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Landwirtschaft trifft Solarstrom: Chancen und Grenzen von Agri-PV 


Die Sonne sorgt für doppelte Ernte: So funktioniert das Prinzip Agri-PV. Solarmodule liefern Energie und schützen gleichzeitig die Kulturen darunter – zum Beispiel bei der Lubera AG, einer Obst- und Gemüsegärtnerei in Buchs SG. Für ihre PV-Anlage auf dem Dach eines Gewächshauses ist Lubera 2025 mit dem Energiepreis Watt d’Or des Bundesamts für Energie ausgezeichnet worden. Wo steht Agri-PV heute? Was ermöglichen die neuen gesetzlichen Regeln, die seit Anfang 2026 in Kraft sind? 

Was ist Agri-PV 

Agri-PV kombiniert Landwirtschaft und Photovoltaik auf derselben Fläche. Die Solarmodule stehen erhöht oder seitlich, sodass darunter weiterhin angebaut oder geweidet werden kann. 

Im Unterschied zu klassischen Freiflächen-PV bleibt die landwirtschaftliche Nutzung erhalten. Agri-PV kann Erträge stabilisieren (Schutz vor Hitze, Hagel, Starkregen) und gleichzeitig Strom produzieren. Herausfordernd sind höhere Kosten, technische Anforderungen und die Frage, wie Bewilligungen und landwirtschaftliche Nutzung sauber geregelt werden. 

Auf Grund der Bestimmungen im revidierten Raumplanungsgesetz (RPG) sind Solaranlagen in der Landwirtschaftszone möglich, sofern sie «die landwirtschaftlichen Interessen nicht beeinträchtigen und Vorteile für die landwirtschaftliche Produktion bewirken», oder wenn sie Versuchs- und Forschungszwecken dienen. So steht es in Artikel 24ter, Absatz 2 des RPG. Agri-PV-Anlagen, also die Kombination von Solarenergie und landwirtschaftlicher Produktion, müssen dabei einen Vorteil für die landwirtschaftliche Produktion bringen, zum Beispiel den Schutz der Kultur vor extremen Wetterereignissen, die Verbesserung des Ertrags oder der Qualität oder die Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln.  

Im Rahmen von Pilotprojekten waren Erfahrungen mit Agri-PV bereits zuvor möglich – beispielsweise bei der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt Agroscope in Conthey VS. Nach mehreren Pilotprojekten mit Erdbeeren, Himbeeren und Heidelbeeren hat Agroscope seine Forschungsarbeiten im Herbst 2025 auf Obstbäume ausgeweitet.

Eine weitere Pilotanlage über einer bestehenden Himbeerkultur befindet sich beim Landwirtschaftsbetrieb bioschmid in Gelfingen (LU). Auf der über 7000 m2 grossen Fläche sollen pro Jahr rund 500 MWh Strom produziert werden. Eine weitere Besonderheit dieser Anlage ist, dass drei verschiedene Systeme an einem Ort getestet werden und dies über drei Jahre. Ziel dieses Projekts ist es, mindestens vergleichbare Erträge wie bei der herkömmlichen Produktion ohne PV-Überdeckung zu erzielen und gleichzeitig Strom zu produzieren. 

Die Agri-PV-Anlagen, die bei diesen Projekten zum Einsatz kamen, stammen von Insolight. Das Schweizer Unternehmen (gegründet 2015 in Lausanne) untersucht seit mehreren Jahren, wie Agri-PV-Anlagen auf Nutzpflanzen wirken. Inzwischen plant und realisiert es eigene Projekte und kümmert sich dabei auch um die erforderlichen Bewilligungen und den Bau der Anlagen 

Erfolgt mit den neuen Rahmenbedingungen nun ein Boom nach Agri-PV? Energeiaplus hat bei David Schuppisser, Leiter Vertrieb und Marketing bei Insolight nachgefragt. 

Energeiaplus: Die Aussicht auf eine doppelte Ernte für einen Landwirtschaftsbetrieb tönt nach einem überzeugenden Argument für die Realisierung einer PV-Anlage. Was stellen Sie in der Praxis fest? 

