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Wärme aus Abfall und Abwasser hat noch viel Potenzial – Stabübergabe bei InfraWatt


Wer an Abfall und Abwasser denkt, sieht darin wohl kaum eine nachhaltige Lösung für die Herausforderungen des Klimawandels. Der Verein InfraWatt hat sich aber genau dies zum Ziel gemacht.

Der Verein wurde 2010 gegründet und fördert seither nachhaltige und wirtschaftliche Projekte im Bereich von Abwasser, Abfall, Abwärme und Trinkwasser. In all diesen Bereichen fällt Energie an. So beispielsweise in Kehrrichtverwertungsanlagen, wo diese nicht nur in Strom, sondern auch in Fernwärme umgewandelt werden kann. Oder in Kläranlagen, in denen Abwasser aufbereitet wird, als Klärgas und Klärschlamm oder thermische Energie im Abwasser. Aber genutzt wird dieses Potenzial noch nicht überall, wo das möglich wäre. InfraWatt setzt sich dafür ein. Zudem macht InfraWatt mit Ingenieuren auch Energieanalysen für Anlagen. Dort zeigt sich, dass manche Anlage die Möglichkeit hätte, Energie einzusparen und die Energieproduktion weiter zu steigern.

Nun tritt der langjährige InfraWatt-Geschäftsführer Ernst A. Müller ab. Elf Jahre lang stand er an der Spitze von InfraWatt und war bereits als Mitinitiant bei der Gründung des Vereins dabei. Unter Müller wurde InfraWatt zum Ort, wo die Vertreter aus den Bereichen der Energiewirtschaft, Ver- und Entsorgung, Fernwärme und der Fachämter zusammenkamen, sich austauschten und gemeinsam Ideen und Lösungen entwickelten. Neben der Funktion als Informations- und Gesprächsplattform setzt sich der Verein auf nationaler Ebene für die Interessen seiner Mitglieder ein.

Am 1. April 2021 übernimmt Laure Deschaintre das Mandat der Geschäftsführung des Vereins. Die Ingenieurin von der Firma Planair SA bringt mit ihrem Abschluss in Klima-, Wärme- und Energietechnik nicht nur Fachkompetenz mit. Sie hat Erfahrung im Projektmanagement im grossen Stil und ist – wie ihr Vorgänger – bestens in der Energiebranche vernetzt.

Energeiaplus hat mit dem abtretenden Geschäftsführer Ernst A. Müller Bilanz gezogen und mit der neuen Geschäftsführerin Laure Deschaintre in die Zukunft geschaut.

Ernst A. Müller war über zehn Jahre Geschäftsführer von InfraWatt und hat den Verein mitgegründet.

Energeiaplus: Herr Müller, Sie geben nach mehr als 10 Jahren als Geschäftsführer bei InfraWatt das Zepter weiter. Wo hat InfraWatt in Ihren Augen die Entwicklung im Energiebereich vorangetrieben?

Ernst A. Müller: Wir haben zuerst die Fachgrundlagen für die Energieoptimierung in den Bereichen Abwasser, Abfall, Abwärme und Trinkwasser erstellt. Zusammen mit unseren Fachverbänden VSA, VBSA, VFS und SVGW haben wir die Aus- und Weiterbildung der Betriebsleute dieser Infrastrukturanlagen, aber auch der Ingenieurbüros und der zuständigen Behörden systematisch vorangetrieben. Mit Beiträgen in Fachmedien oder Referaten beim Zielpublikum konnten wir das Fachwissen und die praktischen Anwendungen zu den Energiethemen weiterverbreiten. Aufgrund meiner Erfahrung waren aber vor allem die persönlichen und neutralen Beratungen von InfraWatt besonders wichtig, damit bei den Anlagen konkrete Energieprojekte ausgelöst wurden.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Wasserversorgung hat die Aufgabe, das lebensnotwendige Trinkwasser für Mensch und Betriebe jederzeit in höchster Qualität und ausreichend zur Verfügung zu stellen. Kläranlagen müssen jederzeit den Schutz unserer Gewässer sicherstellen. Das ist eine grosse Verantwortung, welche die Leute, die in diesen Bereichen arbeiten, nachhaltig prägt. Es war deshalb nicht einfach, die Branche für zusätzliche Aufgaben wie das Thema Energie zu gewinnen.

