1918/19, die Jahre der Spanischen Grippe. Vieles erschwerte damals die Bewältigung der Krankheit: Die letzten Monate des ersten Weltkriegs, die damit verbundene Kriegs- und Mangelwirtschaft, fehlendes medizinisches Wissen und gesellschaftspolitische Unruhen, die Ende 2018 im Landesstreik gipfelten. Gerade der Energiemangel beflügelte die noch junge Elektrizitätswirtschaft, brachte aber gleichzeitig die noch heute andauernde Diskussion über den Eigenversorgungsgrad in Gang. Eine zweiteilige Zeitreise durch die Originalquellen aus den Grippejahren 1918/19. Im ersten Teil geht es um die Grippebewältigung selbst, die viele Parallelen zur heutigen Zeit aufweist. Der zweite Teil beleuchtet dann die Entwicklungen rund um die Elektrizitätsversorgung.

Sollen doch die Toten frieren
Während und nach dem ersten Weltkrieg, der von Juli 1914 bis November 1918 dauerte, war in der Schweiz die Energie knapp. Das half natürlich nicht bei der Bewältigung der Spanischen Grippe, deren erste Welle die Schweiz Mitte 1918 erreichte. So sorgte sich ein Autor im Graubündner Generalanzeiger Mitte August 1918 (Link) über die Aussicht, dass die SBB wegen des Kohlemangels im Winter nicht mehr alle Züge heizen werde. Etwas zynisch fragte er, warum man dann nicht auf die einstweilen auf Leichenverbrennungen verzichte, wenn so grosser Kohlemangel herrsche. So eine Verbrennung brauche 350 kg Kohle. Es sei doch richtiger, die Toten frieren als die Lebenden. Wie konnte es zu einer solchen Aussage kommen?

Die Spanische Grippe – Mehr als ein eidgenössischer Wettschnupfen
Im Frühsommer 1918 berichteten die Zeitungen erstmals über die neue Krankheit, die Spanische Grippe. Ein telegraphischer Bericht aus Madrid in den Neuen Zürcher Nachrichten (Link) beschrieb diese als recht harmlos: Die Grippe halte 3 bis 4 Tage an und verschwinde dann plötzlich.

Anfang Juli versuchte das eidgenössische Gesundheitsamt, das damalige BAG, noch zu beruhigen, wie im Boten vom Untersee und Rhein (Link) nachzulesen war. Das Amt betonte den «sehr gutartigen Charakter der Krankheit», der namentlich durch die Jahreszeit bedingt sei. «Bei der sommerlichen Wärme, in der wir stehen, ist es nämlich ausgeschlossen, dass sich Komplikationen einstellen. So werden in der gegenwärtigen Jahreszeit namentlich alle Affektionen der Atmungsorgane ausbleiben.»

Trotz Grenzsperren fliegt die Grippe von Land zu Land
Doch sehr rasch wurde die tatsächliche Gefährlichkeit der Krankheit erkannt. So berichteten Anfang Juli beispielsweise die Neuen Zürcher Nachrichten (Link), dass die spanische Grippe in verschiedenen Fabriken der Metallindustrie aufgetreten war, in einem Fall bei über 800 Arbeitern: «Am Morgen gesund zur Arbeit angetretene Leute wurden plötzlich von einem Schüttelfrost gepackt und bei hochgradigem Fieber mehrere Tage ins Krankenbett geworfen.» Und im Oberländer Tagblatt war zu lesen (Link): «Die spanische Grippe ist mehr als ein „eidgenössischer Wettschnupfen“, als welcher sie kürzlich in einem bernischen Blatte bezeichnet wurde! Sie hat ja ihren gewissen Humor, indem sie im Zeitalter der hermetischen Grenzsperren von Land zu Land fliegt, und man möchte nur wünschen, dass der Friedensgedanke sich ebenso energisch verbreiten und einnisten würde. … Aus der Westschweiz werden zahlreiche Todesfälle und eine tiefe Beunruhigung gemeldet. Die Grippe sprengt ganze militärische Verbände, sie schliesst Betriebe und Schulen. … Unbegreiflich ist uns die Bekanntmachung des schweizerischen Gesundheitsamtes, wonach die Epidemie keinen gefährlichen Charakter besitze.»

