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Thermische Netze schneller ausbauen – so unterstützen Gemeinden, Städte, Kantone und der Bund.


Aufgerissene Strassen in ganzen Quartieren zeigen es: Hier werden Leitungen verlegt. Die Leitungen sollen künftig Wärme zu den Häusern bringen. Der Ausbau von Fernwärmenetzen ist sichtbar, insbesondere in den Städten, aber zunehmend auch in ländlicheren Gemeinden.

Mit der gemeinsamen Charta von 2022 haben Bund, Kantone, Städte und Gemeinden das Ziel gesetzt, diese Entwicklung zu beschleunigen.

Vier Jahre später stellt sich die Frage: Welche Ergebnisse hat das Programm gebracht und wie helfen diese bei der Planung neuer thermischer Netze? Wo gelingt die Umsetzung gut – und wo braucht es zusätzliche Unterstützung?

Unter Thermischen Netzen – auch Fernwärme-, Nahwärme- oder Fernkältenetze – versteht man eine Infrastruktur, welche mehrere Gebäude auf verschiedenen Grundstücken mit thermischer Energie versorgt. Es ist eine leitungsgebundene Wärmeversorgung von Kunden und Kundinnen über Wasser oder Dampf. Neben Fernwärmenetzen existieren auch Anergienetz und Fernkältenetze – deshalb verwendet man heute den allgemeineren Begriff Thermische Netze.

Das Potenzial der Wärmeversorgung mit thermischen Netzen ist gross, wird aber noch unzureichend genutzt. Das zeigt ein Bericht des Bundesrates. Doch die Realisierung von thermischen Netzen ist komplex. Der Aufbau eines Netzes erfordert hohe Anfangsinvestitionen, doch die Einnahmen fliessen erst richtig, wenn genügend Kundinnen und Kunden sich ans Netz angeschlossen haben. Thermische Netze stehen zudem in Konkurrenz zu individuellen Lösungen für einzelne Gebäude (Wärmepumpe, Erdsonde) und vielerorts auch zum Gasnetz.

Es stellt sich also die Frage. Finden sich überhaupt geeignete Gebiete für ein thermisches Netz? Und woher soll die Wärme kommen? Kann beispielsweise die Abwärme einer Kehrichtverbrennungsanlage oder eines Rechenzentrums genutzt werden? Oder gibt es die Möglichkeit für Geothermie oder die Nutzung von Umweltwärme aus einem See oder Fluss?

Daniel Streit und Laure Deschaintre haben das Programm zur Beschleunigung des Ausbaus thermischer Netze im Auftrag von EnergieSchweiz begleitet. Daniel Streit ist bei Brandes Energie tätig. Das Zürcher Unternehmen unterstützt die öffentliche Hand, Energieversorger und die Privatwirtschaft bei der Entwicklung und Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien. Laure Deschaintre arbeitet beim Ingenieur- und Planungsbüro Planair mit Schwerpunkt auf Energie-, Klima- und Nachhaltigkeitsprojekte. Energeiaplus hat Laure Deschaintre zu den Ergebnissen des Programms befragt.

Energeiaplus: Ende 2021 gab es gemäss einem Bericht von EnergieSchweiz 1068 thermische Netze. Wo stehen wir heute?

Laure Deschaintre ist Mitautorin der Studie zur Beschleunigung des Ausbaus thermischer Netze. Bild: Planair

Laure Deschaintre: EnergieSchweiz und Thermische Netze Schweiz führen zusammen eine Liste der thermischen Netze. Allerdings ist kein Betreiber verpflichtet, sein Netz dort zu melden. Auch wenn heute rund 1500 Netze in der Liste geführt werden, können wir keine genaue Zahl nennen.
Der Planungshorizont für thermische Netze ist lang. Von der Idee bis zur ersten Wärmelieferung können viele Jahre vergehen. Der Zuwachs bei der Liste erklärt sich deshalb einerseits mit neuen Netzen, andererseits aber auch damit, dass weitere bestehende Netze auf der Liste erfasst worden sind.

Beispielsweise in Bern ist der Ausbau des Fernwärmenetzes gut sichtbar. Ganze Strassenabschnitte sind geöffnet, weil der städtische Energieversorger ewb neue Leitungen verlegt. Ist Bern ein typisches Beispiel?

Ja, ein ähnliches Bild bietet sich in vielen grossen und auch einigen mittelgrossen Städten in der Schweiz. Auch viele kleinere Gemeinden haben in den letzten Jahren ein Netz gebaut. Da dort aber die Gesamtlänge des Netzes kleiner ist, bleiben die Baustellen insgesamt nicht so lange.

