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Wir schaffen das – Wie Glarus Schluss macht mit Öl- und Gasheizungen


In den Kantonen Basel-Stadt, Glarus und nun auch Zürich dürfen Öl- und Gasheizungen in Wohnbauten weder ersetzt noch neu eingebaut werden. Glarus hat dabei eines der strengsten Energiegesetze der Schweiz. Anfang September haben die Glarnerinnen und Glarner ja gesagt dazu. Der Kanton Glarus soll zudem mit gutem Beispiel vorangehen: Seine Gebäude müssen bis 2040 zu 90 Prozent mit erneuerbarer Energie geheizt werden. Was bedeutet das? Wie kann das umgesetzt werden?

Rund 5000 Wohngebäude werden derzeit im Kanton Glarus noch fossil beheizt. Steigt die Öl- oder Gasheizung aus, oder muss sie ersetzt werden, weil ihre Lebensdauer abgelaufen ist, muss ein erneuerbares System installiert werden. Die Glarner Landsgemeinde hat dies im Energiegesetz Anfang September so festgehalten. Und jetzt?

Rathaus Glarus mit Vorderglärnisch im Hintergrund: Das Rathaus wird derzeit noch mit Gas geheizt, soll aber in (2-3 Jahren) via Fernwärme an eine Holzschnitzelheizung im Zaunschulhaus angeschlossen werden. Bild: Kanton Glarus

Das Bedürfnis nach Information sei gross, stellt Jakob Marti fest. Er leitet die Hauptabteilung Umwelt, Wald und Energie des Kantons Glarus. «Wir haben seit dem Entscheid der Landsgemeinde zahlreiche Telefonanrufe von Betroffenen erhalten, die wissen wollen, was sie jetzt tun können.»

Die Fritz + Caspar Jenny AG, Immosupport ist der grösste Immobilienbewirtschafter im Kanton Glarus. Rund 120 Mehrfamilienhäuser mit zwei bis 30 Wohneinheiten verwaltet das Unternehmen. In gut einem Fünftel der Liegenschaften wird bereits fossilfrei geheizt. Die anderen müssen über kurz oder lang aufgrund des Entscheids der Landsgemeinde umrüsten.

In Einzelfällen hätten Liegenschaftsbesitzer den Ersatz ihrer Heizung nach dem Landsgemeinde-Entscheid vorgezogen und ihre fossile Heizung mit einer neuen fossilen Heizung ersetzt, weiss Patrick Schindler. Die meisten würden aber abwarten, auch weil die Lebensdauer ihrer Heizung erst in fünf bis zehn Jahren abläuft.

Der Energiefonds:

2010 hat die Landsgemeinde ja gesagt zur Schaffung eines Energiefonds. 9 Millionen Franken betrug die Erst-Dotation. Das Geld wurde zur Förderung von Massnahmen im Energiebereich eingesetzt (Heizungsersatz, Gebäudesanierung).

Im kommenden Jahr steht nun eine neue Finanzierungsrunde an. Auf dem Tisch liegt ein Vorschlag, der eine garantierte jährliche Dotierung vorsieht. Im Mai 2022 soll die Landsgemeinde darüber befinden. Die Aufstockung des Fonds würde es ermöglichen, das Ziel – fossilfreie Heizungen im Kanton – zu erreichen, so Jakob Marti von der Hauptabteilung Umwelt, Wald und Energie des Kantons Glarus.

Wie diese Wohngebäude künftig geheizt werden, hänge nicht zuletzt mit dem Standort der Liegenschaft zusammen. In Glarus Nord stehe, wo möglich, ein Anschluss ans Fernwärmenetz der KVA Linth sicher im Vordergrund, so Schindler.

Wo dies nicht möglich ist, würden Wärmepumpen oder Erdsonden in Kombination mit Sonnenenergie und Photovoltaik geprüft. Ebenso seien Wärmeverbunde bei diversen Liegenschaften ein Thema. Je nach Grenzabstand und Grösse der Liegenschaften seien Wärmepumpen aus technischen Gründen keine Option.

