Sie sind die Lebensadern der Stromversorgung: Die gut 6700 Kilometer Höchstspannungsleitungen, die sich von Süd nach Nord, von West nach Ost durch unser Land ziehen. Damit dieses Übertragungsnetz nicht zum Flaschenhals wird, braucht es ein leistungsfähigeres Höchstspannungsnetz. Ob als Freileitung oder Erdkabel, ist nicht nur eine Frage der Kosten.

Die erste unterirdische 380kV-Höchstspannungsleitung der Schweiz ist seit Mai 2020 in Betrieb. Gut 30 Jahre dauerte es bis zur Realisierung, Anwohner kämpften bis vor Bundesgericht für eine Verlegung der Leitung in den Boden. Zwischen Beznau und Birr im Kanton Aargau fliesst Strom nun auf 1,3 Kilometern unter der Erde.

20,4 Millionen Franken hat das Teilstück gekostet inklusive den beiden Übergangsbauwerken, die den Strom wieder mit den Freileitungen verbinden. Rund sechs Mal weniger hätte die Netzgesellschaft Swissgrid investieren müssen für eine Freileitung auf diesem Abschnitt.

Die günstigste Variante gewählt

Zum Vorwurf, Swissgrid habe mit der Erdleitung Beznau-Birr einen «Mercedes» gebaut, heisst es bei der Netzgesellschaft: «Swissgrid hat in Beznau-Birr die günstigste Variante gewählt.» Man sei bei der Erdverkabelung immer von Kosten von rund 20 Millionen Franken ausgegangen – dies unter anderem, weil die Erdleitung unter Strassen und der Eisenbahn durchführt und wegen der technischen Anforderungen an die Verkabelung.

Gemäss den Fachleuten im Bundesamt für Energie (BFE) gibt es keine allgemein gültigen Kosten-Richtwerte für die Verkabelung auf der Höchstspannungsebene. Jedes Projekt wird im Rahmen der Interessenabwägung neu beurteilt und geprüft.

Kosten werden solidarisiert

Die Kosten für den erforderlichen Netzausbau werden solidarisiert. Das heisst: Jeder Endkunde, jede Endkundin bezahlt einen Anteil daran via Stromrechnung (Netznutzungsentgelt). Der Tarif, den Swissgrid berechnet, wird von der unabhängigen Regulierungsbehörde ElCom geprüft. Sollte Swissgrid mehr investieren als erforderlich, kann das nicht weiter verrechnet werden.

Die Netzgesellschaft Swissgrid ist für das Übertragungsnetz in der Schweiz zuständig. Das Übertragungsnetz bringt den Strom von den Kraftwerken in die Ballungszentren und dient als Drehscheibe für den Import/Export von Strom vom und ins Ausland.

Die Nachfrage nach Strom wächst. Die Übertragungsleitungen, die mehrheitlich aus dem letzten Jahrhundert stammen, kommen punkto Kapazität an ihre Grenzen. Swissgrid rüstet deshalb die 220 kV-Leitungen auf 380 kV um und baut neue Leitungen. Der Ausbau ist eine wichtige Voraussetzung für die Gewährleistung einer hohen Versorgungssicherheit mit Strom in der Schweiz.

  • Die Vorteile einer Erdverkabelung:
    • Landschaftsschutz: Die Leitungen beeinträchtigen das Landschaftsbild weniger. Es stehen keine bis zu 80 Meter hohen Strommasten in der Landschaft.
    • Akzeptanz: Es gibt weniger Einsprachen und Widerstand. Projekte für Höchstspannungsleitungen im Siedlungsgebiet sorgen regelmässig für langwierige juristische Verfahren.
    • Elektrosmog: Im Bereich von Freileitungen gibt es elektromagnetische Felder, auf welche Menschen empfindlich reagieren können. Die Belastung nimmt mit zunehmendem Abstand von der Leitung ab. Elektromagnetische Felder gibt es auch bei Erdkabeln. Sie sind direkt über einem Erdkabel stärker als unter einer Freileitung.
    • Leistung: Bei Erdkabeln geht- je nachdem, wie die Netze belastet sind – beim Transport des Stroms weniger Energie verloren.
    • Störungen: Umgestürzte Bäume, eisige Temperaturen und Lawinen können Erdverkabelungen weniger anhaben. Wetterbedingte Störungen sind seltener.
  • Die Nachteile von Höchstspannungsleitungen im Boden:
    • Kosten: Je nach Gegebenheiten kann ein Erdkabel bis zu 10 Mal teurer werden als eine Freileitung.
    • Bau: Es braucht breite Trassen (25 Meter) für die Verlegung der Kabel. Man kann nicht einfach ein Freileitungsseil in den Boden legen. Das Erdkabel wird auf Mass angefertigt und ist wegen der notwendigen Isolation mehr als doppelt so dick und viel schwerer als das Seil einer Freileitung. Die Kabel werden in einen speziellen Kabelrohrblock verlegt und in einen Graben eingebettet.
    • Geographische Gegebenheiten: Gewässer, Grundwasser, die geologische Bodenbeschaffenheit, Strassen, Eisenbahn oder andere Infrastrukturen können eine Erdverlegung verunmöglichen oder stark verteuern.
    • Landschaft: Eine Wiederaufforstung über einer Erdverkabelung ist nicht möglich. Die Wurzeln könnten die Leitung beschädigen. Es bleibt eine Schneise.
    • Betrieb: Erdkabel erhöhen die Spannung stärker als Freileitungen. Steigt der Anteil der Erdkabel im Übertragungsnetz, braucht es Massnahmen zur Senkung der Spannung – zum Beispiel sogenannte Kompensationsanlagen.
    • Störungen: Ist eine Erdleitung beschädigt, kann es Wochen oder Monate dauern, bis der Schaden behoben ist, weil die Lokalisierung der Störung mehr Zeit in Anspruch nimmt.
    Freileitungen können indes in der Regel innerhalb von kurzer Zeit wieder in Betrieb genommen werden.
  • Offene Fragen bei Erdverkabelungen:
    • Erfahrungen mit längeren unterirdischen Höchstspannungsleitungen fehlen in der Schweiz noch mehrheitlich. Auch im Ausland sind sie noch wenig erprobt.
    • Stromleitungen geben Wärme ab. Wie beeinflusst das den Boden rund herum? Ein wissenschaftliches Projekt soll nun aufzeigen, wie sich Erdreich und Bodenorganismen rund um die Leitung Beznau-Birr verändern. Als ein Indikator für die Qualität des Bodens und die Biodiversität werden bei dieser Untersuchung u.a. auch Regenwürmer gezählt.