David Schuppisser ist Leiter Vertrieb und Marketing bei Insolight. Bild: Insolight

David Schuppisser: Das Potenzial von Agri-PV ist sehr gross. Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW beziffert das theoretische Potenzial von Agri-PV auf das Fünffache des aktuellen Stromverbrauchs der Schweiz. Bereits die Nutzung eines kleinen Anteils der landwirtschaftlichen Flächen könnte somit einen erheblichen Beitrag zur Deckung des künftigen Strombedarfs der Schweiz leisten. 

Landwirtinnen und Landwirte zeigen meist grosses Interesse an Agri-PV. Die Anlagen ermöglichen eine zusätzliche Nutzung der Flächen und bieten zugleich Schutzstrukturen für die Kulturen – finanziert durch die Produktion von Solarstrom. Die PV-Module über den Kulturen schützen vor Hagel, Wind und intensiver Sonneneinstrahlung. Die Trägerstrukturen können zudem für zusätzliche Schutzmassnahmen wie Netze oder Folien genutzt werden. Die zentrale Einschränkung für die Landwirte ist, dass eine feste Struktur über einen langen Zeitraum von in der Regel 30 bis 40 Jahren auf der Fläche verbleibt.  

Ein kürzlich realisiertes Projekt im Kanton Waadt zeigt dies exemplarisch: Dort wurde eine Anlage mit 2 MWp über Bio-Heidelbeeren installiert, die von einer Drittpartei finanziert wurde. Semitransparente PV-Module überdecken die Pflanzen und erzeugen Strom, der vollständig ins Netz eingespeist wird. In den letzten Jahren hatte der Produzent katastrophale Verluste durch Hagel. Nun verfügt er über einen soliden Schutz, der ihm künftig helfen wird, solche Ereignisse zu bewältigen, und ihm zusätzliches Einkommen (Nutzungsentgelt) aus der Bereitstellung seines Landes verschafft.  

Welche Kulturen sind besonders geeignet für Agri-PV?  

Gemäss dem geltenden Raumplanungsgesetz (siehe oben) eignen sich in der Schweiz insbesondere Kulturen, die ohnehin Schutzstrukturen wie Hagelnetze oder Folien benötigen, oder Pflanzen, die Halbschatten vertragen – also vor allem Obstplantagen und Beerenkulturen. In diesen Fällen können die landwirtschaftlichen Erträge in der Regel aufrechterhalten werden, womit die Anforderungen des Raumplanungsgesetzes erfüllt sind. Agri-PV kann bestehende Schutzsysteme ersetzen oder ergänzen und so zu stabileren Erträgen beitragen.  

Für die Betriebe sind solche Kulturen allerdings auch anspruchsvoller: Sie haben eine hohe Wertschöpfung, und Fehler bei der Auslegung der Anlage oder in der Bewirtschaftung können sich schnell stark auf die Rentabilität auswirken. Es ist deshalb zentral, dass die Anlagen richtig dimensioniert sind. Kommt hinzu: Die Fläche für Obst- und Beerenkulturen ist in der Schweiz insgesamt begrenzt. 

Wie realistisch sind Solaranlagen auf einer Weide, wo Kühe oder Schafe weiden? 

Aus landwirtschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Sicht kann die Kombination von Agri-PV mit Weidetierhaltung durchaus attraktiv sein. Weidegräser wachsen unter den Anlagen in der Regel gut, und die Tiere können die Flächen weiterhin nutzen. Die Auswirkungen auf die landwirtschaftliche Nutzung können daher insgesamt positiv sein.  

Entscheidend ist jedoch die Bewilligungsfähigkeit solcher Projekte. Die Behörden müssen beurteilen, ob die Anforderungen des Raumplanungsgesetzes erfüllt sind – insbesondere, was die Vorteile für die Landwirtschaft gegenüber möglichen Beeinträchtigungen betrifft.  Auch die Integration ins Landschaftsbild spielt eine wichtige Rolle.  

Da sich dieser Bereich von Agri-PV noch in der Entwicklung befindet, ist derzeit noch unklar, wie die kantonalen Behörden solche Projekte beurteilen werden. Für eine erfolgreiche Umsetzung ist es entscheidend, Standorte mit möglichst geringer landschaftlicher Wirkung zu wählen und entsprechende Integrationsmassnahmen, etwa Heckenpflanzungen, vorzusehen.  

Die Zulassung von Agri-PV in Kombination mit Tierhaltung und Ackerbau ist aus unserer Sicht zentral, um das volle Potenzial dieser Technologie für die Energiewende auszuschöpfen. 

