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«Für eine erfolgreiche Energietransition braucht es auch die Sozialwissenschaften»


Im Rahmen des Förderprogramms SWEET des Bundesamts für Energie wurde Wert darauf gelegt, dass Sozial- und Geisteswissenschaften bewusst in den ausgewählten Konsortien eingebunden sind. Warum ist der Blickwinkel dieser Wissenschafter wichtig?

Isabelle Stadelmann, Professorin für Vergleichende Politik an der Universität Bern, forscht seit mehreren Jahren zu Energiethemen, häufig in Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus naturwissenschaftlich-technischen Fachrichtungen. Im Interview zeigt sie auf, warum solche Kooperationen für die Transformation unseres Energiesystems von grosser Bedeutung sind.

Isabelle Stadelmann ist Politikwissenschafterin an der Universität Bern.

Energeiaplus: Sie sind Politikwissenschafterin, Isabelle Stadelmann. Viele Ihrer Forschungsprojekte befassen sich mit Energiethemen. Was fasziniert Sie an diesen Fragestellungen?

Isabelle Stadelmann: Ich forsche gerne zu Themen, die eine gesellschaftliche und politische Relevanz haben. Das ist im Energiebereich natürlich wie kaum in einem anderen gegeben. Das Nein zum CO2-Gesetz zeigt klar, dass es mehr Forschung darüber braucht, unter welchen Bedingungen in einer direkten Demokratie solch langfristig angelegten und fundamentalen Veränderungen zu schaffen sind. Diese Frage treibt mich um.

Hinzu kommt, dass mich naturwissenschaftliche und technische Themen immer schon interessiert haben – tatsächlich habe ich bei der Studienwahl zwischen Politikwissenschaft und Physik geschwankt. Interdisziplinäre Forschung im Energiebereich entspricht mir deshalb sehr gut.

Sie arbeiten oft im Verbund mit anderen Forschenden, häufig kommen diese aus naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen. Wie kommt es zu diesen Kooperationen?

Der Start bildete das NFP Energie, bei dem ich mit einem ursprünglich rein politikwissenschaftlichen Projekt beteiligt war. Nicht zuletzt aufgrund der Aufforderung der Programmleitung, bei den technischen Projekten den Aspekt der sozialen Akzeptanz zu integrieren, fragte mich das Team von Prof. Christian Franck von der ETH Zürich für eine Kollaboration an. Sie entwickelten neue Technologien im Bereich des Stromtransports und unsere Gruppe untersuchte die Akzeptanz dieser hybriden Hochspannungsleitungen.

 

In einer Interview-Serie wird das Thema der Sozial- und Geisteswissenschaften in der Energieforschung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Lesen Sie auch das erste Interview: La recherche énergétique a besoin des sciences humaines et sociales | BFE-Magazin energeiaplus | Energiemagazin des Bundesamtes für Energie

 

Das Projekt lief aus meiner Sicht fast idealtypisch ab. Unsere Befunde wurden von der Technik-Seite in ihre Optimierungen integriert. Es zeigte sich, dass sozialwissenschaftliche Forschung beziehungsweise die Berücksichtigung ihrer Befunde das technische Ergebnis beeinflussen und verändern können. Dieses Projekt motivierte mich entsprechend, weitere ähnliche Projekte voranzutreiben. Die aktuellen Kooperationen gehen fast alle direkt oder indirekt auf diese NFP-Erfahrung zurück.

Was ist bei solchen Kooperationen besonders zu beachten? Wo liegen die Herausforderungen?

Sicher braucht es zu Beginn Bereitschaft und Zeit, damit «beide Seiten» ein generelles Verständnis entwickeln können für das, was die «andere Seite» macht. Die wirklich grosse Herausforderung scheint mir aber, Methoden zu entwickeln, mit denen konkret sozialwissenschaftliche und technische Forschung integriert werden können.

Können Sie uns ein Beispiel einer solchen Zusammenarbeit anhand eines konkreten Projekts geben?

Gerade starten wir ein vom SNF gefördertes Sinergia-Projekt im Bereich der saisonalen Energiespeicherung. Wir werden dabei unter anderem sozialwissenschaftliche Methoden für ein sogenanntes «Constructive Technology Assessment» verwenden, um das Potential verschiedener Energiespeicherlösungen und Rahmenbedingungen in der Praxis unter Berücksichtigung politischer und gesellschaftlicher Gegebenheiten zu analysieren.