Simulanten?
Dass die Spanische Grippe Anfangs nicht überall ernst genommen wurde, insbesondere in der Armee, zeigt diese sehr boshafte Karikatur im Nebelspalter vom Juli 1918. Im Titel dazu heisst es: «Die Grippe in der Armee oder: Immer dasselbe. Die grippekranken Soldaten wurden anfänglich oft als Simulanten verdächtigt.» Der Major fragt den Wächter: «Etwas Besonderes?» Der Wächter antwortet: «Nein, Herr Major! Bloss von den Grippe-Simulanten sind schon wieder zwei gestorben.»

Die Grippe in der Armee. Nebelspalter vom 27. Juli 1918 (Link)

Höhepunkt der ersten Welle Ende Juli 1918
Die ersten gesicherten Krankheitsfälle gab es in der Schweiz im Mai 1918, die erste Welle erreichte ihren Höhepunkt Ende Juli. Tatsächlich wütet die Grippe zunächst vor allem in der Armee und in der Westschweiz, wie die Chronik der Stadt Zürich Mitte Juli berichtete (Link): «Die sogenannte spanische Krankheit … hat in wenigen Wochen über hundert schweizerische Wehrmänner dahingerafft. Es ist traurig, dass unsere Soldaten, die unter dem Krieg schon genug leiden mussten, in ihrem Vaterlandsdienst die Opfer dieser neuen Krankheit werden müssen. Im Berner Jura, in Chaux-de-Fonds und im Wallis wütet sie besonders stark; in der Westschweiz hat sie eine wahre Panik hervorgerufen.»

Grausige Berichte
Grausig sind teilweise die Berichte in den Zeitungen. Beispielsweise rapportierte der Bote vom Untersee und Rhein Anfang August 1918 aus der Stadt Bern (Link): «In der Stadt Bern ist es in den letzten Tagen vorgekommen, dass grippekranke Leute auf offener Strasse zusammenbrechen und weggetragen werden müssen, wie z.B. auf dem Dienstagmarkte zwei Frauen und am Mittwoch ein junger Mann im Mattenhof. Besondere Teilnahme erregt der Tod der beiden Eheleute Sommer, die im Alter von 26 und 27 Jahren im Zeitraum von wenigen Stunden nacheinander starben, drei unmündige Kinder hinterlassend. Auch im Emmental hat die Grippeepidemie Einzug gehalten. Im Wildsgut in der Gemeinde Signau waren letzten Sonntag im gleichen Hause vier Leichen aufgebahrt: die über 70-jährige Grossmutter und drei Enkel und Enkelinnen im Alter von 13, 2 und 1 Jahr.»

In der Stadt Fribourg verordnete der Gemeinderat gemäss einem Bericht des Intelligenzblatts für die Stadt Bern von Mitte September 1918 (Link), dass «alle, die an der Epidemie gestorben sind, spätestens 12 Stunden nach dem Hinschied bestattet sein müssen und die Überführung der Leichen in die Kirche ist absolut verboten sei.»

Viele Tramangestellte in Winterthur erkrankt, NZZ vom 3. Juli 1918 (zeitungsarchiv.nzz.ch)

 

Woher kommt die Grippe?
Es gab recht abenteuerliche Theorien zur Verbreitung des Spanischen Grippe. Anfang Juli 1918 wusste beispielsweise das Intelligenzblatt für die Stadt Bern (Link) von «fachkundiger meteorologischer Seite», dass sich die Krankheit durch Luftströmungen aus Spanien verbreite: «Es darf uns auch nicht wundernehmen, nachdem das schädliche Agens schon weit herum eingedrungen ist, reichliche Regenfälle und stärkere Ventilationen der unteren Luftschichten, wie sie in Begleitung zahlreicher barometrischer Depressionen in letzter Zeit auftreten, die Epidemie nicht so schnell zum Erlöschen bringen können.»

