Food for thought vom WEF


Das World Economic Forum WEF mit seinen vielfältigen Veranstaltungen und Präsentationen ist ein Marktplatz der Ideen, der Trends, der Technologien sowie der unterschiedlichsten Einschätzungen von Wirtschaftsleuten, Künstlerinnen, Wissenschaftlern und Politikerinnen. Ich habe an diversen Panels zu Energiefragen (aber auch zu anderen spannenden Themen) teilgenommen und mir einige bedenkenswerte Punkte notiert:

  1. Die Transition des globalen Energiesystems dauert 30 bis 50 Jahre, aber die wesentlichen Weichenstellungen hin zu erneuerbaren Energien und Energieeffizienz sind jetzt am Anlaufen: Kohle wird ab 2020 an Bedeutung verlieren, die geplanten grossen Investitionen für die Erdölförderung in der Arktis sowie an anderen geologisch kritischen Offshore-Standorten werden sich nicht mehr über den Kapitalmarkt finanzieren lassen, weil sie zu risikoreich sind. Gas wird nicht nur in den USA eine zentrale Rolle für den Übergang spielen, deshalb investieren grosse Ölfirmen nun in neue Gasexplorationen (BP).
  2. Die USA haben zwar das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet, sie werden aber dank dem Wechsel von Kohle- zur Gasverstromung die Kyoto-Ziele vor Europa erreichen.
  3. Bei Solarstrom kostet die Kilowattstunde heute nur noch 5 US-Cents, bei Wind kommt man dank Steuervergünstigungen heute auf 3 US-Cents. Batterien braucht es ab etwa 25 Prozent fluktuierender Erzeugung, ab 2020 werden derartige Speicher kostengünstig zur Verfügung stehen (Steven Chu, Nobelpreisträger, ehemaliger Chef DoE USA)
  4. Die Produzenten von PV-Modulen befassen sich mehr und mehr mit dem Anbieten von Gesamtsystemen inkl. Speicherung. Die Preise für PV werden sich bis 2020 nochmals um 50 Prozent reduzieren (Gao Jifan, CEO Trina Solar Ltd)
  5. Mehr und mehr kommen wir in eine Prosumerwelt mit dezentraler Produktion sowie Steuerung des Konsums. Dank IT werden diese Systeme auch einen wichtigen Beitrag zur Netzstabilität leisten können: Es braucht dafür nicht nur viele Sensoren (bei jedem Gerät)  und Big Data, d.h. die umfassende Zusammenführung aller Informationen der einzelnen Prosumer. Es braucht zusätzlich geospatiale Zusammenführungen sowie selbstlernende Netzwerke, welche die DNA, d.h. das Verhalten, der einzelnen Konsumenten mehr und mehr verstehen und voraussagen können. Es ist deshalb kein Zufall, dass alle IT-Unternehmen im Silicon Valley inzwischen grosse Energieabteilungen aufgebaut haben – unterstützt wird dies durch die ambitiösen Ziele und Vorgaben des Staates Kalifornien in den Bereichen Erneuerbare und nachhaltige Mobilität.
  6. In einer Prosumerwelt werden E-Mobile immer attraktiver, die Reichweite der Autos wird dank besseren Batterien vergrössert, diese Batterien sind gleichzeitig ein wichtiger Speicher für den einzelnen Prosumer und dienen als Netzstabilisatoren. Der Eigenverbrauch macht sich auch steuerlich bezahlt, weil er ja nicht erfasst wird. In fünf Jahren werden die meisten E-Mobile zu weniger als 25’000 Dollar erhältlich sein, in 10 Jahren wird man sein eigenes Auto auf dem Computer ausdrucken (1/10 der bisherigen Kosten).
  7. Elektrizitätswerke werden immer weniger mit dem Verkauf von Kilowattstunden Geld verdienen. Ihr Geschäft ist der umfassende Energieservice für den Kunden, die Bündelung der diversen dezentralen Produzenten sowie der Ausgleich der Prosumer-Profile aber auch die Reservehaltung. Anstelle der Netznutzungsgebühr pro KWh zahlen wir eine „Versicherung“  für das uns als Reserve zur Verfügung stehende Netz.
  8. Wasserstoff könnte langfristig eine grosse Zukunft haben, er wird insbesondere aus Abfall produziert. Engpass ist die Infrastruktur: sie wird nur schrittweise aufgebaut in dem Tempo, in dem die Infrastrukturen für Gas und Benzin altershalber abgelöst werden müssen.
  9. CO2 muss einen Preis haben, es braucht global CO2-Abgabesysteme oder funktionierende CO2-Emissionszertifikatemärkte.
  10. Unternehmen und Organisationen, welche in diesem Change mithalten wollen, brauchen vor allem Visionen, Motivation durch engagierte Führung und ein inneres Feuer der Mitarbeiter. Für die Kultur dieser Organisationen sind drei Ingredienzien wichtig: Führer/innen als Vorbilder und „Heroes“ auf allen Stufen, Legenden über das Erreichen von Zielen (Wir-haben-das-schon-geschafft-Gefühl) und wiederkehrende Rituale, die sich von anderen Firmen unterscheiden.
  11. Kunst verknüpft mit Technik sowie Design erhält in den big cities einen hohen Stellenwert: sie bringen Ausgleich, Abwechslung sowie ein Wir-Gefühl mit Projekten, die den Lebensraum verschönern und uns zum Spielen sowie Geniessen einladen (Daan Roosegaarde)

Walter Steinmann, BFE-Direktor