Die Betriebsenergie von Gebäuden und die damit verbundene Umweltbelastung nimmt seit Jahren ab. Anders sieht das bei der grauen Energie von Gebäuden aus. Der nicht erneuerbare Primärenergieaufwand durch das Herstellen von Baumaterialien und das Errichten des Gebäudes nimmt kaum ab. Dasselbe gilt für die Treibhausgasemissionen und die Gesamtumweltbelastung durch den Gebäudebau. Das vom Bundesrat im vergangenen Jahr festgelegte Netto-Null-Ziel bis 2050 verlangt eine weitere Reduktion der Treibhausgasemissionen in den kommenden drei Jahrzehnten. Diese Bestrebungen werden sich auch auf die Produktionsweise und die Herstellungsprozesse von Baumaterialien auswirken (müssen).

Wie gross ist aber die graue Energie von Gebäuden, die zukünftig in der Schweiz gebaut werden?

Dieser Frage ist das Ökobilanzunternehmen Treeze Ltd. in einem von EnergieSchweiz und der Stadt Zürich unterstützten Projekt nachgegangen. Dabei wurden Ökobilanzdaten erhoben zu

  • der zukünftigen Herstellung von Baumaterialien, die im Hochbau wichtig sind;
  • den zukünftigen Transportleistungen;
  • der zukünftigen Energiebereitstellung.

Projektleiterin Martina Alig spricht im Interview über die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung.

Wie wird – im Vergleich zu heute – die graue Energie von Gebäuden in der Zukunft aussehen?
Wie einführend erwähnt, müssen die graue Energie von Gebäuden und die damit verbundenen Treibhausgasemissionen in Zukunft massiv sinken. Im Projekt CliMat haben wir anhand von zwei Beispielgebäuden untersucht, wie stark diese Umweltbelastungen reduziert werden können, wenn die Baumaterialhersteller möglichst treibhausgasarm produzieren, zugleich die Energieversorgung in der Schweiz gemäss der Energiestrategie des Bundes auf erneuerbare Energieträger umgestellt wird und die Transporte möglichst treibhausgasarm durchgeführt werden. Wir kamen auf eine Reduktion der grauen Energie in der Grössenordnung von 40%, die Treibhausgasemissionen konnten um 50-60% gesenkt werden. Zu beachten ist, dass wir nicht alle der in den untersuchten Gebäuden verwendeten Baumaterialien in unsere Untersuchung einschliessen konnten – je nach Gebäude sind zwischen 70 und 95% der Materialien gemäss zukünftiger Produktionsweise hergestellt.

Welche wichtigsten Entwicklungen führen zu diesem Ergebnis?
Viele Baumaterialhersteller bzw. -branchen haben Strategien und Visionen für die Senkung ihrer Treibhausgasemissionen entwickelt. Konkrete Zahlen nennen jedoch nur wenige. Die meisten Hersteller bzw. Branchen setzen auf einen Wechsel auf erneuerbare Energieträger – sei es über eine Elektrifizierung der Produktionsprozesse oder den Einsatz von Biogas. Vor allem für Baumaterialien mit einem hohen Anteil an prozessbedingten Treibhausgasemissionen kommt auch Carbon Capture and Storage – die Abscheidung von CO2 aus den Abgasen mit anschliessender Einlagerung – in Frage. Dazu ist der erhöhte Einsatz von recycelten Rohstoffen ein Thema – dies wurde in unserer Studie jedoch nicht betrachtet. Eine wesentliche Erhöhung der Energieeffizienz oder grundlegende Änderungen im Produktionsprozess ist bei den meisten untersuchten Baumaterialien kein Thema.

Ist diese Reduktion hinsichtlich unserer klimapolitischen Ziele in der Schweiz ausreichend?
Nein, für eine treibhausgasneutrale Schweiz müssten die Emissionen auch bei der Baumaterialherstellung auf Netto Null gesenkt werden.

Welche zusätzlichen Massnahmen respektive Entwicklungsschritte sind aus Ihrer Sicht notwendig?
Nicht nur die Baumaterialherstellung, sondern auch die Bauweise der Gebäude muss angepasst werden. Dies geht von der konsequenten Verwendung von Baumaterialien mit einem niedrigen Treibhausgasfussabdruck über optimiertes Gebäudedesign bis hin zur Wiederverwendung von ganzen Bauteilen oder alternativen Bauweisen wie zum Beispiel Lehmhäuser. Alle Beteiligten sollten sich ganz am Anfang auch Fragen zum Thema Suffizienz (wie viel ist genug?) stellen.

Was ist ihre Empfehlung heute an die Bauherrschaften?
Fokussieren Sie nicht nur auf die Betriebsphase der Gebäude. Eine treibhausgasneutrale Energieversorgung ist wichtig, aber nicht ausreichend: Auch die graue Energie beim Gebäudebau muss minimiert werden. Hierfür steht eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Verfügung – sprechen Sie mit ihrem Architekten!

Claudio Menn, BFE-Fachspezialist Gebäude

 

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2 Kommentare
  1. Markus Saurer
    Markus Saurer sagte:

    Naja, in vielen Fällen der Gebäudesanierung bedingt diese eben so viel zusätzliche graue Energie, dass die Sanierung über ihre Lebensdauer den Energiebedarf erhöht statt senkt.

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  2. Werner Zumbrunn
    Werner Zumbrunn sagte:

    Im SIA-Merkblatt 2032/2010 stand: „… Moderne Niedrigstenergiehäuser mit Vorbildcharakter verbrauchen heute nicht viel mehr als 40 MJ pro m2 Energiebezugsfläche und Jahr. Dagegen beträgt die Graue Energie, die in einem neuen Gebäude in Form von Baumaterialien und Technik investiert wird, in der Regel – umgerechnet auf die Nutzungsdauer – zwischen 80 und 100 MJ pro m2 Geschossfläche und Jahr….“ Moderne Niedrigstenergiehäuser brauchen in Form von grauer Energie also meist mehr Energie als für den Betrieb.
    Weil die falschen „Niedrigstenergiehäuser“ – auch von der Politik – stark gefördert und propagiert werden, kommen Bauherren und Architekten, die noch nie etwas von grauer Energie gehört haben, auf die Idee, gut erhaltene Häuser abzureissen und sie durch „Niedrigstenergiehäuser“ zu ersetzen, statt die gut erhaltenen Häuser zu sanieren. Nach dem Bau ihrer „Niedrigstenergiehäuser“ glauben sie dann tatsächlich, etwas zum Klimaschutz beigetragen haben, obwohl das Gegenteil der Fall ist.

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