil Fahrten zusammengelegt werden können, braucht das mybuxi pro PassagierIn weniger Energie.

Solche On-Demand-Angebote können auch als Treiber für die Zersiedelung angesehen werden. Was sagen Sie dazu?

Zu jedem einzelnen Haus zu fahren, macht in weitläufigen Gebieten wie dem Emmental betriebswirtschaftlich keinen Sinn. Auch mit dem mybuxi werden wir nicht 100% der Bevölkerung bedienen. Wir sind allerdings eher mit dem umgekehrten Problem konfrontiert: Gemeinden wenden sich an uns, um die Abwanderung aus den gewachsenen Dorfstrukturen zu verhindern. Gerade junge Familien ziehen vom Dorf in die Agglomerationen – die Städte sind meist zu teuer. In der Agglo verzichten aber wenige aufs Auto.

Im Emmental oder in Herzogenbuchsee hat sich das Ruf-Bus-System von mybuxi etabliert, in den Berner Vorortsgemeinden Ostermundigen, Stettlen, Bolligen haben Sie den Betrieb eingestellt. Da wollte man mit dem On-Demand-Fahrdienst abgelegene Dorfteile erschliessen. Warum funktioniert mybuxi am einen Ort und am anderen nicht?

Das hat wohl mehrere Gründe: In unserer Umfrage wurde oft genannt, dass die S-Bahn-Station Bern-Wankdorf nicht im Perimeter lag. Andererseits gibt es v.a. in Ostermundigen einen dichten öV und kurze Distanzen, und in Stettlen und Bolligen ist die Motorisierung der EinwohnerInnen sehr gross. Und das Homeworking während Corona haben wir am Stadtrand viel stärker gespürt als im Emmental. Von und zu den abgelegenen Ortsteilen wurde das mybuxi übrigens am besten genutzt.

Postauto betreibt seit längerem solche Ruf-Busse. Auch die Zürcher Verkehrsbetriebe haben seit November ein On-Demand-Angebot. Das sind beides Betriebe mit einer Konzession, die sonst einen Linienbetrieb anbieten. Was unterscheidet diese Angebote zu mybuxi?

Mit mybuxi gehen wir nicht in die Städte. Dort sind öV und Taxis effizienter als es ein on-demand-Angebot sein kann. Einzelne Nischen wie Pikmi (in Zürich) können als Ergänzung Sinn machen, aber es besteht immer die Gefahr, dass subventionierte Angebote privatwirtschaftliche Taxianbieter konkurrenzieren.

Das Publicar-Angebot von PostAuto ist eher mit mybuxi vergleichbar. Diese Ruf-Busse von Postauto sind schon länger auch im ländlichen Raum unterwegs.

Unser langfristiges Ziel ist Kostenwahrheit in der Mobilität. Daher sehen wir subventionierte Angebote kritisch. Wir wollen für unsere NutzerInnen sowie die Unternehmen einer Region das optimale Mobilitätsangebot entwickeln; ein «Monopolschutz» durch Konzessionen ist für Innovationen sehr hinderlich. Und die Verfahren sind sehr langsam: wir müssen im Mobilitätssektor viel schnellere Fortschritte machen im Hinblick auf den Klimawandel.

Wir streben in Kombination mit dem öV mit mybuxi ein flächendeckendes Angebot an. Wir hoffen, dass wir das in einem fruchtbaren Wettbewerb mit Akteuren wie PostAuto schaffen. Heute fahren 75% mit dem Auto, da ist das Potential ja genügend gross. Unsinnig und vor allem teuer wird es allerdings, wenn jedes der 250 konzessionierten Transportunternehmen ein eigenes on-Demand Angebot aufbauen will.

Claudia Heer, Fachspezialistin Mobilität und Programmentwicklerin KOMO

Die Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität (KOMO) wählt jedes Jahr aus 30-50 Gesuchen die erfolgversprechendsten Projekte für eine Unterstützung aus. Frage an Claudia Heer, Leiterin von KOMO: Warum wurde gerade mybuxi berücksichtigt?

Claudia Heer: Bei mybuxi geht es nicht «nur» um die Pilotierung eines on-Demand Angebots, sondern auch um die Erprobung und den Vergleich in unterschiedlichen Räumen von der Agglomeration (Ostermundigen), über ein regionales Zentrum (Herzogenbuchsee) bis hin zu stark ländlich geprägten Gemeinden (Emmental) –  die alle unterschiedliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und verkehrliche Voraussetzungen mit sich bringen. Dies liefert zusätzlich Erkenntnisse, unter welchen Rahmenbedingungen on-Demand Angebote erfolgreich betrieben werden können.

Welche Bedeutung haben on-Demand-Angebote aus Sicht der KOMO?

Die KOMO sucht neue, zukunftsfähige Mobilitätslösungen. Ein grosses Potenzial sehen wir in multimodalen Ansätzen, d.h. einer sinnvollen, der Situation angepassten und kombinierbaren Mobilität. Angebote wie mybuxi können hier einen sinnvollen Beitrag leisten, als Ergänzung und Zubringer zum öV beziehungsweise Ersatz von Fahrten mit dem eigenen Auto.

 

Neuigkeiten bei mobitool – die Plattform für Mobilitätsmanagementtools und Umweltdaten

«mobitool.ch» ist die Schweizer Plattform für Mobilitätsmanagementtools und aufbereitete Umweltdaten. mobitool bietet eine Auswahl nützlicher Informationen und Instrumente für den Mobilitätsmanagementprozess sowie zur Berechnung der Energieeffizienz und Umweltauswirkungen. Anfangs 2021 sind auf mobitool.ch zwei wesentliche Anpassungen erfolgt:

Aktualisierung der «mobitool-Faktoren». Bei diesen handelt es sich um die Emissions- und Umweltwerte von über 150 Verkehrsmitteln, die in einer Excel-Datei zusammengefasst sind und als Datengrundlage für Ökobilanzen, für die Verkehrsmittelvergleiche, für Modellierungen etc. kostenlos zur Verfügung stehen.

Der «Trafikguide»: Dieser Guide kategorisiert und beschreibt Mobilitätslösungen. Er ist die erste umfassende Sammlung von bestehenden und innovativen Mobilitätsangeboten. Mit dem im April geplanten Update beschreibt der Trafikguide bereits 400 Dienste, aus dem In- und Ausland, wie z.B. Mobilitäts-Sharing-Angebote, On-Demand-Angebote, Cargo-Plattformen.

 

Text und Interviews: Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie

 

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