Für die Bewilligung von Agri-PV-Projekten sind die Kantone zuständig. Sie müssen prüfen, ob die gesetzlichen Anforderungen bezüglich Vorteile für die landwirtschaftliche Produktion erfüllt sind. Wie offen sind die Kantone?  

Die bestehenden rechtlichen Vorgaben lassen einen gewissen Interpretationsspielraum zu. Entsprechend beobachten wir deutliche Unterschiede in der kantonalen Praxis. Einige Kantone verfolgen einen eher offenen Ansatz und ermöglichen Pilot- und Erfahrungsprojekte, während andere sehr restriktiv sind. Unterschiede bestehen auch in der Auslegung des bäuerlichen Bodenrechts, insbesondere bei Investitionen Dritter auf landwirtschaftlichen Flächen. Dies ist insofern relevant, als viele Betriebe die Investitionskosten und Marktrisiken nicht allein tragen können. 

Insolight hat auch Projekte in Frankreich, Italien und den Niederlanden realisiert. Sind dort andere Projekte möglich als in der Schweiz?  

Ja. In anderen Ländern sind teilweise weitergehende Anwendungen möglich. Anlagen in Kombination mit Tierhaltung oder, wie in Italien, auch mit Ackerkulturen sind nicht nur zulässig, sondern werden durch Förderprogramme gezielt unterstützt. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz sind enger. 

Frankreich und Italien verfügen über vergleichsweise klare und einheitliche Regelungen für die Bewilligung von Agri-PV und sind entsprechend weiter als die Schweiz. Hierzulande legen die Kantone die Bedingungen individuell fest, was häufig zu längeren Verfahren führt. 

Zudem unterscheiden sich die regulatorischen Ansätze: In Italien gibt es beispielsweise Vorgaben zur maximalen Flächenbedeckung durch Agri-PV, jedoch keine direkten Ertragsvorgaben. Frankreich akzeptiert Ertragsverluste von bis zu 10% und berücksichtigt zusätzliche Nutzen wie erhöhte Klimaresilienz oder Verbesserungen im Tierwohl. Diese Länder zielen teilweise auf grössere Anlagen ab, die Strom zu tieferen Gestehungskosten produzieren können. 

Wie schätzen Sie das Interesse im Ausland im Vergleich zur Schweiz ein? Kommt der Anstoss von Landwirten oder von Energieunternehmen? 

Sowohl Landwirte als auch Projektentwickler engagieren sich insbesondere dort, wo klare Rahmenbedingungen für Bewilligung und Finanzierung bestehen. 

In der Schweiz dämpfen die aktuell noch unklaren regulatorischen Rahmenbedingungen sowie die daraus resultierenden wirtschaftlichen Unsicherheiten das Interesse. Im Ausland wurde die Entwicklung von Agri-PV stärker durch politische Initiativen und Interessenvertretungen – sowohl im Bereich der erneuerbaren Energien als auch in der Landwirtschaft – vorangetrieben. 

In den letzten Jahren lag der Fokus in der Schweiz stark auf alpinen PV-Anlagen, die deutlich teurer sind und deren Umsetzung teilweise auf Widerstand gestossen ist. Grundsätzlich beobachten wir jedoch, dass viele Landwirtinnen und Landwirte offen für neue Technologien sind und aktiv nach nachhaltigen Lösungen suchen. 

Zum Schluss: Was braucht es aus Ihrer Sicht, damit Agri-PV in der Schweiz vermehrt realisiert wird?  

Für eine breitere Umsetzung von Agri-PV in der Schweiz sind aus meiner Sicht drei Punkte entscheidend: Erstens klare und einheitliche Regeln für die Bewilligung. Zweitens ein rechtlicher Rahmen, der Investitionen Dritter auf landwirtschaftlichen Flächen ermöglicht und ausreichende Planungssicherheit bietet. Drittens gezielte Förderinstrumente, etwa nach dem Vorbild bestehender Förderungen für bestimmte PV-Systeme. 

Agri-PV lässt sich rasch realisieren und kann, insbesondere in Kombination mit Batteriespeichern, einen wichtigen Beitrag zur Stromproduktion und zur Versorgungssicherheit leisten. Die Sonne scheint auch in der Schweiz kostenlos, jeden Tag. Es liegt an uns, die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um ihre Energie noch besser ernten zu können. 

Interview: Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie
Photo: Insolight

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