Wie geht die Wissenschaft mit Ungewissheiten um? Was versteht die Gesellschaft unter Ungewissheiten? Und welche Bedeutung haben Ungewissheiten bei der Entsorgung radioaktiver Abfälle? Diese Fragen waren Gegenstand einer vom BFE organisierten virtuellen Tagung mit knapp 50 Teilnehmenden aus Regionalkonferenzen und Kantonen, die im Rahmen des Sachplanes geologische Tiefenlager am Samstag, 5. Dezember 2020 stattfand.

Als erstes betrachtete die auf Forschungs- und Umweltethik spezialisierte Philosophin Anna Deplazes-Zemp das Thema aus der Perspektive der Ethik. Ihr Fazit: Die Gesellschaft müsse bei der Entsorgung der Abfälle das Kosten-Nutzen-Verhältnis, die Gerechtigkeit und die Solidarität berücksichtigen. Danach gewährte der emeritierte ETH-Professor Bernd Scholl einen Einblick in verschiedene Prinzipien der Raumplanung. In einem seiner Fallbeispiele stellte er die Methode der Testplanung anhand der Arealentwicklung der ehemaligen Papierfabrik in Attisholz im Kanton Solothurn, der grössten Industriebrache der Schweiz, vor. Diese Planung ist bewusst auf eine lange Zeit ausgelegt und bezieht zwischenzeitliche Entwicklungen mit ein.

Der zweite Teil der Veranstaltung am Nachmittag schlug den Bogen zum Sachplan geologische Tiefenlager. Klaus Jürgen Röhlig, Professor für Endlagerforschung an der Technischen Universität Clausthal, zeigte auf, dass sichere Tiefenlagerung trotz des enorm weit in die Zukunft reichenden Zeitraums von tausenden von Jahren kein Grund für Ungewissheit sein muss. Mithilfe von komplexen Modellrechnungen können unzählige Szenarien simuliert und so das Unwissen minimiert werden – Zumindest jener Teil des Unwissens, von dem man weiss, dass man ihn nicht kennt (das sogenannte «bekannte Unwissen»). Aber auch das Potenzial für das «unbekannte Unwissen», also jener Teil, von dem man noch nicht mal weiss, dass man ihn nicht kennt, lässt sich reduzieren: beispielsweise indem bewusst «langweilige» Geologie gewählt wird für die Tiefenlagerung, die sich über Jahrmillionen kaum verändert hat. Konzipiert man das Tiefenlager bewusst mit grossen Sicherheitsmargen und Redundanzen, reduziert man damit die Ungewissheiten zusätzlich.

Ungewissheiten abbauen mit wissenschaftlichen Untersuchungen

Ann-Kathrin Leuz, Leiterin der Sektion Tiefenlagerung & Analysen der Aufsichtsbehörde ENSI informierte über die Vorgaben zur systematischen Bewertung von Unsicherheiten. Es muss immer auch der Worst Case berechnet werden, wie sie anhand der Diffusion von Radionukliden im Opalinuston demonstrierte. Basierend darauf wurde für alle drei noch in Frage kommenden Standorte für ein geologisches Tiefenlager die maximale radioaktive Belastung berechnet. Diese liegt weit unterhalb des erlaubten Grenzwertes und noch viel weiter unterhalb der natürlich auftretenden jährlichen Strahlung.

Astrid Tomczak-Plewka moderierte den virtuellen Anlass des BFE

Im Schlussreferat berichtete Thomas Kämpfer, Ressortleiter Sicherheitsanalysen bei der Nagra, wie mit erdwissenschaftlichen Untersuchungen Ungewissheiten abgebaut werden.

 

Der letzte Block bestand aus einem virtuellen World Café, bei dem die Teilnehmenden die Möglichkeit hatten sich in Kleingruppen zusammen mit den Expertinnen und Experten auszutauschen und Fragen zu diskutieren. Die Moderatorin der Tagung, Astrid Tomczak-Plewka, beendete die virtuelle Veranstaltung mit einem Zitat des Epidemiologen Marcel Tanner und schaffte so den Bezug zur aktuellen Pandemie-Situation: «Man muss auch mit unvollständigem Wissen handeln. Die Wissenschaft hat nämlich nie genug Evidenz, um alles zu wissen, aber immer genug, um schon etwas zu unternehmen. Das ist auch eine ethische Frage.»

Clemens Bolli, Fachspezialist regionale Partizipation, Bundesamt für Energie

 

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