Gefreut hat mich zum Beispiel, wenn ich beim Besuch einer Kläranlage feststellte, dass die Auszeichnung «Médaille d’eau» einen Sonderplatz erhielt. Denn diese Anerkennung wird nur an ARA-Betreiber vergeben, welche sich aktiv für die Energieoptimierung auf ihrer Anlage einsetzen. Oder wenn ich in Graubünden, im Wallis oder sonst wo in den Schweizer Bergen herumreise und sehe, dass in Gemeinden, die wir beraten haben, heute das Trinkwasser zur Stromerzeugung genutzt wird. Mit der Wärme aus dem Abwasser der Kläranlage Röti oberhalb des Rheinfalls und weiteren Abwärmequellen wird bald die halbe Gemeinde Neuhausen beheizt. Wenn ich mit der Bahn von Schaffhausen nach Winterthur am Rheinfall vorbeifahre, wird mir jeweils bewusst, dass wir mit InfraWatt einiges bewegen konnten. Aber auch, dass es noch viel Ausbaupotenzial gibt.

Was würden Sie rückblickend anders machen?

Mit unseren persönlichen Gesprächen mit den Leuten auf den Anlagen konnten wir viele davon überzeugen, dass Energiemassnahmen sinnvoll und auch machbar sind. Auch im Bundesparlament konnten wir immer wieder die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Energieprojekten erfolgreich einbringen. In der breiten Öffentlichkeit ist InfraWatt hingegen noch weniger bekannt. Da könnten wir mit unseren grossen Energiepotenzialen noch präsenter auftreten. Denn nach wie vor sind viele Leute und Behörden erstaunt, dass man mit Abwasser ganze Quartiere beheizen kann. Und die Bürgerinnen und Bürger müssen je nachdem ja Ausbauprojekte bewilligen.

Was hat sich im Bereich der Abwärme-Nutzung in der Schweiz in den letzten Jahren getan und was bleibt in den nächsten Jahren noch zu tun?

Bei den Kehrichtverwertungsanlagen (KVA) konnte die Abwärmenutzung stetig gesteigert werden, bei den Kläranlagen entstehen mancherorts neue Projekte zur Abwasserwärmenutzung. Trotzdem sind die Potenziale weiterhin riesig. Die Experten der Wärmeinitiative Schweiz WIS haben aufgezeigt, dass alleine mit den zwei Energiequellen KVA-Abwärme und Abwasser bis im Jahr 2050 rund 20% oder ein Fünftel das gesamten Heizbedarfes der Gebäude in der Schweiz abgedeckt werden kann. Und damit ein wesentlicher Beitrag zum Ziel Netto-Null CO2 geleistet wird. Dazu braucht es die Verbesserung der Rahmenbedingungen wie finanzielle Anreize und Vorgaben sowie die Erstellung von Energierichtplänen, in welchen die Gemeinden Gebiete für Wärmeverbünde zur Nutzung von Abwärme und erneuerbarer Wärme vorgibt und umsetzt. Das reicht aber noch nicht. Aufgrund unserer Erfahrungen muss man auch in die Beratung investieren. So kann man die Energieproduzenten aus Kläranlagen und ihre potenziellen Kunden zusammenzubringen. Im Fall von Holzwärmeverbünden ist dies heute schon der Fall und erfolgt institutionell durch den Förster. Da hoffen wir auf die Unterstützung des BFE.

Laure Deschaintre übernimmt ab April die Geschicke von InfraWatt. Die Ingenieurin kommt von der Firma Planair SA.