In solchen Fällen müsste unter Umständen eine Ausnahmebewilligung für den Fortbestand der fossilen Heizung erteilt werden. Weiter müssen die Eigentümer und Eigentümerinnen zur Kenntnis nehmen, dass sie in Zukunft höhere Kosten für den Heizungsersatz zu erwarten haben.

Ähnlich tönt es bei der Fuchs Immobilien AG. «Wir haben Kunden, die auf eine klare Wegleitung des Kantons warten», sagt Geschäftsführer Mario Fuchs. Sein Unternehmen ist vor allem in der Vermittlung von Liegenschaften tätig. Und er stellt fest, dass bei günstigeren Liegenschaften eventuell das Geld für die Anschaffung einer Wärmepumpe oder eines neuen Heizsystems fehlen könnte.

Fernwärme-Leitung im Kanton Glarus: Das Netz soll grösser werden. Bild: KVA Linth

Erneuerbare Wärme – das ist heute schon ein grosses Thema bei der Kehrichtverbrennungsanlage Linth in Niederurnen. Der Entscheid der Landsgemeinde sei eine Chance für die KVA, sagt Geschäftsführer Walter Furgler, aber kein «Gamechanger». Aber: «Unsere Position im Markt verbessert sich. Die Leute sind gezwungen, sich mit uns auseinanderzusetzen.»

Allerdings sagt Furgler auch: «Wir werden nicht jede Liegenschaft anschliessen können ans Fernwärmenetz.» Das Netz muss sich über den Energiepreis amortisieren. Ein abgelegenes Einzelhaus anschliessen, das rechne sich nicht – weder für den Hausbesitzer noch für die KVA. Jeden Fall beurteile man aber einzeln. «Wir spüren aber ein grösseres Interesse an unserer Wärme.» Liegenschaftsbesitzer wollen wissen, ob respektive wann ein Anschluss ans Fernwärmenetz möglich ist.

Ziel ist, dass das Gesetz per 1. Juli 2022 in Kraft tritt. Zuvor müssen aber noch verschiedene Punkte geklärt werden. Zum Beispiel: Wie unterstützt der Kanton diese Umrüstungen? Muss der Energiefonds aufgestockt werden? Wie sieht es mit Ausnahmen von dieser Umrüstungspflicht aus? etc. Zu Handen des Landrats und des Parlaments werden die entsprechenden Verordnungen vorbereitet.

Energieamts-Leiter Jakob Marti sagt: «Der Entscheid der Landsgemeinde beschleunigt eine Entwicklung, die ohnehin gekommen wäre.» Glarus könne als Modell für andere dienen. «Es ist eine Chance, aber auch eine Art Konjunkturprogramm für den Kanton.»

 

Das Beispiel Wärmeversorgung Braunwald

Wie kann der Wärmebedarf des autofreien Ferienortes fossilfrei gedeckt werden? Für den Ersatz der Ölheizungen steht neben einer Wärmepumpe auch eine Holz-Pellet-Heizung für die grossen Hotelbetriebe zur Diskussion. Nur: Wie kommen die Holz-Pellets nach Braunwald?

Ein Forschungsprojekt am Institut IPEK der OST – Ostschweizer Fachhochschule in Rapperswil-Jona testete im Auftrag des Kantons Glarus mit einer Versuchsanlage, wie die Holz-Pellets mit einer Art Rohrpost nach Braunwald transportiert werden könnten. Die Versuchsanlage wurde als skaliertes Modell gebaut.

Vom Tal bis nach Braunwald gilt es in der realen Anwendung, 1100 Meter Entfernung und 600 Höhenmeter zu überwinden. Real-Tests sollen in einem nächsten Schritt zeigen, ob der Transport erheblicher Mengen von Holz-Pellets in einer Rohrleitung auch bei dieser Höhendifferenz zuverlässig funktionieren wird. Die Ergebnisse der bisherigen Versuche sehen laut Fachhochschule OST vielversprechend aus. Neben der technischen Machbarkeit sind ausserdem noch wettbewerbsfähige Kosten der Anlage für die Hotelbetreiber wichtig.

Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie

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