Vor 20 Jahren nahm das Zwischenlager in Würenlingen (AG) seinen Betrieb auf. Radioaktives Material aller Art wird dort gelagert – vorübergehend, bis ein Standort für die definitive Entsorgung realisiert ist. 2050 ist das frühestens möglich für schwach- und mittelradioaktive Abfälle, 2060 für hochradioaktive Abfälle.

Reichen die vorhandenen Kapazitäten im Zwilag? Was hat der Atomunfall von Fukushima punkto Sicherheitsanforderungen verändert? Und: Sind 20 Jahre Zwilag ein Grund zum Feiern? Energeiaplus hat nachgefragt beim Geschäftsführer des Zwilag, bei Ronald Rieck. Er leitet das Zwilag seit Mitte 2016.

Ronald Rieck ist Diplom Ingenieur Maschinenbau, Fachrichtung Kernenergietechnik. Studiert hat er an der Technischen Hochschule Zittau. Die Geschäftsleitung der Zwilag Zwischenlager Würenlingen AG hat er seit 1. Juli 2016. Ronald Rieck ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes.

Energeiaplus: Die ersten Brennelemente aus einem Kernkraftwerk wurden im Juli 2001 angeliefert. Mittlerweile stehen in der grossen Lagerhalle für hochradioktive Abfälle 68 Lager- und Transportbehälter mit circa 3500 Brennelementen. Reichen diese Kapazitäten, bis das geologische Tiefenlager in Betrieb ist?

Ronald Rieck: Ja, die Kapazitäten, die im Zwilag geschaffen worden sind, reichen für die Lagerung aller in Zukunft anfallenden Abfälle aller Kernkraftwerke aus. Seit der Inbetriebnahme wurden verschiedene Gebäude und Lagerhallen realisiert.

Das Kernstück des Zwilag bildet die 68 Meter lange, 41 m breite und knapp 20 m hohe Behälterlagerhalle. Darin sind die hochaktiven Abfälle aus den Wiederaufbereitungsanlagen und da kommen auch die ausgedienten Brennelemente aus den schweizerischen Kernkraftwerken hin. Die Abfälle wie auch die ausgedienten Brennelemente werden in dicht verschlossenen Transport- und Lagerbehältern gelagert. Bei voller Belegung finden in dieser Halle rund 200 solche Behälter stehend Platz.

Das Lager für mittelaktive Abfälle weist eine Lagerkapazität für umgerechnet 384 Lagercontainer auf. Die Lagercontainer werden mit bereits konditionierten, endlagerfähigen Abfallgebinden beladen und fernbedient in den Lagerschächten aufeinander abgestellt. Die Lagerhalle ist so gebaut, dass sie die Abfälle abschirmt und diese gegen äussere Einwirkungen schützt.

Das Lagergebäude für schwach- und mittelaktive Abfälle wurde von 2018 bis 2020 fertiggestellt. Dieses 98 m lange, 33 m breite und knapp 20 m hohe Gebäude mit einer Lagerkapazität von gut 17’618 Kubikmetern hat genügend Platz, um die entsprechenden Abfälle aufzunehmen.

Im Dezember 2019 wurde das Kernkraftwerk Mühleberg stillgelegt. Wie wirkt sich das im Zwilag aus?

Ronald Rieck: Die Ausserbetriebnahme des Kraftwerks markiert eine gewisse Zäsur. Wir haben uns zusammen mit der BKW selbstverständlich auf diesen Termin vorbereitet und die Materialflüsse, wie sie im Rahmen des Rückbaus der Anlage entstehen werden, sorgfältig berechnet und geplant. Die Zusammenarbeit mit Mühleberg ist natürlich nicht neu. Wir haben in den letzten 20 Jahren von Mühleberg periodisch immer wieder schwach- und mittelaktive sowie hochaktive, ausgediente Brennelemente in Empfang genommen. Gegenwärtig werden von Mühleberg schwach- und mittelaktive Abfälle angeliefert. Die Brennelemente, die im letzten Zyklus im Reaktor waren, verbleiben für die nächsten Jahre noch in Mühleberg.

1989 haben die Stimmberechtigten der Standortgemeinde Würenlingen ja gesagt zum Zwischenlager. Im April 2000 wurde das Zwilag dann offiziell in Betrieb genommen. Jetzt ist es 20 Jahre in Betrieb. Ein Grund zum Feiern?

Ronald Rieck: Ja. Wir können stolz auf das bisher Geleistete sein. Wir setzen mit unseren Anlagen weltweit Standards. Wir haben bei der Verbrennung radioaktiver Abfälle einen, dem Stand der Technik entsprechenden, neuen Weg beschritten. Die schwach- und mittelaktiven Abfälle werden nicht auf konventionelle Art verascht, sondern mit einem Plasmabrenner bei hohen Temperaturen bis zu 20’000° C thermisch zersetzt oder aufgeschmolzen. Die Radioaktivität kann durch dieses Verfahren zwar nicht verringert, das Volumen aber verkleinert werden.

In der Konditionierungsanlage stehen eine Vielzahl verfahrenstechnischer Einrichtungen zur Verfügung, mit denen die angelieferten Abfälle – vorwiegend Stückgut und grosse Komponenten aus den Kernkraftwerken – behandelt werden. Das Hauptziel ist die vollständige Dekontamination bis zur Freigrenze, so dass die von radioaktiven Stoffen befreiten Abfallstücke als konventioneller Abfall der Wiederverwertung zugeführt werden können.

