Quelle: J. Stamm, Kraftwerke Oberhasli AG

Wie gelingt ein optimaler Umgang mit Sedimenten für eine nachhaltige Wasserkraft?


Wasserkraft ist weltweit die wichtigste Quelle für erneuerbare elektrische Energie. Oft stören aber Sedimente ihren reibungslosen Betrieb. Diese lagern sich am Grund von Stauseen ab oder führen zu einer erhöhten Abnutzung der Turbinen. Obwohl zahlreiche Massnahmen bekannt sind, um die negativen Auswirkungen von Sedimenten in Grenzen zu halten, sind an jedem Standort individuelle Lösungen erforderlich. Neue Methoden der Echtzeit-Überwachung geben Aufschluss über den Transport, die Ablagerung und die Beseitigung von Sedimenten sowie deren Einfluss auf die Erosion von hydraulischen Maschinen. Diese Kenntnisse sind notwendig, um den langfristigen Betrieb von Wasserkraftanlagen sicherzustellen.

Viele Stauseen und Flussabschnitte oberhalb von Laufwasserkraftwerken füllen sich mit Geschiebe und Erosionsmaterial aus ihren Zuflüssen. Ohne passende Gegenmassnahmen verringert sich das Stauvolumen stetig, bis es irgendwann komplett verschwindet. Das beeinträchtigt die Produktion von Wasserkraft: Ein Speicherkraftwerk wird so allmählich zu einem Laufkraftwerk und verliert damit seine Hauptfunktion. Diese besteht darin, bei hoher Nachfrage Spitzenenergie zu liefern. Weiter nutzen Sedimente hydraulische Maschinen ab, beispielsweise Turbinen und Pumpen. Sie schaden aber auch Nebenanlagen wie Stauwehren, Entsandern oder Spülkanälen. Das erhöht die Kosten für Betrieb und Unterhalt. Der «hydro-abrasive» Verschleiss von Turbinen verändert zudem deren Geometrie, was den Wirkungsgrad und damit die Produktionskapazität weiter senkt.

Gegenmassnahmen tun Not

Es gibt eine Vielzahl von Massnahmen, um mit Sedimenten optimal umzugehen. Ihnen allen ist gemein, dass sie hohe Investitionskosten verursachen oder sehr viel Wasser benötigen, das dann nicht mehr für die Energieproduktion bereit steht. Ohne Kompromisse lassen sich Wasserkraftwerke also nicht langfristig wirtschaftlich, umweltfreundlich und sozialverträglich betreiben. Zudem schreiben heutzutage die Wasserrechtsgesetze vieler Länder vor, die Durchgängigkeit von Sedimenten an Standorten wiederherzustellen, wo diese teilweise oder ganz durch Stauwehre, Talsperren oder andere Querbauwerke unterbrochen ist.

Lösungen für die Herausforderungen

Zu den erfolgsversprechenden Lösungen, die technisch machbar und umweltverträglich sind, zählen unter anderem Folgende:

  • Bau von Sedimentumleitstollen
  • Durchleiten von Trübeströmen (stark feinsedimenthaltige Abflüsse)
  • Regelmässiges Spülen von Staubecken durch Tiefauslässe
  • Beseitigung der Sedimente durch Absaugen

Eine weitere Methode, die meiner Ansicht nach künftig weiter erforscht werden sollte, ist das stetige Durchleiten von Schwebstoffen via Triebwasserweg und Turbinen in unterhalb liegende Flussabschnitte. Auf diese Weise bleibt der Sedimentfluss weitgehend auf seinem ursprünglichen Niveau vor dem Bau der Wasserkraftanlagen erhalten. Diese Methode ist trotz der damit verbundenen erhöhten Abnutzung von hydraulischen Maschinen vielversprechend, insbesondere in alpinen Staubecken, wo alternative Lösungen entweder unerschwinglich oder von Gesetzes wegen nicht umsetzbar sind. Spezielle Beschichtungen für Turbinen helfen, der Abnutzung entgegenzuwirken. Eine ständige Echtzeit-Überwachung der Konzentration und Partikelgrösse von Sedimenten ermöglicht es den Betreibern, kurzfristig einzugreifen: So könnten sie, sobald gewisse Schwellenwerte während eines Hochwassers erreicht werden, die Energieproduktion kurzzeitig einstellen, um eine überproportionale Abnutzung der Maschinen zu vermeiden.

