Apfelschale, Kuhmist, Brotreste: Diese organischen Abfälle weiter zu verwerten, dafür setzt sich der Verband Biomasse Suisse ein. Seit 2020 wird er von der grünliberalen Nationalrätin und Physikerin Barbara Schaffner präsidiert. Wie hoch schätzt sie das Potenzial von Biomasse ein? Und: Was kann der Verband bewirken? Energeiaplus hat bei der Zürcherin nachgefragt.

Energeiaplus: Ärgert es Sie, wenn Leute ihre Küchenabfälle in den normalen Kehrichtsack werfen?

Barbara Schaffner ist Präsidentin des Verbands biomassesuisse. Bild: Barbara Schaffner

Ja, mich ärgert grundsätzlich jede Verschwendung. Ich habe aber auch Verständnis dafür, wenn es nicht immer und überall möglich ist, Küchenabfälle separat zu entsorgen. Wenn ich in einer Ferienwohnung bin, weiss ich meistens auch nicht, wohin mit den Küchenabfällen. Deshalb ist es wichtig, dass die Gemeinden eine regelmässig und gut bekannte Grüngutsammlung anbieten, damit alle, die wollen, auch können.

Essensreste, Rüstabfälle, Eierschalen kann man vielseitig wieder verwerten – zu Dünger, Gas oder Strom. Biomasse wird deshalb auch als Alleskönner bezeichnet. (siehe auch hier: Was ist Biomasse) Was ist in Ihren Augen die sinnvollste Nutzung?

Dazu gibt es verschiedene Ansatzpunkte:

  • Ganz wichtig, die energetische und stoffliche Nutzung schliessen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Zudem fällt bei einigen Prozessen auch Wärme an, die ebenfalls parallel verwendet werden kann.
  • Die Verwertung sollte kaskadenartig erfolgen nach dem Prinzip Teller – Trog -Tank. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um frische Nahrungsmittel oder Essensreste handelt. Essensreste können am nächsten Tag aufgewärmt werden (Teller), Rüstabfälle oder andere Nebenprodukte aus der Nahrungsmittelproduktion als Tierfutter eingesetzt werden (Trog) und erst am Schluss soll die energetische Verwertung erfolgen (Tank).
  • Wenn ich zwischen Strom und Gas priorisieren soll, dann gebe ich dem Gas den Vorzug. Biogas kann fossiles Gas direkt ersetzen und so auch für Anwendungen genutzt werden, bei denen eine Elektrifizierung schwierig ist, zum Beispiel bei Hochtemperaturprozessen in der Industrie. Zudem kann es gespeichert und bei Bedarf immer noch verstromt werden.

Welches Potenzial hat Biomasse bei der Energieproduktion? Gemäss Energieperspektiven 2050+ macht Biomasse den zweithöchsten Anteil an den erneuerbaren Energien aus – nach der Wasserkraft.

Klar ist das Potenzial der Biomasse begrenzt – insbesondere bei einer begrenzten Landfläche. Man darf aber nie vergessen, dass es hier um die energetische Nutzung eines Rohstoffs handelt, der sonst in vielen Fällen in der Abfallverbrennung landet. Zudem ist es falsch, bei der Biomasse nur den Anteil an der Stromproduktion anzuschauen, sondern man muss auch das Gas und die Wärme berücksichtigen.

In der Schweiz schätzt man das nachhaltig nutzbare Potenzial des Biomethanertrags aus nicht verholzter Biomasse auf rund 6 TWh/a. Bei einer Verstromung ergäbe das gut 2 TWh Strom und knapp 3 TWh Wärme. Davon wird heute – je nach Schätzung – zwischen einem Viertel und knapp der Hälfte genutzt.

Sind die Möglichkeiten von Biomasse in Ihren Augen in der Bevölkerung und Wirtschaft genügend bekannt?

Das nutzbare Biomassepotenzial ist sehr breit. Den wenigsten Leuten ist wohl bekannt, dass nicht nur Küchenabfälle, sondern mehr oder weniger alles biologische Material (ausser Holz) vergärt werden kann. In den Biogasanlagen unserer Betriebe landen auch Gülle, Schlachtnebenprodukte Molke oder Speiseöle.

Wo braucht es in Ihren Augen einen Effort, damit Biomasse noch besser genutzt wird? Welches sind die grössten Herausforderungen?

Die Logistik der Sammlung von Bioabfällen ist eine grosse Herausforderung. Gerade beim Siedlungsabfall handelt es sich oft um Kleinstmengen, die wegen der Geruchsemissionen möglichst rasch eingesammelt werden sollten. Wir kämpfen auch sehr stark mit Verunreinigungen, insbesondere Plastik. Für die reine Vergärung wäre Plastik zwar kein Problem. Für die Verwertung der Reststoffe als Dünger ist es aber zentral, dass nur biologische Stoffe ausgebracht werden.

Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Mir ist wichtig, dass wir insbesondere innerhalb der Biomasse-Szene aber auch mit allen Vereinen und Verbänden, die sich für eine erneuerbare Energiezukunft einsetzen, gut zusammenarbeiten und die Gemeinsamkeiten betonen.

Bezogen auf das Biogas möchte ich der direkten Verwendung als Gas im Vergleich zur Verstromung mehr Gewicht verleihen. Dazu müssen wir über die Geschäftsmodelle diskutieren, aber auch über politische Rahmenbedingungen.

Was ist Ihr Wunsch-Szenario im Umgang mit organischen Abfällen und Biomasse?

Organische Abfälle sollen nicht mehr als Abfälle wahrgenommen werden, sondern als Stoffe in einem Kreislaufprozess.

Im Verband Biomasse Suisse sind folgende AkteurInnen vertreten: die Biogas- und Kompostieranlagen, vor- und nachgelagerte Betriebe, Beratungsunternehmen, Forscher und Behörden. Der Verband setzt sich ein für eine optimale stoffliche und energetische Verwertung von nicht-verholzter Biomasse. Parallel dazu fördert die Partnerorganisation Holzenergie Schweiz den energetischen Einsatz von Holz.

Das Interview führte Brigitte Mader, Kommunikation Bundesamt für Energie

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne 2 Vote(s), Durchschnitt: 5,00
Loading...
0 Kommentare

Dein Kommentar

An Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns Deinen Kommentar!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .