Kunststoff wiederverwerten: Was heisst das für die KVA?
Gebrauchte Frischhaltefolien, Obstschalen oder Blumentöpfe aus Kunststoff landen heute meist im Abfall und werden in einer Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) verbrannt. Dabei werden sie energetisch verwertet. Gemäss Umweltschutzgesetz sollen solche Kunststoffe jedoch vermehrt stofflich verwertet , also rezykliert werden. Doch: Wie gross ist die Menge Kunststoff, die rezykliert werden könnte, heute aber noch in der KVA verwertet wird? Eine Studie im Auftrag von EnergieSchweiz, dem Programm des Bundesamts für Energie für Energieeffizienz und erneuerbare Energien, hat dies untersucht.
Kunststoff ist nicht gleich Kunststoff. Die Studie unterscheidet zwischen über 300 Kategorien von Kunststoffprodukten und -typen für die Beurteilung der Rezyklierfähigkeit. Ein Joghurtbecher ist nicht das gleiche wie die Radkappe eines Autos oder der Kunststoff des Haarföhns oder des Spielzeugautos. Verunreinigungen wie Lebensmittelreste oder Kleberückstände wirken sich negativ auf die Rezyklierfähigkeit aus. Verschiedene Kunststoffe, die zusammen verarbeitet werden wie z.B. Mehrschichtfolien, sind mechanisch nicht trennbar. Auch bei Textilien aus Mischgeweben ist dies ein Problem.
Insgesamt werden jährlich rund 760’000 Tonnen Kunststoffe für die stoffliche oder energetische Verwertung gesammelt. 329’000 Tonnen davon stufen die Autorinnen der Studie als rezyklierfähig ein. 76’000 Tonnen werden bereits heute stofflich verwertet und bleiben damit im Kreislauf. PET-Getränkeflaschen machen dabei den mit Abstand grössten Anteil aus. Aber auch andere Verpackungen oder Kunststoffabfälle aus Elektrogeräten sowie von Baustellen werden in geringerem Umfang rezykliert. Die übrigen 253’000 Tonnen des eigentlich rezyklierfähigen Kunststoffs landen aktuell in der Verbrennung.
Es handelt sich bei diesen Zahlen allerdings um eine Schätzung basierend auf den Kunststoffmengen, welche in Verkehr gebracht werden. Denn genaue Statistiken, wieviel Kunststoff tatsächlich im Abfall entsorgt und schliesslich verbrannt wird, gibt es nicht.
Hintergrund der Studie:
Gemäss der seit 2025 geltenden Hierarchie im Umweltschutzgesetz (USG Art. 30d Abs.1) sollen Abfälle vorrangig wieder verwendet oder stofflich verwertet werden, sofern dies technisch möglich, wirtschaftlich tragbar und ökologisch sinnvoll ist. Kunststoffe sollten vermehrt rezykliert werden. Sie werden fast ausschliesslich aus fossilen Ressourcen hergestellt. Die Verbrennung in der KVA sollte vermieden werden. Durch das Recycling von Kunststoffen können fossile CO2-Emissionen, die beim Verbrennen der Kunststoffe entstehen, reduziert werden. Zudem schont dies Ressourcen und trägt zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft bei.
Kunststoffe sammeln und rezyklieren führt also zu einer Reduktion der CO2-Emissionen, dies auch – so die Autorinnen – wenn man die Energie für Sammlung, Sortierung, Transport und Wiederaufbereitung einrechnet. In diesem Vergleich ist auch die Wärme- und Stromproduktion durch die KVA berücksichtigt. Wird in den KVA aufgrund des Recyclings jedoch weniger Kunststoff verbrannt, wird auch weniger Wärme produziert, die beispielsweise in ein Fernwärmenetz eingespeist wird. Laut Studie produzieren die KVA jährlich fast 7 TWh Wärme aus Kunststoffen. Der rezyklierfähige Kunststoff macht dabei 2.8 TWh pro Jahr aus.
Wie sind die Ergebnisse der Studie nun zu werten? Was bedeutet es für die KVA, wenn weniger Kunststoff zur Verbrennung angeliefert wird? Energeiaplus hat bei Matthias Bendig nachgefragt. Er ist Fachspezialist für erneuerbare Wärme im Bundesamt für Energie.
Energeiaplus: Was hat Sie an den Ergebnissen am meisten überrascht?

Matthias Bendig ist Fachspezialist für erneuerbare Wärme im BFE; Bild: BFE
Matthias Bendig: Die grosse Menge an Kunststoffen, die heute schon rezyklierbar wäre: Die Autorinnen haben darauf geachtet, nicht nach theoretischen Recyclingprozessen in irgendwelchen Laboren zu suchen, sondern nur die Kunststoffe als rezyklierfähig einzustufen, welche in anderen europäischen Ländern bereits stofflich verwertet werden. Hier haben wir offensichtlich Nachholbedarf. Das kratzt auch ein bisschen am Selbstverständnis, immerhin sind wir Schweizer die selbsternannten «Recyclingweltmeister»…
Ein anderer Aspekt, der mich wirklich überrascht hat, ist der grosse ökologische Vorteil des Recyclings gegenüber einer Verbrennung. Das erste Sortierzentrum in der Schweiz ist noch nicht fertiggestellt und die Sortierung geschieht im grenznahen Ausland. Aber die Fahrdistanzen zu solchen Sortierzentren haben nur einen geringen Einfluss auf die Ökobilanz. Dieses gilt auch noch dann, wenn Teile des gesammelten und transportierten Kunsstoffes durch Verschmutzungen oder deren Zusammensetzung nicht stofflich verwertet werden können und am Ende doch wieder der Verbrennung zugeführt werden.