Ganz allgemein gilt: Je dichter ein Quartier bebaut ist, desto weniger Platz findet sich im Untergrund für die Infrastrukturen (Trinkwasser, Regenwasser und Schmutzwasser, Strom, Telekommunikation und eben Wärme und Kälte). Daher ist der Bau in den hochverdichteten Ballungsgebieten oft komplizierter und dauert länger. Dies kann den Eindruck erwecken, dass ständig irgendwo Baustellen sind. Um die Belastung für die Anwohner so gering wie möglich zu halten, haben wir im Rahmen des Programms eine Checkliste erstellt, wie Betreiber am besten kommunizieren.

Bund, Kantone und Gemeinden setzten sich 2022 gemeinsam dafür ein, dass der Ausbau von thermischen Netzen schneller voran geht. Wo gelingt die Umsetzung gut? Welche Rahmenbedingungen helfen?

Gerade den Städten und Gemeinden kommt eine wichtige Rolle zu: Denn die räumliche Energieplanung steht am Anfang bei der Realisierung eines thermischen Netzes. Hier wird identifiziert, ob es Eignungsgebiete für ein thermisches Netz gibt und welche Wärmequellen sich anbieten. Ein ausführlicher «Werkzeugkoffer» bestehend aus 10 Modulen (Link zum Werkzeugkasten) wurde überarbeitet und hilft den Gemeinden und Planerinnen und Planern dabei, methodisch und systematisch vorzugehen. Einige Städte und Gemeinden, wie Lausanne, veröffentlichen am Ende sogar Karten, in denen für jedes Quartier, teilweise sogar für jedes Gebäude Vorschläge für künftige Heizsysteme gemacht werden.

Wo stockt es? Wo liegen die grössten Herausforderungen?

Eine grosse Herausforderung für neue thermische Netze sind bestehende Gasnetze. Dabei können wirtschaftliche, technische und organisatorische Aspekte eine Rolle spielen.

Der parallele Betrieb von Gas- und Wärmenetzen ist wirtschaftlich kaum sinnvoll. Gleichzeitig kann das Gasnetz nicht einfach stillgelegt werden. Die Gasnetze sind in vielen Fällen noch nicht amortisiert, und Gebäude, die noch am Netz hängen, sind auf die Versorgung angewiesen.

Hinzu kommt, dass das bestehende Gasnetz und das geplante Wärmenetz nicht immer der gleichen Eigentümerschaft gehören.

Trotz dieser Ausgangslage gibt es verschiedene Ansätze, wie der Aufbau eines thermischen Netzes dennoch gelingen kann. Dazu gehören beispielsweise eine auf den Ausbau des thermischen Netzes abgestimmte Stilllegungsplanung für das Gasnetz, Eigentümerkooperationen oder Übergangslösungen für die verbleibenden Gasbezüger. (Link zum Bericht).

Eine weitere Schwierigkeit ist das Identifizieren und Einbinden von Abwärmequellen. Eine Abwärmequelle verspricht günstige Wärme, ohne zusätzliche Treibhausgasemissionen. Doch es stellen sich auch da verschiedene Fragen. Wie kann man ein Vertrauensverhältnis zwischen den Akteuren herstellen? Wer investiert in den Anschluss einer Abwärmequelle? Was passiert wenn die Abwärme wegfällt? Auch hier kann ein neuer Bericht mit einem zugehörigen Bewertungstool helfen.
Und dann ist da noch die Finanzierung des Netzausbaus, je nach Akteuren kann diese sehr unterschiedlich ausfallen.

Der neu zusammengestellte Leitfaden «Organisation und Finanzierung Thermische Netze» begleitet Gemeinden Schritt für Schritt bei der Realisierung eines thermischen Netzes. Welche Lücken schliesst er?

Der Leitfaden zeigt ein breites Spektrum an Finanzierungsmöglichkeiten und erläutert auch, wie sich diese auf die Organisation des Netzes und die Mitsprachemöglichkeit der Gemeinde auswirken. Grob kann man sagen, je mehr Fremdkapital in ein Projekt fliesst, desto mehr Kontrolle wird abgegeben. Aber das muss nicht immer schlecht sein. Es kann sinnvoll sein, sich Partner an Bord zu holen, die auch eine grosse Fachkompetenz mitbringen. Viele Projekte werden dadurch besser. Wichtig ist, dass man dieselben Erwartungen an das Projekt hat. Ein thermisches Netz ist ein Infrastruktur-Projekt für viele Jahrzehnte, da müssen die verschiedenen Partner gut zusammenpassen.