Das Ziel ist es, am Schluss konkrete Vorschläge machen zu können, welche Energiespeicherlösungen in welchen Kontexten vorangetrieben werden sollten, damit diese auch breit genutzt werden. Der Weg zu diesem Projekt war lang: Von den ersten Ideen und Gesprächen bis zum erfolgreichen Sinergia-Antrag hat es rund drei Jahre gedauert.

Warum sind inter- und transdisziplinäre Projekte gerade im Bereich der Energieforschung so wichtig?

Technische Lösungen und Innovationen werden typischerweise mit dem Ziel entwickelt, dass sie besonders effizient oder effektiv sind, um ein gewisses Problem zu lösen. Diejenigen, die aber diese Technologien am Schluss nutzen, wenden oft andere Kriterien an. Die technisch optimale Lösung ist möglicherweise nicht jene, die sich politisch umsetzen lässt oder die die Konsumentinnen und Konsumenten wollen.

Um die Energietransition so schnell wie nötig umzusetzen, können wir es uns aber nicht leisten, dass Zeit in technologische Lösungen gesteckt wird, die am Ende nicht genutzt werden. Ich habe die Hoffnung, dass interdisziplinäre Zusammenarbeit in diesem Bereich einen wichtigen Beitrag zu einer schnelleren Umsetzung leisten kann.

Für die Weiterentwicklung von SWEET interessiert uns, wie aus Ihrer Sicht Förderinstrumente gestaltet sein sollten, um die Sozial- und Geisteswissenschaften besser miteinzubeziehen?

Man sollte sich überlegen, einmal ein Forschungsprogramm zu schaffen, bei dem tatsächlich das Gesellschaftliche und Politische im Zentrum steht. Bisherige Ausschreibungen sind eher so ausgestaltet, dass zwar die Wichtigkeit der Sozial- und Geisteswissenschaften grundsätzlich anerkannt wird, diese jedoch im Prinzip immer noch Anhängsel bilden zu technisch dominierten Fragestellungen.

Letzteres führt auch dazu, dass Vertreterinnen und Vertreter der Sozial- und Geisteswissenschaften – und hier schliesse ich die Ökonomie teilweise aus – praktisch keine Möglichkeit haben, selbst ein Konsortium aufzugleisen und zu leiten. Dies könnte aber gerade für die Sichtbarkeit dieser Disziplinen im Energiebereich, aber auch für die Attraktivität des Themenfeldes aus Sicht der Geistes- und Sozialwissenschaften wichtig sein.

Andrea Leu, Senarclens, Leu + Partner AG für SWEET

 

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2 Kommentare
  1. Werner Zumbrunn
    Werner Zumbrunn sagte:

    Die Sozialwissenschaften können sicher aufzeigen, welche Bedingungen notwendig wären, wie „in einer direkten Demokratie fundamentale Veränderungen zu schaffen“ wären. Die Frage ist aber, ob sich die Politik und letztlich die Stimmbürger/-innen von entsprechenden Forschungsergebnissen beeinflussen oder leiten liessen. Das Beispiel des Forschungsresultats „Size does matter“ der Sozialwissenschaftler Thomas Gautschi und Dominik Hangartner von der Universität Bern macht wenig Hoffnung: Die Forscher hatten schon 2006 aufgezeigt, dass die Körpergrösse beim Lohn eine wichtige Rolle spielt. Dass Schweizer Männer im Durchschnitt ca. 13 Zentimeter grösser sind als Schweizer Frauen, erklärt einen „unerklärten Lohnunterschied“ von ca. 8 Prozent. Aber dieses Forschungsresultat wird von der Politik, der Gesellschaft und auch den Medien – vermutlich aus politischen Gründen – einfach negiert. Zum Beispiel wird in der fundamentalen „Lohnstrukturerhebung LSE 2018“ des Bundesamtes für Statistik kein Wort darüber verloren.
    Daher ist davon auszugehen, dass sozialwissenschaftliche Forschungen kaum einen Einfluss auf die „Energietransition“ haben oder haben werden.

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  2. Monika Gisler
    Monika Gisler sagte:

    „Letzteres führt auch dazu, dass Vertreterinnen und Vertreter der Sozial- und Geisteswissenschaften … praktisch keine Möglichkeit haben, selbst ein Konsortium aufzugleisen und zu leiten.“: Sehr richtig – hier gälte es, die Konzeptualisierung des Forschungsprogramms zu überdenken (idealerweise wären schon bei der ersten Konzeptualisierung Forschende aus Geistes- und Sozialwissenschaften einbezogen worden). Und à propos: Bisher sehe ich nur Aussagen und Argumentationen von den und für die Sozialwissenschaften, die Geisteswissenschaften sind doppelt aussen vorgelassen.

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