Unsere Forschung im Rahmen des SCCER-SoE konzentriert sich einerseits auf die Erosion von Turbinen, auf Sedimentumleitstollen und Spülkanäle. Andererseits entwickeln wir Vorhersagemodelle und Messtechniken für die Echtzeit-Überwachung des Geschiebes und der Schwebstoffe unter Verwendung experimenteller und numerischer Methoden. Vertiefte Kenntnisse der relevanten Prozesse und Messtechniken sind die Basis für standortspezifische Lösungen, die den Umgang mit Sedimenten optimieren.

Mit dem zunehmenden Alter von Stauseen und dem kontinuierlichen Rückzug der Gletscher aufgrund des Klimawandels wird das Sedimentmanagement bei Wasserkraftanlagen je länger je bedeutender, weil Erosionsmaterial und Geschiebe zunehmen. So bedauerlich der Gletscherrückzug ist, er bietet auch interessante neue Möglichkeiten, um die Wasserkraft im Einklang mit der Energiestrategie 2050 weiter auszubauen.

Prof. Dr. Robert Boes ist Direktor der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW), Professor für konstruktiven Wasserbau an der ETH Zürich und Projektleiter beim SCCER-SoE

Lesen Sie den vollständigen Artikel inklusive Bilder und Videos im Blog des Swiss Competence Center for Energy Research- Supply of Electricity (SCCER-SoE).

Foto: J. Stamm, Kraftwerke Oberhasli AG

4 Kommentare zu “Wie gelingt ein optimaler Umgang mit Sedimenten für eine nachhaltige Wasserkraft?”

  1. Schöner Artikel. Am besten approven Sie Ihre Ideen und Visionen zuerst beim EAWAG. Die wissen bestens Bescheid, wenn es um die Toleranzgrenzen an Sedimenten für die Bio- und Zoologie in unseren bereits grösstenteils zerstörten alpinen Gewässer geht.
    Besten Dank.

    1. Die Gewässerökologie spielt eine wichtige Rolle in diesem Zuammenhang. Das übergeordnete Ziel ist es, vermehrt Sediment in das Unterwasser von Stauanlagen durchzuleiten, um das im Gewässerschutzgesetz geforderte Sedimentkontinuum – wo immer mit vertretbarem Aufwand möglich – wiederherzustellen. Im Idealfall wird damit der Zustand vor Stauanlagenbau wieder erreicht oder zumindest angenähert. Im Unterschied zu nur kurzzeitig ausgeführten, intermittierenden Stauraumspülungen kann eine kontinuierliche Sedimentdurchleitung auch in zeitlicher Hinsicht dem naturnahen Zustand ähneln. Die EAWAG ist übrigens auch Projektpartner im SCCER-SoE und bringt sich bei den gewässerökologischen Fragen entsprechend ein.

  2. Interessante Analyse; welcher Effekt (grössere Rutsche in gefüllte Stauseen) dürfte der steigenden Permafrost-Grenze zukommen, insbesondere nach weitgehendem Abschmelzen der stabilisierenden Gletscher?

    1. Mit schmelzenden Gletschern nehmen Hanginstabilitäten zu, siehe den bekannten Fall der Eigerflanke beim Unteren Grindelwaldgletscher vor einigen Jahren. Massenrutschungen in Seen können Impulswellen verursachen, welche in einem anderen Teilprojekt des SCCER-SoE untersucht werden. Ausserdem wird das ehemals vom Gletscher gegen Erosion durch Niederschläge geschütze Moränenmaterial freigelegt und stellt eine neue, bedeutende Sedimentquelle dar.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.