Auch der Bundesrat rätselte in seinem Geschäftsbericht zum Jahr 1918 (Link) über die Herkunft der Grippe: «Wo und wann sie [die Influenza] begonnen hat, ist ziemlich schwer zu entscheiden. Die einen wollen sie von Zentralasien ausgehen lassen, wie dies bei der Epidemie von 1889 der Fall war; nach andern wäre sie aus den Vereinigten Staaten von Nordamerika eingeschleppt worden, wo sie schon 1917, ja möglicherweise sogar früher beobachtet wurde.»

Social Distancing und Versammlungsverbote
Mitte Juli 1918 ermächtigte der Bundesrat die Kantone und Gemeinden, Versammlungsverbote zu erlassen. Damit sollte die weitere Ausbreitung der Spanischen Grippe verhindert werden. Wie die NZZ berichtete (siehe Bild) drohten bei Zuwiderhandlungen Geld- und Gefängnisstrafen:

Bundesrat ermöglicht Versammlungsverbote, NZZ, 18. Juli 1918 (zeitungsarchiv.nzz.ch)

Immerhin hatte man erkannt, dass das Distanzhalten die weitere Übertragung der Grippe verhindern kann. So berichtete das Oberländer Tagblatt Mitte Juli 1918 über die Massnahmen im Kanton Waadt (Link): «Um die weitere Verbreitung der Spanischen Grippe zu verhindern, hat der Regierungsrat des Kantons Waadt die sofortige Schliessung aller Schulen im ganzen Kanton angeordnet. Der Stadtrat von Lausanne hat alle öffentlichen Versammlungen untersagt, wie auch die Patientenbesuche in den Spitälern. Unerlässliche und notwendige Zusammenkünfte von Personen, die nicht verschoben werden können, müssen unter freiem Himmel stattfinden.»

Ähnliche Massnahmen wurden überall in der Schweiz umgesetzt, wie dieser Ausschnitt aus der NZZ vom 19. Juli 1918 zeigt:

NZZ, 19. Juli 1918 (zeitungsarchiv.nzz.ch)

Gegen die vielerorts erlassenen Versammlungsverbote wurde aber bald gestänkert, auch von Seiten der Kirche. Ein Protestantischer Pfarrer schimpfte im August 1918 per Leserbrief an die Neuen Zürcher Nachrichten (Link): «Der hohe Bundesrat und die hohen Regierungen suchen die Bürger zu schützen: die Gemeindebehörden tun ein mehreres. Weil Ansammlungen der Menschen der Verbreitung des Übels dienen, werden sie untersagt. Die Schulen werden eingestellt; ihre Verbindlichkeit wird zeitweilig gelöst — dabei sind die Kinderlehren zu den Schulen gezählt. Die Theater. die Konzerthallen, die Musiksäle, die Lichtspiele und ihresgleichen werden geschlossen. Das mag Hingehen. Aber in den öffentlichen Gottesdienst geht man seit Jahrzehnten nicht aus Gewohnheit noch aus Neugierde, noch um sich oder etwas Neues an sich zu zeigen, sondern aus Bedürfnis zur Erbauung.» Ein anderer Autor hingegen rügte in der Engadiner Post im Oktober (Link), als die zweite Welle im Gang war, dass Sonntags ein reger katholischer Kirchenbesuch stattfinde, der für die Ausbreitung der Grippe in der Gemeinde eine grosse Gefahr bedeute.