Weniger Kunststoff verbrennen ist gut fürs Klima. Für die KVA heisst das aber auch weniger Wärme, die sie aus dem Verbrennen des Kunststoffs produzieren können. Das tönt nach einem Interessenskonflikt. Was sagen Sie dazu?
Nein, das ist kein Interessenkonflikt: KVA haben eine primäre Aufgabe für die Gesellschaft, nämlich Abfälle sehr sauber zu verbrennen. Diese Aufgabe erfüllen sie auch dann, wenn es weniger Abfälle zu verbrennen gibt.
Eines steht fest: Mit unserer aktuellen Lebensweise wird es noch lange Abfälle geben, die nicht rezykliert werden können. Bei der Verbrennung entsteht Wärme, welche möglichst effizient entweder zur Stromproduktion, als Prozesswärme oder zum Heizen genutzt werden sollte. Das ist ökologisch. Im Fachjargon wird diese Wärme auch «fatale» Wärme oder «Abwärme» genannt.
Wenn wir anfangen, die Wärme- und Stromproduktion als primäre Aufgabe der KVA zu verstehen, dann verdrehen wir etwas. Das ist ein wichtiger Unterschied zu einem Heizkraftwerk, das extra Holz oder Gas einkauft, um Strom und Wärme zu verkaufen.
Viele KVA liefern ihre Wärme in ein Fernwärmenetz. Wie gross schätzen Sie die Gefahr ein, dass es plötzlich an der nötigen Wärme fehlt?
Diese Gefahr besteht nicht. Aus verschiedenen Gründen:
Abfallmenge – Ob die Abfallmenge tatsächlich und dauerhaft abnimmt ist unklar, Wirtschaft und Bevölkerung wachsen, dies sind zwei Faktoren, welche die Abfallmenge erhöhen können. Wird mehr Abfall rezykliert, wird vielleicht lediglich ein zusätzliche Ausbau der KVA-Kapazitäten unnötig und die Zusammensetzung der Abfälle ändert sich.
Redundanz – Fällt eine Wärmequelle in einem thermischen Netz plötzlich und überraschend weg, dann verfügen die Netze über ausreichend weitere Wärmequellen, um dies auffangen zu können. Im ungünstigsten Fall sinkt die Netztemperatur ein bisschen, wenn dieser Wegfall an den kältesten Tagen im Jahr passiert.
Vorbereitung – Wenn die Kunststoffmengen reduziert werden, passiert das nicht von heute auf morgen. Die KVA können sich darauf einstellen. Verschiedene Massnahmen sind vorstellbar:
- Verlagerung der Abfallmengen in den Winter durch Lagerung. Der Stadtberner Energieversorger ewb, der die Energiezentrale Forsthaus betreibt, macht dies zur Zeit bereits. Ausschüsse aus der Kunststoffsortierung eigenen sich besonders gut dafür. Siehe Artikel zur Lagerung von Abfällen hier.
- Effizienzsteigerung der Wärmenutzung durch Temperaturabsenkung der thermischen Netze oder «Veredelung» von Wärme, die heute noch verpufft und nicht genutzt wird (aus den Abgasen oder Luftkondensatoren) mit Hilfe von Wärmepumpen. So können zusätzliche Energiemengen mobilisiert werden.
- Saisonale Wärmespeicher. Grosse Teile der Wärme aus KVA können im Sommer gar nicht von den thermische Netzen abgenommen werden, weil die Heizungen stillstehen und in der Nähe der KVA keine industriebetriebe Prozesswärme abnehmen. Diese können mit thermischen Langzeitspeichern in den Winter verschoben werden.
Ist die Zukunft der Fernwärmenetze beschränkt?
Nein, ganz sicher nicht. Wir werden auch in Zukunft Abfälle haben, welche verbrannt werden müssen. KVA liefern, laut dem Branchenverband Thermische Netze Schweiz, etwas mehr als ein Drittel der Wärmemenge, die in thermischen Netzen eingesetzt wird. Wird weniger Kunststoff verbrannt, wird das wenige, besonders grosse, Netze betreffen. Sicherlich wird eine Reduktion der verfügbaren Abwärme für diese Netze eine Herausforderung sein, aber es gibt andere Wärmequellen und Effizienzreserven.
Die meisten der mehr als 1500 thermischen Netze in der Schweiz nutzen andere, hauptsächlich erneuerbare Wärmequellen.

In dieser Sortieranlage wird der Abfall nach Arten getrennt. Bild: Shutterstock; Nordroden; Asset id: 1877751229
Der Bundesrat schlägt in der neuen Verpackungsverordnung vor, dass der Handel verpflichtet wird, Kunststoff-Einweg-Verpackungen zurückzunehmen. Was bedeutet das für das Recycling?
Die Verpackungsverordnung ist noch nicht in Kraft. Eine mögliche Umsetzung der geplanten Rücknahmepflicht beim Handel wären flächendeckende Sammel-Systeme für Kunststoffe, wie es sie schon in vielen Gemeinden der Schweiz und bei vielen Einzelhändlern gibt. Zu nennen wären hier zum Beispiel Bring Plastic Back, KUH-Bag, RecyPac und RecyBag, Kunststoffsammelsack Schweiz. Diese kosten meist ungefähr soviel wie oder gar weniger als ein normaler «Gebührensack» und erlauben schon jetzt, Kunststoffe ins Recycling zu geben und so einen Beitrag zu leisten, dass wir bald auch «Kunststoffrecyclingweltmeister» sind.
Mit Inkrafttreten der Rücknahmepflicht werden solche Systeme schweizweit verfügbar gemacht und das ökologische Potenzial des Recyclings besser ausgeschöpft.
Interview: Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie
Bild: Shutterstock; ZhuZhaZhu; Asset id: 2602330119
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