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Wie und mit wem wir über Energie sprechen widerspiegelt unsere Werte, Überzeugungen, Ängste und Hoffnungen. Dieser Diskurs in all seiner Vielfalt spurt zugleich auch künftige mögliche Entwicklungen vor und zeigt, was in Zukunft auf Akzeptanz stossen oder wo sich Widerstände ergeben könnten. Das Projekt «Energiediskurse in der Schweiz» der ZHAW hat in den letzten drei Jahren viele neue Erkenntnisse dazu geliefert.

Historiker können vergangene Diskurse anhand von Archiven, Zeitungsartikeln oder TV- und Radioberichten rückblickend untersuchen. So analysieren sie, wie wegweisende Entscheidungen zustande gekommen sind, wer mit welchen Argumenten und Diskurs-Koalitionen dazu beigetragen hat, konsensfähige Lösungen zu entwickeln. So zum Beispiel der Grundsatzentscheid der Schweiz in den 1950er Jahren, in die Atomenergie einzusteigen. Oder auch der schier endlose Diskurs, der mit der Erdölkrise 1973 begann, 1990 zum Energieartikel in der Bundesverfassung und 1999 zum ersten Energiegesetz auf nationaler Ebene geführt hat. Die verfügbaren Quellen zeigen, wer damals Verzögerungen «herbeiredete», wer welche Schlagworte kreierte und bewirtschaftete, wo sich unheilige Diskurs-Koalitionen bildeten und wie die «Karrieren» der Argumente verliefen. Dieser Diskurs ist übrigens nachzulesen in einem Blogartikel des BFE.

Wie wäre es, diese Diskurse nicht erst Jahre später durch aufwendige Recherchen zu analysieren, sondern sie mittels angewandter Linguistik und moderner Technologie sozusagen «live» zu verfolgen? Mit dieser Idee kam die ZHAW vor drei Jahren zum Bundesamt für Energie. Gemeinsam definierten ZHAW und BFE die Ausgangslage und das Ziel des Projektes «Energiediskurse in der Schweiz»:

Ausgangslage: Das breite Aufkommen neuer Technologien erschüttert oder löst in Zukunft gar bestehende Marktstrukturen ab und führt zu intensiven gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Diskursen, die sich in den kommenden Jahren noch weiter verstärken dürften. Vor diesem Hintergrund kommt den Fragen, von welchen Akteuren diese Diskurse geführt werden, mit welchen Aussagen, Sprachmustern und Kontexten, eine hohe Bedeutung zu.

Ziel: Das Projekt «Energiediskurse in der Schweiz» soll diese Diskurse mit der Methodik der Korpuslinguistik analysieren, die Resultate öffentlich zugänglich machen und so den Energiedialog aller Akteure unterstützen. Kurz gesagt geht es darum, eine „Landkarte“ des diskursiven Netzwerks «Energie» zu erstellen. Damit können sehr rasch Auswertungen der laufenden Diskurse erstellt werden, die dank der grossen Datenmenge sehr zuverlässig sind (der Korpus ist nichts anderes als eine riesige automatisierte Sammlung von zugänglichen Quellen wie Zeitungen, Stellungnahmen, Blogs, etc.).

Nun kommt das Projekt «Energiediskurse in der Schweiz» zu seinem Ende. Es hat die gesetzten Ziele erreicht und teils überraschende Ergebnisse hervorgebracht, wie die Unterschiede der Diskurse in den verschiedenen Sprachregionen der Schweiz. Unzählige Akteure wurden durch Publikationen, Präsentationen und Kooperationen informiert und einbezogen. So hat das Projekt die Erkenntnis untermauert, dass Tempo und Ausgestaltung der Energietransition keine rein technische Angelegenheit ist: Die Art und Weise, wie wir über die erforderlichen oder freiwilligen Veränderungen sprechen, wird den Wandel mindestens ebenso stark beeinflussen. Mit dem aufgebauten Wissen und dem umfangreichen Korpus liegt nun eine Grundlage vor, die weiteren spannenden Diskurse in der Energie oder auch in anderen wesentlichen Gesellschaftsthemen, beispielsweise Gesundheit oder Verkehr, zu verfolgen.

Marianne Zünd, Leiterin Medien und Politik BFE

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