Fast jede zehnte Bewohnerin, jeder zehnte Bewohner in der Schweiz lebt in der Nähe eines Kernkraftwerks. Welche Rolle spielt das für die Wohnqualität dieser Menschen? Mehr als 40 Prozent beurteilen diese Nähe als eher oder sehr negativ. Das ergab eine Umfrage, die das Beratungsunternehmen Wüest Partner 2020 durchführte – im Rahmen des Immobarometers. Bei den wenigen Befragten, die in der Nähe eines nuklearen Zwischenlagers wohnten, lag dieser Anteil bei 50 Prozent. Damit waren Kernanlagen die unbeliebtesten Infrastrukturen im Wohn­umfeld. Allerdings ist der Anteil der negativen Beurteilungen seit Beginn dieser Befragungsreihe im Jahr 2012 rückläufig. Damals sagten zwei von drei Befragten, dass sie das Wohnen in der Nähe einer Kernanlage als negativ empfinden.

Und wie sieht es bei Personen aus, die nicht in der Nähe einer Kernanlage wohnen? Wie beurteilen sie eine solche «hypothetische Wohnsituation»? In diesem Fall lag der Anteil negativer Beurteilungen von Kernanlagen deutlich höher, nämlich bei rund drei Vierteln (KKW: 74%; Zwischenlager: 78%; Tiefenlager: 70%).

Allerdings: Auch andere grosse Infrastruktur-Anlagen möchten diese Befragten nicht in ihrer Wohnumgebung. 78 Prozent möchten nicht neben einem Flughafen wohnen. 66 Prozent gaben an, dass eine Autobahn ihre Wohnqualität beeinträchtigen würde. Für 64 Prozent würde eine Hochspannungsleitung die Wohnqualität negativ beeinflussen. So negativ wie zu Beginn der Befragungsreihe sind aber auch diese Leute nicht mehr gegenüber einem geologischen Tiefenlager eingestellt. 70 Prozent der Befragten möchten nicht in diesem Umfeld wohnen, 2012 waren es noch 89 Prozent.

Grafik: BFE

Eine Frage interessiert das BFE besonders, nämlich die Beurteilung eines zukünftigen Tiefenlagers in der Nähe des Wohnorts. Auch hier ist die Summe der negativen Antworten seit 2018 weiter zurückgegangen (vgl. Abbildung oben), umfasst aber immer noch fast zwei Drittel der Antworten. Die oft gehörte Binsenwahrheit «niemand will ein Tiefenlager in seiner Nähe» wird damit erneut untermauert. Der Anteil der positiven Antworten seit 2012 hat sich indes von 5 auf 10% verdoppelt, und auch der Anteil jener, die gegenüber einem Tiefenlager indifferent sind, hat zugenommen.

Vergleicht man die Bevölkerung der potenziellen Standortregionen für ein geologisches Tiefenlager mit jenen der restlichen Deutschschweiz, zeigt sich ein interessanter Effekt: Die Abneigung gegenüber herkömmlichen Infrastrukturanlagen (Autobahnen, Hochspannungsleitungen, etc.) ist hier grösser, bei den Kernanlagen aber kleiner (vgl. Abbildung unten).

Wie stehen Standortgemeinden eines allfälligen geologischen Tiefenlagers zu grossen Infrastrukturen?

Grafik: Wüest Partner AG

 

Der «Immo-Barometer» ist eine repräsentative Umfrage zu den Themen Wohnzufriedenheit und Wohnbedürfnisse, welche seit 1988 vom Immobilienspezialist Wüest Partner in Kooperation mit der «Neuen Zürcher Zeitung» durchgeführt wird.

Seit 2012 wird die Umfrage in der Deutschschweiz alle zwei Jahre um ein Zusatzmodul zum Thema Wahrnehmung und Beurteilung von verschiedenen Infrastrukturanlagen (inkl. Kernanlagen) in der Wohnumgebung ergänzt. Dafür werden zusätzlich zu den ca. 760 Befragten der Hauptstudie je ca. 100 Personen in den drei möglichen Standortregionen eines Tiefenlagers für radioaktive Abfälle in der Nordostschweiz befragt.

 

Niklaus Schranz, Fachspezialist Entsorgung radioaktive Abfälle, BFE

 

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2 Kommentare
  1. Werner Bechtel
    Werner Bechtel sagte:

    Es heisst Atom-Tiefenlager und nicht Endlager.
    Das „Gold“ brauchen wir für die nächste Generation Kernkraftwerke für #Nuclear4Climate
    Damit muss unbedingt das System Tiefenlager Überdenkt werden, da für die Mittel und Schwach Radioaktiven Abfälle eine einfachere Lösung auch genügt. Natürlich ist Kernenergie die Zukunft, weil mit der #es2050 kommen 5 – 8 Gaskraftwerke. (SRF, BFE) Die Brennstäbe sind bestens gelagert oder Zwischengelagert in Würenlingen Zwilag.
    Es wird geforscht, Kernenergie Flüssigsalzreaktor Kugelhauffenreaktor #es2050 #Energiewende SRF #10vor10

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  2. Rickenbacher Hans
    Rickenbacher Hans sagte:

    Die Kernspaltung ist per se eine zerstörerische Intervention. Jegliche Variante dieser Technologie erzeugt instabile Materie und als nutzbaren Begleiteffekt Wärme.
    Die Isolation des radioaktiven Materials von der Biospähre über lange Zeiträume ist prinzipiell nicht möglich, weil der Planet Erde ein lebendiges System ist, wo alles mit allem zusammenhängt.
    Deshalb ist die Kernspaltungstechnologie eine historische Fehlentwicklung der menschlichen Zivilisation.
    Es bleiben für eine vernünftige Energieversorgung einzig die effiziente Nutzung erneuerbarer Quellen wie Sonne, Wasser, Wind und Geothermie sowie der Leitgedanke der Suffizienz. In diese Richtung soll die Forschung investieren, nicht in eine Sackgasse.

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