Der Bundesrat ist zufrieden
In seinem Geschäftsbericht zum Jahr 1918 (Link) zeigte sich der Bundesrat zufrieden mit den umgesetzten Schutzmassnahmen: «So haben wir mit Rücksicht auf die grosse Ansteckungskraft der Influenza und in Anbetracht der wohl erwiesenen Tatsache, dass Menschenansammlungen ihre Verbreitung ganz besonders fördern, durch Beschluss vom 18. Juli 1918 die Kantone und Gemeinden ermächtigt, alle Veranstaltungen zu verbieten, welche zur Ansammlung zahlreicher Personen am gleichen Ort oder im gleichen Raum führen können, …. Dieses Ansammlungsverbot, dessen Erlass den Kantonen und Gemeinden anheimgestellt war, scheint im allgemeinen gute Erfolge gezeitigt zu haben.» Zur Anzeigepflicht, die der Bundesrat erst im Oktober 1918 erlassen hatte, stellte der Bundesrat in seinem Bericht pragmatisch und illusionslos fest: «Später, am 11. Oktober, haben wir die für die gemeingefährlichen Epidemien vorgesehene Anzeigepflicht auf die Influenza ausgedehnt, weniger in der Meinung, damit alle beobachteten Fälle zur Anzeige bringen zu können – was unmöglich gewesen wäre und bei der grossen Verbreitung der Krankheit auch nicht viel genützt hätte – als um die Behörden eher in den Stand zu setzen, den Verlauf der Epidemie zu verfolgen und ihr Auftreten in bis dahin verschont gebliebenen Ortschaften rechtzeitig zu erfahren.»

Ärzte schämen sich, Masken zu tragen
Ein wirksames Mittel, nämlich Gesichtsmasken, war in der Schweiz damals noch eine echte Neuerung, wie im Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern Ende Juli 1918 (Link) nachzulesen war: «Westschweizerische Blätter berichten, dass in einzelnen Spitälern zu einer neuen Massnahme gegriffen wird, um die Ärzte … vor der Ansteckung zu schützen. Sie tragen während der Behandlung der Grippekranken eine Maske aus Gaze und Watte, die Nase und Mund deckt und alle Giftstoffe beim Einatmen aufhalten soll. Die Maske wird nach jedem längeren Gebrauch ausgekocht. Diese Neuerung ist im Lausanner-Kantonsspital bereits eingeführt worden.» Ein anderer Artikel im Tagblatt der Stadt Thun von Anfang August (Link) erklärte, weshalb die Masken in der Ärzteschaft nicht schon weiter verbreitet seien: «Dass die Masken bisher bei Ärzten gar nicht oder nur wenig in Gebrauch sind, mag wohl in dem stark entwickelten Ehrgefühl der Ärzte seinen Grund haben, die sich solcher Abwehrmittel vor ihren Patienten gewissermassen schämen.»

Kein Aufschnaufen: Die zweite Welle folgt sogleich
Kaum waren vielerorts die Versammlungsverbote wieder aufgehoben worden, setzte die zweite, viel stärkere Welle ein. Sie erreichte ihren Höhepunkt in der zweiten Oktoberhälfte. Der Bundesrat rapportierte die Fallzahlen fein säuberlich in seinem Geschäftsbericht 1918 (Link):

Geschäftsbericht des Bundesrats zum Jahr 1918 (Link)

Wohl die Hälfte der Bevölkerung betroffen, 25’000 Todesfälle
Der Bundesrat machte aber klar, dass wohl auf jeden angezeigten Fall zwei nicht angezeigte Fälle kommen, «sei es, dass der Kranke sich überhaupt nicht ärztlich behandeln liess, oder dass der beilgezogene Arzt die Anzeige aus diesem oder jenem Grunde unterliess. Unter dieser Annahme gelangen wir für das Jahr 1918 zu einer Gesamtzahl von ungefähr 2 Millionen Influenzaerkrankungen in der Schweiz, d.h. gut der Hälfte der gesamten Bevölkerung.» Im Geschäftsbericht zum Jahr 1919 (Link) zählte der Bundesrat von Januar bis Mai 1919 dann insgesamt noch rund 80’000 weitere gemeldete Grippefälle, danach gab es nur noch einzelne. Bis Ende 1918 waren daran rund 21’000 Personen gestorben, bis zum Ende der Pandemie waren es rund 25’000.