Wer entscheidet, wo und wie gebaut wird?

Dem Bau einer Höchstspannungsleitung geht ein mehrstufiges Verfahren voraus. Swissgrid als Verantwortliche für das Übertragungsnetz erarbeitet verschiedene Projekt-Varianten. Man prüfe «bei jedem Netzbauprojekt sowohl Freileitungs- als auch Verkabelungsvarianten», heisst es dazu.
Die Genehmigung für ein Bauprojekt gibt der Bundesrat. Das Bundesamt für Energie bereitet diesen Entscheid vor.

Das BFE wird dabei von einer Begleitgruppe unterstützt. In dieser Begleitgruppe sitzen Vertreterinnen und Vertreter von Swissgrid, der zuständigen Bundesämter, des Schweizerischen Starkstrominspektorates (ESTI), der ElCom (unabhängige staatliche Regulierungsbehörde im Elektrizitätsbereich), der betroffenen Kantone und Umweltschutzorganisationen.

Ein Bewertungsschema dient dem Gremium dabei als Grundlage. Dabei werden die verschiedenen Kriterien – Raumentwicklung, technische Aspekte, Umwelt und Wirtschaftlichkeit – abgewogen. Das Ziel ist, dem Bundesrat so einen möglichst objektiven Entscheid zu ermöglichen.

Text: Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie
Bild: Martin Michel, Fachspezialist Netze, Bundesamt für Energie

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1 Antwort
  1. Cosandey
    Cosandey sagte:

    Das Argument
    “ Stromleitungen geben Wärme ab. Wie beeinflusst das den Boden rund herum? Ein wissenschaftliches Projekt soll nun aufzeigen, wie sich Erdreich und Bodenorganismen rund um die Leitung Beznau-Birr verändern. Als ein Indikator für die Qualität des Bodens und die Biodiversität werden bei dieser Untersuchung u.a. auch Regenwürmer gezählt.“
    hat mich getriggert: Das kommt mir vor wie eine Zickenreaktion eines konsternierten Verlierers von 30 Jahren Kampf und juristischem Widerstand gegen eine von der Bevölkerung gewünschte Lösung.

    Wenn das allen Ernstes gemacht wird, dann MUSS die Exekutive dafür sorgen, dass ALLE Erdverlegten Leitungssysteme diesbezüglich wissenschaftlich untersucht und dann untereinander verglichen werden.
    Jeder halbwache Techniker kann jetzt schon abschätzen, welche leitungsgebundene Transportsysteme dann ausgebuddelt und Boden-Treibhaus-Effekt-Frei werden müssen!

    Das Zweite: Spannungshaushalt in NE1 und NE3: die Spannungserhöhrung ist überhaupt kein Problem, das ist eine Prozessgrösse, die geführt und überwacht werden muss. Die Reaktanz der Leitungsabschnitte schon eher, aber das hat die Industrie schon längstens erkannt.

    Fehlende Erfahrung:
    Es gibt sehr viele Länder, die Hochspannungsverbindungen verkabeln, und dies tw. über weite Strecken. RDF als Nachbar könnte da helfen, aber auch viele Andere. Das wissen die Branchenspezialisten. Warum also immer noch dieses Argument?

    Da will jemand die Zivilisation zurückdrehen um Biegen und Brechen???

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