Frau Deschaintre, Sie sind Ingenieurin mit einem Abschluss in Klima-, Wärme- und Energietechnik, haben grosse Projekte geleitet und sind gut in der Branche vernetzt. Was hat Sie an der Position bei InfraWatt gereizt?

Laure Deschaintre: Wir brauchen so schnell wie möglich eine klimaneutrale Energieversorgung. Die Energieproduktion und -nutzung aus Infrastrukturen, die für unsere Städte sowieso notwendig sind, ist meiner Meinung nach sehr sinnvoll und stellt ein grosses Potenzial dar. Die Barrieren zur Ausschöpfung dieses Potenzials sind nicht technisch, sie hängen von den Rahmenbedingungen und dem Wissenstransfer in der Branche ab. Genau da spielt InfraWatt eine wichtige Rolle. Ich setze meine Energie sehr gerne für sinnvolle und nützliche Aktivitäten ein.

Welche Schwerpunkte oder Akzente möchten Sie in Ihrer neuen Position setzen?

Ich komme aus dem Wärmebereich. Es ist mir wichtig, dass die Abwärme-Potenziale aus Infrastrukturanlagen und auch aus der Industrie genutzt werden. Und zwar bevor neue Systeme gebaut werden, um Wärme zu produzieren, auch wenn diese erneuerbar ist. Das bedeutet nicht, dass ich den Stromsektor vernachlässigen möchte – nur erhält dieser bereits viel Aufmerksamkeit auf politischer und öffentlicher Ebene. Ich werde nun versuchen, vermehrt auch die Wärmepotenziale ins Rampenlicht zu stellen, denn der Wärmesektor repräsentiert 50% des Energiebedarfes in der Schweiz. Als Geschäftsführerin des Vereins möchte ich aber primär auf die Mitglieder zugehen und zuhören. Wir werden auf jeden Fall die Prioritäten setzen, die für unsere Mitglieder am wichtigsten sind. Dazu werden wir dieses Jahr einen Workshop organisieren, ich freue mich sehr auf die Diskussionen.

Ich würde mich ausserdem freuen, wenn wir mehr Marktakteure aus der Westschweiz bei den Aktivitäten von InfraWatt involvieren können. Ich selbst bin ja in Yverdon-les-Bains zu Hause.

Was braucht die Schweizer Energielandschaft?

Es gibt viele Szenarien und Strategien, die zeigen, wie die Schweiz die Klimaneutralität erreichen kann. Wir wissen, dass es technisch machbar und insgesamt sogar wirtschaftlich sinnvoll ist. Wie bereits gesagt: Die Rahmenbedingungen sind zentral. Die sind auch wichtig für Investorinnen, damit sie sehen, wohin die Reise in Zukunft gehen soll: Nämlich zu Energieeffizienz und Energieversorgung aus erneuerbaren und CO2-neutralen Quellen. Die Revision des CO2-Gesetzes ist ein Schritt in die richtige Richtung und wird von InfraWatt unterstützt. Der Weg zur Verwirklichung der Ziele ist aber noch lang und wir möchten diesen aktiv mitgestalten und beschleunigen.

Wo sehen Sie das grösste Entwicklungspotenzial?

Ich denke in Zukunft wird Energieeffizienz bei den Infrastrukturanlagen ein grosses Thema bleiben. Noch viel grösseres Potenzial liegt aber in der Nutzung der Abwärme bei Kehrrichtverwertungsanlagen, dem Abwasser von Kläranlagen, sowie den grösseren Sammelkanälen. Hier wird unser Schwerpunkt liegen. Ausserdem möchte ich bei InfraWatt gerne den Bereich Abwärmenutzung aus der Industrie thematisieren. Unsere Branchen können dazu beitragen, dass Wärmenetze öfter realisiert und Abwärme genutzt werden.

Das Interview führte Lisa Brombach, Hochschulpraktikantin, Bundesamt für Energie

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