Rund 1’800 Grippetote in der Armee, die Hälfte davon beim Aufgebot anlässlich des Landesstreiks
In seinem Artikel «Die Grippe-Epidemie 1918/1919 in der schweizerischen Armee» (Gesnerus: Swiss Journal of the history of medicine and sciences, 39/1982, Link) schreibt Walter Nussbaum, dass die Grippe in der Armee neben den normalen Erkältungskrankheiten zunächst gar nicht auffiel. «Dann plötzlich, mit dem Beginn des Monats Juli 1918, veränderte sich schlagartig der Charakter der Krankheit: es traten schwere Fälle mit Komplikationen auf, die zum Tode führten, sowohl im Militär wie bei der Zivilbevölkerung.» Besonders betroffen waren die Westschweizer Rekrutenschulen Lausanne, Colombier, Genf und Bern. In der Infanterie-Rekrutenschule Colombier lag die Mortalität bei 72,5%: von 483 eingerückten Rekruten verstarben 35 einschliesslich der Schularzt. Die viel stärkere Erkrankungswelle im Spätherbst fiel mit dem großen Aufgebot an Ordnungstruppen anlässlich des Generalstreiks im November 1918 zusammen. Total gab es in der Armee, so Nussbaumer, 1’805 Grippetote, wovon allein 926 auf die im November anlässlich des Generalstreiks aufgebotenen Ordnungstruppen entfielen.

Auf und Ab bei den Versammlungsverboten
Das rasche Aufeinanderfolgen der ersten und zweiten Welle machte die Arbeit für die Behörden nicht gerade leicht, die richtigen Massnahmen zur rechten Zeit zu treffen, wie das Beispiel der Stadt Bern zeigt. Am 5. Juli 1918 berichtete das Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern (Link): «Die spanische Krankheit hat nun auch in der Stadt Bern Einzug gehalten. In der Breitfeld-Primarschule mussten vorzeitige Ferien gemacht werden.» Bereits Anfang August befasste sich der Gemeinderat der Stadt Bern dann mit der Aufhebung des Versammlungsverbots, wie das Oberländer Tagblatt wusste (Link): «Angesichts der Abnahme der Epidemie dürfte der Gottesdienst am Sonntag, 18. August und der Schulunterricht am Montag darauf wiederbeginnen können.» Und wiederum Ende November 1918 musste der bernische Grosse Rat die laufende Session wegen der Grippe abbrechen, wie das Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern berichtete (Link).

Wundermittel und Impfungen
Wie in der aktuellen Pandemiesituation wurden auch während der Spanischen Grippe allerlei Wundermittel und Therapien propagiert. Zum Beispiel sollte der Konsum von Alkohol gegen eine Ansteckung helfen. Doch dagegen wehrten sich die Verfechter der Abstinenz. So berichtete der Grütlianer Ende Juli 1918 (Link): «Aus absolut sicherer Quelle wird berichtet, dass in der von der Epidemie stark hergenommenen Artillerierekrutenschule in Thun die Abstinenten alle von der Krankheit verschont wurden. … Diese Tatsache beweist zum Mindesten, dass der Alkohol zur Verhütung der Grippe nicht notwendig ist.»

Werbung im Nebelspalter vom 10. August 1918 (Link)

Es gab aber noch krassere Therapievorschläge. So wusste das Intelligenzblatt für die Stadt Bern im August 1918 (Link) von intravenösen Terpentineinspritzungen, die 1913 im Seruminstitut von Genf entwickelt worden waren, die bei der Bekämpfung der Spanischen Grippe helfen könnten. Auch Bestrahlungen mit ultraviolettem Licht, so wurde Mitte August 1918 in den Neuen Zürcher Nachrichten (Link) behauptet, könne eine beginnende Grippe nicht selten sofort zum Stillstand bringen.