Sie erwähnen es: Thermische Netze erfordern hohe Anfangsinvestitionen, während die Einnahmen erst mit zunehmenden Anschlüssen steigen. Welche Finanzierungsmodelle haben sich bewährt – und wo braucht es neue Ansätze? Gibt es dazu im Leitfaden Vorschläge?

Das ist schwierig allgemein zu beantworten. Es gibt viele erfolgreiche Modelle.
Aber ganz wichtig ist, nicht bei den Vorarbeiten zu «sparen», also beim Evaluieren von Wärmequellen sowie Abnehmern und Abnehmerinnen. Wenn die Anschlussdichte und die Wärmeabnahme zu gering sind, oder auf Wärmequellen gesetzt wird, die zunehmend knapp und teurer werden, wie zum Beispiel Holz, dann kann es auch schief gehen. Wichtig ist eine ehrliche Analyse, ein guter Businessplan und ausreichend Reserven, um auch ein Stressszenario zu überstehen.

Fernwärme statt Gas- oder Ölheizung. Das ist einer der zentralen Wege, um die Schweiz bis 2050 klimaneutral zu machen. Die rund 1,8 Millionen Gebäude in der Schweiz verursachen mehr als ein Fünftel der Treibhausgasemissionen. Wie wichtig sind thermische Netze für die Klimaziele?

Thermische Netze sind dort sinnvoll, wo eine hohe Dichte an Wärmebedarf besteht, keine günstigeren Alternativen bestehen (weil zum Beispiel Wärmepumpen nicht möglich sind), oder Wärmequellen nur im grossen Stil genutzt werden können. Am Ende muss es sich auch rechnen für die Kundinnen und Kunden und für den Betreiber.

Thermische Netze sind sozusagen ein «Rundum-Sorglospaket». Kundinnen und Kunden eines Fernwärmenetzes müssen sich nicht mehr um den Füllstand eines Brennstofftanks kümmern, den Kaminfeger aufbieten oder sich um die Dekarbonisierung der Wärmequellen kümmern. 2024 wurden etwa 11 TWh Wärme über thermische Netze verteilt. Das entspricht ca. 11% des gesamten Wärmebedarfs der Schweiz. Der fossile Anteil lag bei den thermischen Netzen im Schnitt bei rund 20%, das ist deutlich besser als der Durchschnitt aller Heizsysteme: In der Schweiz werden noch immer knapp mehr als die Hälfte aller Gebäude fossil geheizt.

Fernwärmenetze werden häufig aber auch mit Gas- oder Ölkesseln betrieben. Das heisst, sie sind nicht per se klimafreundlicher. Welche Alternativen gibt es hier?

Komplett fossile oder komplett fossil-freie thermische Netze sind die Ausnahme. Meistens wird ein grosser Teil der Grundlast und Mittellast durch erneuerbare Wärme oder Abwärme gedeckt. Fossile Spitzenlastkessel kommen dazu, um Verbrauchsspitzen abzudecken. Diese Verbrauchsspitzen entstehen zum Beispiel am Morgen, wenn alle gleichzeitig duschen oder wenn es besonders kalt ist. In diesen Momenten braucht es viel Leistung, aber insgesamt ist die benötigte Energiemenge für diese Spitzenlast über das Jahr relativ klein.

Fossile Spitzenlastkessel (also Kessel mit hoher Leistung, die wenige Stunden im Jahr laufen) sind in der Anschaffung günstiger als erneuerbare Lösungen und ermöglichen so einen attraktiven Wärmepreis. In Zukunft wird die Branche sich der Dekarbonisierung dieser «letzten 20 Prozent» fossiler Wärme widmen müssen. Alternativen sind zum Beispiel grosse Speicher in Kombination mit den vorhandenen oder neuen erneuerbaren Wärmequellen. Planer und Planerinnen finden dazu Informationen im Planungshandbuch thermische Netze.

Auf der Übersichtsseite Thermische Netze planen: Infos und Hilfsmittel finden sich alle Informationen gebündelt.

Interview: Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie
Bild: Blick aus der Ferne auf die Baustelle der Fernwärme in der Schweizer Stadt Zürich an einem sonnigen Sommertag. Shutterstock; Asset-ID: 2494631669; Michael Derrer Fuchs

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