Mehr als Strassen und Schienen: Mobilität braucht neue Kompetenzen
Mobilität ist längst nicht mehr nur eine Frage von Strassen und Fahrplänen. Heute geht es um Energie, Verhalten, Digitalisierung, Raumplanung, Klimaziele und Kosten. Kein Wunder, dass in der Schweiz inzwischen eine ganze Reihe von CAS-Weiterbildungs-Programmen entstanden ist, die Themen wie Mobilitätsmanagement, Flottenbeschaffung oder verhaltenspsychologische Ansätze beinhalten. Doch braucht es all diese Angebote? Und wie behält man den Überblick?
Mobilität ist einer der grossen Hebel der Schweizer Energie? und Klimapolitik. Rund ein Drittel der CO2-Emissionen in der Schweiz wird durch den Verkehr verursacht. Jede Fahrt, jeder Transport, jede Pendlerbewegung, jede Freizeitaktivität beeinflusst den Energieverbrauch und die Emissionen. Gleichzeitig stehen Unternehmen, Kantone und Gemeinden vor neuen Herausforderungen: Flotten elektrifizieren, Ladeinfrastruktur planen, Verkehrsströme lenken, Raum und Verkehr aufeinander abstimmen.
Da Mobilität ein interdisziplinäres Thema ist, decken klassische Grundausbildungen diese Breite oft nicht ab. Deshalb entstehen Weiterbildungen, die Praxiswissen vermitteln und verschiedene Fachbereiche zusammenbringen. Mit Unterstützung von EnergieSchweiz startet im Herbst der neue CAS Mobilitätsmanagement an der Ostschweizer Fachhochschule.
Barbara Schäfli ist Fachspezialistin Aus- und Weiterbildung beim Bundesamt für Energie.
Energeiaplus wollte von ihr wissen, warum EnergieSchweiz diesen Weiterbildungsgang unterstützt.

Barbara Schäfli ist im Bundesamt für Energie zuständig für Aus- und Weiterbildung im Energiebereich. Bild: BFE
Barbara Schäfli: Heute ist klar: Die Klimaziele im Verkehrsbereich lassen sich nicht allein durch den Ausbau von Infrastruktur, verbesserte Fahrzeugeffizienz oder Elektrifizierung erreichen. Eine zentrale Rolle spielt vielmehr das Mobilitätsverhalten selbst. Genau hier setzt der CAS Mobilitätsmanagement der Fachhochschule OST an.
Der CAS vermittelt praxisnahes Wissen zur Förderung nachhaltiger Mobilität in Unternehmen, Gemeinden und Arealen. Ziel ist es nicht, einzelne Verkehrsmittel gegeneinander auszuspielen, sondern sie situationsgerecht zu kombinieren und optimal aufeinander abzustimmen.
Die Teilnehmenden erwerben Kompetenzen, um Mobilitätskonzepte mit Fokus auf Klima- und Siedlungsverträglichkeit zu entwickeln, umzusetzen und zu evaluieren. Sie erhalten Instrumente und Tipps, wie sie in Organisationen konkrete Veränderungen anstossen können.
Damit unterstützt der CAS wichtige Schwerpunkte von EnergieSchweiz. Die Förderung einer nachhaltigen Mobilität in Gemeinden und Unternehmen durch die Anwendung folgender vier «V»: Den Verkehr «vermeiden», auf umweltfreundlichere Verkehrsmittel «verlagern», den Verkehr durch Einsatz von optimierten und effizienteren Technologien «verträglich gestalten» und durch intelligentes Kombinieren und Integrieren von verschiedenen Verkehrsmitteln «vernetzen.
Energeiaplus: Mobilität ist ein beliebtes Thema im Weiterbildungsmarkt. Warum gibt es immer mehr Weiterbildungen in diesem Bereich?
Barbara Schäfli: Das Angebot ist Ausdruck eines strukturellen Wandels. Mobilität wird heute nicht mehr isoliert als Verkehrsfrage betrachtet, sondern als zentraler Faktor für Energieverbrauch, Emissionen und Standortqualität. Gleichzeitig hat der Verkehrssektor seine Klimaziele bislang nicht erreicht.
Klassische Ansätze wie neue Infrastrukturen oder Effizienzsteigerungen einzelner Verkehrsträger reichen allein nicht aus. Entscheidend ist zunehmend, wie Mobilität tatsächlich genutzt wird, also das Verhalten von Unternehmen, Mitarbeitenden und der Bevölkerung.
