Vergangenes wird wieder aktuell: Diorit-Plutonium


In der Frühjahrssession 2016 reichte Nationalrat Glättli für die Fragestunde vom 14. März eine Frage (16.5147) ein, deren Ziffer 1 wie folgt formuliert ist: „1. War das in die USA überführte Plutonium waffenfähig? – In welcher Form lag es vor? – Wurden noch andere Stoffe überführt? – Welche, in welcher Form? “ Der Bundesrat gab darauf folgende schriftliche Antwort: „1. Das überführte Material wurde in pulverförmigen Zustand gelagert und war in dieser Form nicht waffenfähig. Es hatte einen Plutonium-239-Anteil von unter 92 Prozent. Das Plutonium sollte zur Entwicklung einer neuen Generation von Brennelementtypen für Kernkraftwerke benutzt werden. ….“

Die Frage bezog sich auf die Medienmitteilung des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung vom 26. Februar 2016, mit der über den Transport von 20 kg Plutonium in die USA informiert wurde. Darin wird unter anderem ausgeführt: „Auf dem Areal des heutigen Paul Scherrer Instituts lagerten seit den 1960er Jahren rund 20 kg Plutonium im Eigentum des Bundes. Das Material stammte aus wiederaufbereiteten Brennstäben des Forschungsreaktors Diorit. Er wurde von 1960 bis 1977 vom damaligen Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung betrieben. ..“

Im Zusammenhang mit dem in der Medienmitteilung erwähnten Forschungsreaktor Diorit ist ein Rückblick auf die schweizerischen Pläne der 1950er und 60er Jahre im Bereich der Reaktortechnik von Interesse: Auf Initiative der beiden schweizerischen Grossfirmen Sulzer Winterthur und BBC Brown Boveri Baden wurde 1955 die „Reaktor AG“ gegründet. Zu den Aktionären gehörten über hundert schweizerische Unternehmen. Gemäss Statuten bezweckt die Gesellschaft den „ Bau und Betrieb von Versuchsreaktoren zur Schaffung wissenschaftlicher und technischer Grundlagen für die Konstruktion und den Betrieb industriell verwertbarer Reaktoren …“. Die Reaktor AG wurde von Anfang an vom Bund finanziell unterstützt. Die Gesellschaft liess einen Schwerwasserreaktor bauen, dieser ging 1960 in Betrieb und wurde als Diorit bezeichnet. Der Reaktor sollte als Vorläufer eines schweizerischen Leistungsreaktors dienen, konkret sollte eine schweizerische Atomkraftwerktechnologie entwickelt werden, die nicht nur für die inländische Stromproduktion eingesetzt werden sollte, sondern auch für den Export. Schon relativ bald zeigte sich aber, dass der finanzielle Aufwand für die Privatindustrie zu gross wurde. Die Anlagen der Reaktor AG – also auch der Versuchs-Reaktor Diorit – wurden 1960 dem Bund übergeben und dieser schuf das Eidgenössische Institut für Reaktorforschung EIR als Annexanstalt der ETH Zürich.

Besonders nachdem die Nordostschweizerische Kraftwerk AG NOK für das Atomkraftwerk Beznau sich für den Import einer amerikanischen Anlage entschieden hatte, wurde die ursprüngliche Zielsetzung des EIR zum Teil hinfällig. Die daraus resultierenden und weitere Unsicherheiten veranlassten 1968 die Kommission für Wissenschaft und Forschung des Nationalrates, sich näher mit dem EIR zu befassen. Die Ergebnisse der Abklärungen wurden mit der mündlichen Begründung der Motion Wartmann,die von beiden Räten 1969 überwiesen wurde, veröffentlicht. Die Kommission verlangte insbesondere ein klares längerfristiges Arbeitsprogramm. Der Motionär führte am 25. Juni 1969 aus: „….Nachdem aber die NGA ihre Entwicklungsstudien aufgegeben hat, ist es dem Industrieausschuss und den andern dem EIR vorgesetzten Stellen nicht gelungen, dem Institut eine eindeutige Zielbestimmung auf lange Frist zu geben.  …“  Der Vorsteher der Eidgenössischen Departements des Innern, Bundesrat Tschudi, erklärte sich bereit, die Motion entgegenzunehmen. Er führte im Nationalrat unter anderem aus: „Nachdem sich die am Bau des Versuchskernkraftwerkes Lucens beteiligten Firmen entschlossen hatten, die Entwicklung eines eigenen Schwerwasserreaktors aufzugeben, haben die verantwortlichen Organe ein neues Arbeitsprogramm für die nächste Zeit ausgearbeitet … Dieses neue Arbeitsprogramm für Würenlingen sieht neben den für unser Land unerlässlichen Dienstleistungsaufgaben … zwei Schwerpunkte vor: Studien über die schnellen Brutreaktoren und Untersuchungen über den Einsatz von Plutonium für Brennstoffelemente.“ Die Arbeiten mit Plutonium, für die der Diorit verwendet wurde, waren damals schon bekannt. Der Reaktor wurde 1977 abgestellt.

Die Frage von Nationalrat Glättli führt zum Thema der damaligen Pläne für eine atomare Bewaffung der Schweizer Armee. Diese Pläne wurden im Bericht von Dr. Jürg Stüssi „Historischer Abriss zur Frage einer Schweizer Nuklearbewaffnung“ von 1995/96 eingehend untersucht.

Heute, fast 50 Jahre später, ist die Vermutung nicht abwegig, dass die damalige Zurückhaltung der zuständigen Personen bei der Information über das Arbeitsprogramm des EIR nicht nur im Wegfallen der ursprünglichen Zielsetzung begründet war, sondern auch in den damals noch nicht bekannten Forschungstätigkeiten des Eidg. Militärdepartements am EIR im Hinblick auf eine zukünftige atomare Bewaffnung. Der Bericht Stüssi zeigt auch die personellen Verflechtungen der militärischen Instanzen, die sich mit den geheimen Plänen befassten, mit der Reaktor AG, dem EIR und der ETH Zürich. Es darf heute festgestellt werden, dass am Forschungsreaktor Diorit wohl Forschungsarbeiten für das Militär durchgeführt wurden, dass aber keine konkreten Waffen-Bestandteile hergestellt wurden und dass auch die Forschungsarbeiten eingestellt wurden. (Bild: Diorit 1960, @PSI)

Karl Hausmann, Dr. phil., 1968-1972 Sekretär der Kommissionen für Wissenschaft und Forschung des National- und Ständerates, heute pensioniert.