Plasma-Anlage (Bild: Zwilag)

In der «Heissen Zelle» können bei Bedarf Lagerbehälter überprüft oder repariert werden. Darüber hinaus wird dieser Raum auch für die Inspektion oder für das Umladen von Brennelementen benötigt. Die Handhabungen in der «Heissen Zelle» erfolgen ausschliesslich über Fernsteuerung. Schliesslich möchte ich eines noch hervorheben: Unsere Arbeit stösst auf Akzeptanz. Wir haben in der Politik und in der Öffentlichkeit einen guten Ruf. Darüber sind wir äusserst froh.

2011 – zehn Jahre nach der Inbetriebnahme – passierte der Atomunfall in Fukushima. Die Schweiz beschloss den Atom-Ausstieg und die Sicherheitsanforderungen an die Kernanlagen in der Schweiz stiegen. Welche Anpassungen erforderte das beim Zwilag?

Ronald Rieck: Als nukleare Anlage haben wir, wie die Kernkraftwerke, die vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI angeordneten Tests und Analysen alle durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass das Zwilag allen Extremereignissen mit einer durchaus ausgeprägten Sicherheitsmarge standhalten konnte. Aus Fukushima haben die Kernenergiebranche im Allgemeinen und das Zwilag im Speziellen wichtige Lehren gezogen und dies mit Blick darauf, dass die Sicherheit der Bevölkerung oberstes Ziel ist. Wir haben in der Folge viele Massnahmen zur weiteren, anlagespezifischen Verbesserung des bestehenden Notfallschutzes umgesetzt. Grosse Investitionen haben wir beispielsweise in den Erdbebenschutz getätigt. Die Abfallbehandlung ist national und international stark reguliert und wie auch alle Kernkraftwerke der Aufsicht des ENSI und der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) unterstellt.

Was ist für das Zwilag derzeit die grösste Herausforderung?

Ronald Rieck: Seit über einem halben Jahr prägt die Corona-Pandemie unser Leben. Wir befinden uns in der zweiten Welle und es ist, trotz der durchaus erfreulichen Entwicklung von Impfstoffen, noch kein Ende dieser schwierigen Situation abzusehen. Die damit einhergehenden Herausforderungen werden also unsere Arbeit weiterhin begleiten. Was ich aber heute bereits festhalten kann, ist, dass unsere Arbeit im Zwilag zu keiner Zeit beeinträchtigt war. Wir haben schnell und professionell reagiert. Wir haben rasch die Hygiene- und Abstandsregeln sowie Splitting Operations eingeführt. Seit Neuestem steht eine Fiebermessstation im Eingangsbereich des Zwilag.  Wir erbringen unsere Dienstleistungen weiterhin zuverlässig plan- und zeitgerecht. Dies auch unter erschwerten Bedingungen. Auf den grossen Einsatz und den positiven Geist in der Belegschaft bin ich stolz.

Im Zwilag lagern nicht nur ausgediente Brennstäbe, sondern auch schwach- und mittelradioaktives Material. Seit diesem Jahr ist für das schwachaktive Material zudem eine neue Halle in Betrieb. Gibt es immer mehr solches Material?

Ronald Rieck: Im Rahmen des Rückbaus der Kernkraftwerke wird immer mehr derartiges Material anfallen., Mehr als 90% davon kann aber auf einer Anlage freigemessen und dem normalen Recycling zugeführt werden. Für das restliche Material, das zu uns kommt, haben wir in den letzten beiden Jahrzehnten, wie bereits gesagt, die Lagerkapazitäten sukzessive ausgebaut.

Wann hat das Zwischenlager ausgedient? Die Bezeichnung deutet an, dass das Zwilag ein Ablaufdatum hat.

Ronald Rieck: Wir sind solange da, wie es uns braucht!  Das Zwilag ist das Bindeglied zwischen der Abfallentstehung und Abfalllagerung in geologischen Formationen. Diese Funktion werden wir solange inne haben, bis die Materialien in das Tiefenlager verbracht werden.  Danach wird auch das Zwilag, wie jede kerntechnische Anlage, zurückgebaut.

 

Das Zwilag in Würenlingen:

Im Moment ist die Halle mit den hochradioaktiven Abfällen zu gut einem Drittel gefüllt. Drei bis vier Mal pro Jahr werden hochradioaktive Abfälle aus den Kernkraftwerken angeliefert. Insgesamt hat es Platz für mehr als 200 Lager- und Transportbehälter.

Die ausgedienten Brennelemente lagern in massiven, bis zu 140 Tonnen schweren und 6,5 Meter hohen Stahlbehältern, die von der zuständigen Aufsichtsbehörde, dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI lizenziert und freigegeben sind. Sie müssen höchsten Sicherheitsanforderungen genügen und auch bei einem Brand, einem Erdbeben oder einem Flugzeugabsturz unbeschadet bleiben. Denn: an erster Stelle steht die Sicherheit von Bevölkerung und Umwelt. Zu einer Kontamination mit Radioaktivität darf es nicht kommen. Während der Lagerungszeit werden die Behälter dauernd überwacht.

Das Interview führte Brigitte Mader, Kommunikation Bundesamt für Energie

 

 

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1 Antwort
  1. Matthias Ostermeier
    Matthias Ostermeier sagte:

    Sehr interessanten Beitrag.
    Mich würde Wunder nehmen, ob sich eine PV-Anlage nicht gut machen würde auf den vielen grossen und leeren Dächern… Vor allem braucht das Zwilag ja sicher sehr viel Strom.

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