Absurd auch die Idee, dass ausgerechnet in der Bundesverwaltung das Rauchen als Vorbeugung gegen die Spanische Grippe propagiert wurde. So zumindest behauptete die NZZ im Juli 1918:

Rauchen als Grippevorbeugung in der Bundesverwaltung, NZZ, 26. Juli 1918 (zeitungsarchiv.nzz.ch)

Auch mit Impfungen wurde experimentiert. Das Oberländer Tagblatt berichtete im Dezember 1918 (Link): «Das schweizerische Serum- und Impfinstitut hat ein Präparat hergestellt, mit dem man bereits vielversprechende Versuche angestellt hat. Schon vor vier Wochen haben hiesige Ärzte etwa 60 Personen, darunter einen grossen Teil des Pflegepersonals in den Notspitälern usw. mit diesem Stoff geimpft. Von diesen ist bis zur Stunde niemand erkrankt. Es zeigte sich auch keine schädlichen und unangenehmen Nebenerscheinungen. Dadurch wurde nun einwandfrei festgestellt, dass das Mittel unter keinen Umständen schädlich wirkt. Man ist nun zu grösseren Versuchen übergegangen, indem das eben eingerückte Regiment 34 in Herisau mit diesem Schutzstoff geimpft worden ist. Die Impfung geschieht unter zwei Malen mit einem Zwischenraum von 10 Tagen. Die Grippeschutzimpfung hätte, wenn sie sich wirklich bewährt, eine ausserordentliche Bedeutung für unser Volk. Sie kann jedoch, wie man uns versichert, nur vorbeugend angewendet werden, und wirkt an bereits erkrankten Personen nicht mehr.»

Erfreuliche Feriensaison in einigen Tourismusregionen
Im August 1918 war die erste Welle der Grippe vielerorts vorbei. Und einige Tourismusregionen, wie das obere Toggenburg, waren mit der Sommersaison trotz Grippe recht zufrieden, wie die Neuen Zürcher Nachrichten Ende August berichteten (Link): «Die Fremdensaison geht zur Neige; doch weilen noch viele Erholungsbedürftige in den Gasthäusern und Pensionen zwischen Säntis und Churfirsten, die auf eine gute Saison zurückblicken. Wenn auch die Grippe an diesen Stationen nicht vorbeigegangen ist, sondern einzelne Ortschaften ziemlich heftig heimgesucht hat, so scheint sie doch im ganzen einen gutartigen Verlauf genommen und vor allem die Einheimischen betroffen zu haben. Auch der Strom der Touristen wird durch die herrlichen, strahlenden Spätsommertage noch immer zugeführt, im Besondern auf die Sonntage, und die Eisenbahn hat Mühe, bei den reduzierten Fahrgelegenheiten, dem Andrang Herr zu werden.»

Über eine Million Franken Bundesbeiträge zur Bekämpfung der Grippe
Im November 1918 sichert der Bundesrat den Kantonen finanzielle Unterstützung für die Grippebekämpfungsmassnahmen zu. Im Geschäftsbericht zum Jahr 1918 (Link) schreibt der Bundesrat: «Später, im Anschluss an eine von unserem Gesundheitsamt einberufene Konferenz kantonaler Sanitätsbehörden, zur Besprechung der durch die Epidemie geschaffenen Lage, haben wir durch Beschluss vom 19. November den Kantonen die im Epidemiengesetz vorgesehenen Bundesbeiträge von 50% zugesichert an die Kosten, welche ihnen und den Gemeinden aus den ausserordentlichen, zur Bekämpfung der Influenza angeordneten Massnahmen erwachsen, wie Erstellung, Einrichtung und Betrieb von Notspitälern, Anstellung von Pflegepersonal usw. Gleichzeitig haben wir die Kantone auch ermächtigt, Vorschriften zu erlassen über die Ausrichtung von Entschädigungen an Personen, welche durch, die Schliessung von Veranstaltungen und Unternehmungen, in welchen sie angestellt waren, brotlos geworden sind, sofern diese Schliessung auf Grund unseres Beschlusses vom 18. Juli (Ansammlungsverbot) erfolgt war.»

