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Digitalisierung der Energiebranche


Die Energieversorger in Deutschland sind schlecht auf die Digitalisierung vorbereitet. Zu diesem Schluss kommen die Experten des Beratungsunternehmens Oliver Wymann. Ende Januar präsentierte das Unternehmen anlässlich der 24. Handelsblatt-Jahrestagung in Berlin den so genannten Digitalisierungsindex EVU.

Die Berater nahmen acht renommierte deutsche Energieversorger unter die Lupe und bewerteten den Digitalisierungsgrad in den Bereichen Produktion, Handel, Netze und Vertrieb:

  • Auf einer Skala von null bis 100 erzielen die Versorger bloss 31 Digitalisierungspunkte.
  • Bei der Produktion erreichen sie 30, beim Vertrieb 23 Punkte. Speziell im Vertriebsbereich liegt nach Ansicht der Experten ein grosses Potenzial brach. Die EVU könnten hier mittels digitaler Kanäle und Produkte die Bedürfnisse ihrer Kunden viel besser und individueller bedienen, als es derzeit geschieht.
  • Im Bereich der Netze wenden die Unternehmen digitale Analysetools nicht konsequent genug an. Entsprechend fällt auch hier das Urteil der Experten ernüchternd aus, der Bereich Netze erzielt 41 Digitalisierungspunkte.
  • Im Handel schliesslich bescheinigen die Experten den Unternehmen ein erhebliches Mass an strategischem Defizit (39 Digitalisierungspunkte), insbesondere mit Blick auf neue Anbieter, die sich in den Markt drängen. Mit neuen Technologien wie der Blockchain-Technologie würden junge Firmen mit innovativen Produkten den etablierten Platzhirschen das Leben schwer machen. Auf diese Herausforderung seien die EVU noch ungenügend vorbereitet.

Das Handelsblatt kommentierte die Ergebnisse der Studie wie folgt: „Kaum eine Branche ignoriert digitale Potenziale so konsequent wie die Energiewirtschaft. Bleiben Eon, RWE & Co. der Linie treu, droht ihnen das Schicksal der Musikindustrie – IT-Konzerne könnten sie überflüssig machen.“

Da erstaunt es nicht, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich an der Mitgliederversammlung des Stadtwerkverbandes die Energiebranche auch davor warnt, bei der Digitalisierung den Anschluss zu verlieren. Sie appelliert an die Branche, näher bei den Kunden zu sein. Nur wer die Wünsche seiner Kunden kenne, sei in der Lage, diese effizienter und mit revolutionären Produkten zu bedienen.

Doch wie ist es um die Schweizer Energiebranche bestellt? Eine differenzierte Analyse analog zum Digitalisierungsindex EVU für Deutschland ist bis anhin für die Schweiz nicht erhältlich. Gemäss der Plattform digital.swiss liegt der Digitalisierungsgrad der Branche aktuell bei 45 Prozent. Die Bewertung haben die Plattformbetreiber in Zusammenarbeit mit dem Verband der Schweizer Elektrizitätsgesellschaften (VSE) vorgenommen. Der Verband lässt sich auf der Plattform denn auch wie folgt zitieren: „Die Digitalisierung als Grundlage für das Energiesystem der Zukunft ist eingeleitet.“

Klaus Riva, Leiter Sektion Energieversorgung und Monitoring, BFE