Zudem nimmt die Komplexität zu: Elektrifizierung, neue Arbeitsformen und Digitalisierung verändern die Mobilität grundlegend. Entsprechend wächst der Bedarf an neuen Kompetenzen.
Neue Weiterbildungsangebote sind deshalb aus unserer Sicht weniger ein Trend im Bildungsmarkt, sondern vielmehr eine Reaktion auf einen realen Bedarf in der Praxis.
Braucht es diese Vielfalt oder sorgt das eher für Verwirrung?
Die Vielfalt ist sinnvoll, weil sie die Breite des Themas widerspiegelt. Mobilität bewegt sich heute im Spannungsfeld von Technik, Verhalten, Organisation und Raum- und Verkehrsplanung. Entsprechend vielfältig sind auch die Rollen der Fachpersonen: Sie reichen von der strategischen Planung über das Mobilitätsmanagement in Unternehmen und Gemeinden bis hin zu Flottenmanagement, kommunaler und kantonaler Verkehrsplanung, technischen Neuerungen oder der Begleitung von Transformationsprozessen.
Diese Breite erfordert eine klare Profilierung der einzelnen Angebote. Aus Sicht von EnergieSchweiz sind insbesondere Umsetzungskompetenzen wichtig. In Unternehmen und Gemeinden fehlt es häufig an Fachpersonen, die Konzepte nicht nur verstehen, sondern auch umsetzen können.
Konkret: Worin unterscheiden sich beispielsweise der CAS der Fachhochschule OST oder das Angebot der ETH zur Mobilität der Zukunft oder das HSG-Programm CAS Smart Mobility Management?
Die verschiedenen Programme setzen unterschiedliche, sich ergänzende Schwerpunkte.
- Die Angebote an der ETH fokussieren stärker auf technologische und systemische Fragen.
- Programme wie das CAS Smart Mobility Management der HSG sind stärker strategisch und managementorientiert.
- Der neue CAS der OST hingegen setzt den Schwerpunkt auf betriebliches, kommunales und arealbezogenes Mobilitätsmanagement sowie dessen konkrete Umsetzung. Es richtet sich an Mitarbeitende in Büros, Gemeinden, Kantonen, Arealentwicklern und allen, die zielgerichtet etwas bewegen wollen.
Die klare Differenzierung macht die Programme komplementär und nicht redundant.
Welche Rolle spielt professionelles Mobilitätsmanagement, wenn die Schweiz ihr Energiesystem umbaut – insbesondere im Hinblick auf Strombedarf, Raumplanung und Klimaziele?
Mobilitätsmanagement ist zentral, weil es direkt an der Schnittstelle von Energie, Verkehr und Raumplanung ansetzt. Der Verkehr verursacht 38% des Endenergieverbrauches der Schweiz (vgl. BFE, Schweiz. Gesamtenergiestatistik 2025, Tab 2 )und ist verantwortlich für 33.5% der Treibhausgasemissionen. Mit der Elektrifizierung steigt zudem der Strombedarf.
Mobilitätsmanagement kann hier steuernd wirken: Es reduziert Verkehrsaufkommen, fördert effizientere Verkehrsmittel und hilft, Nachfrage zu verlagern, räumlich, zeitlich oder nach Verkehrsträgern. Dadurch kann der Energiebedarf gesenkt und besser planbar gemacht werden. Zugleich ermöglicht eine gute Abstimmung von Raum- und Verkehrsplanung langfristig eine Reduktion von Verkehr und Energieverbrauch.
Fakten zum Verkehr
- Der Verkehr verursacht mit rund einem Drittel einen grossen Teil der Schweizer CO-Emissionen.
- Rund 40 Prozent des Endenergieverbrauchs gehen auf das Konto des Verkehrs
- Mit der Elektrifizierung des Verkehrs steigt der Bedarf an Strom – und dieser muss auch produziert und ins System integriert werden.
- EnergieSchweiz unterstützt Nachhaltige Mobilität in Unternehmen und in Gemeinden.
- Informationen zur Förderung von Bildungsprojekten finden Sie unter Finanzielle Förderung von Bildungsangeboten im Energiebereich
Eine Liste von CAS im Bereich Mobilität/Verkehrsplanung finden Sie hier: Weiterbildung und Kurse | SVI
Interview: Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie
Bild:
Screenshot BFE
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