Im Bericht zum Geschäftsjahr 1919 (Link) zog der Bundesrat dann Bilanz zu den ausbezahlten Unterstützungsbeiträgen (siehe Bild): «Der Betrag der von uns ausbezahlten Subventionen, für die Sie uns seinerzeit die nötigen Kredite gewährt haben, beläuft sich auf Fr. 1,058,856.75. In dieser Summe sind nicht inbegriffen die an den Kanton Tessin zu leistenden Beiträge, dessen verspätet eingetroffene Rechnungen noch nicht liquidiert werden konnten. In der Summe von Franken 1,058,856. 75 ist u. a. inbegriffen ein Beitrag des Bundes von Franken 46,270 an die Unterstützungen, die von Kantonen und Gemeinden an Personen ausgerichtet wurden, welche durch Schliessung von Geschäften, in denen sie angestellt waren, besonders von Vergnügungsetablissementen wie Kinematographen etc., erwerbslos geworden waren. Da es sich dabei nach dem Wortlaut unseres Beschlusses vom 19. November 1918 ausschliesslich um eine Arbeitslosenunterstützung handelte, konnten wir einer Anzahl von Gesuchen von Besitzern von Kinos und andern öffentlichen Lokalen nicht entsprechen, die für die Verluste, die ihnen aus der Anwendung unseres Beschlusses vom 18. Juli 1918 erwachsen waren, entschädigt zu werden wünschten.»

Weiter bewilligte das Parlament auch Unterstützungsbeiträge an die Krankenkassen für die «an die ihnen durch die Grippe-Epidemie erwachsenen Mehrausgaben». In der Dezember-Session 1918 sparch das Parlament dafür einen ausserordentlichen Bundesbeitrag von 2 Millionen Franken, in einem Nachtragskredit wurde dieser Betrag später um eine weitere Million Franken aufgestockt.

Landesstreik war kein Energiestreik
Glaubt man den Quellen, blieb die Energieversorgung vom Landesstreik Mitte November 1918 (Wikipedia) meist unberührt, das Personal legte seine Arbeit nicht nieder. Nur in «Chaux-de-Fonds machten Arbeiter der Licht- und Kraftwerke am Streik mit, so dass der Ort bis gegen Abend ohne Elektrizität war, was namentlich in den Spitälern, wo viele Grippekranke liegen, übel empfunden wurde» und in «Le Locle war die Post geschlossen und der elektrische Strom wurde morgens um 7 Uhr abgestellt», berichtete das Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern am 13. November 1918 (Link). Andernorts, beispielsweise in der Stadt Zürich, verweigerte zwar das Postpersonal den Dienst, «Telegraph und Telephon, die öffentlichen Werke (Wasser, Gas, Elektrizität) blieben aber in Betrieb», so die Chronik der Stadt Zürich vom November 1918 (Link).

Zeit für eine neue Energie-Wunderwaffe
Der Krieg und die Spanische Grippe hatten Bevölkerung und Wirtschaft stark in Mitleidenschaft gezogen. Besonders spürbar war auch der Energiemangel, gerade im Winter. Die Zeit für eine neue Energie-Wunderwaffe, die Elektrizität, war gekommen. Mehr dazu im zweiten Teil dieser Blogserie.

Für diesen Artikel verwendete Quellen: www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch, www.e-newspaperarchives.ch, www.e-periodica.ch, www.zeitungsarchiv.nzz.ch

Marianne Zünd, Leiterin Medien und Politik, Bundesamt für Energie

 

 

 

 

 

 

 

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