30 Prozent mehr Wasser in den Flüssen im Winter, 40 Prozent weniger im Sommer. So sieht die hydrologische Situation der Schweiz Ende des Jahrhunderts, also gegen 2100 ohne Klimaschutz aus. Mit Klimaschutz fallen die Veränderungen moderater aus. Das zeigt die Untersuchung Hydro-CH2018, welche das Bundesamt für Umwelt zusammen mit 14 Schweizer Forschungsinstitutionen gemacht hat.

Die Wassersituation der Schweiz hat auch Auswirkungen auf die Kraftwerke und die Stromproduktion. Energeiaplus hat nachgefragt bei Guido Federer. Er ist stellvertretender Leiter der Sektion Wasserkraft im Bundesamt für Energie.

Energeiaplus: Aus Wasser wird über die Hälfte des Schweizer Stroms produziert. Gegen Ende des Jahrhunderts könnte es laut den neuen hydrologischen Szenarien mehr Wasser im Winter, weniger im Sommer geben. Was heisst das für die Stromproduktion mit Wasserkraft?

Guido Federer, Stv. Leiter Sektion Wasserkraft im Bundesamt für Energie, begleitete die Studie Hydro-CH2018.

Grundsätzlich muss man zu diesem Thema bemerken: Wieviel Strom ein Wasserkraftwerk produzieren kann, hängt nicht nur von den Zuflüssen sondern auch vom Fassungsvermögen der Anlagen ab, also für wieviel Wasser ein Werk konzipiert ist. Zudem gibt es Vorgaben, wieviel Restwasser in einem Gewässer zurückbehalten werden muss.

Heute sind die meisten Wasserkraftwerke im Winter nur teilweise ausgelastet. Mehr Wasser im Winter – das könnten die Wasserkraftwerke also nutzen. Im Sommer hingegen sind die Abflüsse heute häufig höher als die Fassungskapazität. Das heisst: Die Kraftwerke können gar nicht alles Wasser nutzen, das vorhanden ist. Weniger Wasser im Sommer würde sich auf die Stromproduktion also nur minimal auswirken.

Gibt es Unterschiede zwishen Laufwasserkraftwerken und Speicherkraftanlagen? Welche?

In Laufwasserkraftwerken kann in Zukunft mehr produziert werden, wobei die zusätzliche Produktion primär im Winter anfallen wird.

Zu den Speicherkraftwerken lassen sich nur sehr beschränkt allgemeine Aussagen machen. Für die Beurteilung sind da der Kraftwerkstyp und die individuellen Auslegungen der einzelnen Anlagen entscheidend.

Mehr Wasser im Winter: Das tönt auf den ersten Blick gut. Man kann mehr Strom produzieren. Strom, der im Winter gefragt ist. Stimmt diese Überlegung?

Die Schweiz ist bereits heute Stromexporteur im Sommer und Stromimporteur im Winter. Mit der Energiestrategie 2050 wurde entschieden, dass die Schweiz aus der Kernenergie aussteigt. Die wegfallende Bandenergie soll mit dem Zubau von erneuerbaren Energien bis 2050 kompensiert werden. Bis dieser Zubau realisiert ist, wird die Winterproduktionslücke über einen gewissen Zeitraum grösser werden und dann wieder abnehmen. Die in den neuen hydrologischen Szenarien modellierten Veränderungen aus dem Klimawandel werden  erst gegen Ende des Jahrhunderts massgeblich werden. Sie haben deshalb für die Zielerreichung 2050 kaum Bedeutung.

Wenn die Flüsse mehr Wasser führen, produzieren die Laufkraftwerke auch mehr Strom. Ein grösseres Angebot wirkt sich auch auf den Preis aus. Wird Strom aus Wasserkraft noch unrentabler?

Die Schweiz ist an das europäische Stromsystem angeschlossen. Die Strom-Grosshandelspreise werden auf dem europäischen Markt bestimmt. Eine Zunahme des Angebots in der Schweiz würde also nur einen marginalen Einfluss auf die Strompreise haben.

Welchen Einfluss haben die Szenarien aus der Untersuchung Hydro-CH2018 auf die Ausbaupläne der Wasserkraft in der Schweiz?

Gemäss geltendem Energiegesetz, soll die Produktion aus Wasserkraft bis im Jahr 2035 37’400 GWh pro Jahr betragen. Der Bundesrat hat zudem am 11. November 2020 entschieden, dass im Rahmen des geplanten Bundesgesetzes über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien die Speicherwasserkraft bis 2040 um rund 2 TWh ausgebaut werden soll, um die heutige Selbstversorgungsfähigkeit weiterhin zu gewährleisten.

Die Prognosen für die zukünftige Wasserkraftproduktion weisen verschiedene, teilweise bedeutende Unsicherheiten auf, beispielsweise bei der Abflussmodellierung. Deshalb besteht aus heutiger Sicht kein Grund, die Ausbaupläne für die Wasserkraft in Frage zu stellen.

Wurden die Szenarien in den Energieperspektiven 2050+ berücksichtigt?

Ja, die Veränderungen durch den Klimawandel wurden für die Erarbeitung der Energieperspektiven 2050 berücksichtigt. Das BFE hat sich dabei auf eine Studie abgestützt, welche die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserkraft zwischen 2021-2050 betrachtet. Diese geht davon aus, dass sich die mittlere jährliche Stromproduktion bis 2050 aufgrund des Klimawandels nicht wesentlich verändern wird. Für die saisonalen Veränderungen wird erwartet, dass die mittlere Produktion 2021-2050 gegenüber 1980-2009 im Sommer um 4 bis 6% sinken wird. Im Winter steigt die mittlere Produktion um 10%.

Braucht es allenfalls auch bauliche Anpassungen, wenn die Flüsse im Winter mehr Wasser führen. Stichwort Schutzbauten, Verstärkungen?

Auf Grund der Veränderungen der Abflüsse sind voraussichtlich keine Anpassungen der Anlagen notwendig. Daneben wirkt sich der Klimawandel jedoch auch auf die Naturgefahrensituation aus. Wegen der abschmelzenden Gletscher und des auftauenden Permafrostes ist mit mehr Geschiebeeintrag in die Stauseen und einer grösseren Gefahr von Murgängen zu rechnen. Dies muss beim Bau oder dem Umbau von Anlagen berücksichtigt werden.

Das Interview führte Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie

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