Im November 2012 veröffentlichte Paul Hockenos in der Zeitschrift „Die Zeit“ den sehr lesenswerten Artikel „The Energiewende“. Er analysiert darin die Entstehungsgeschichte dieses Begriffs, der bis auf den vom amerikanischen Physiker Amory Lovins Mitte der 1970er Jahre proklamierten „Soft Energy Path“ zurückreicht. Okkupiert von der deutschen Politik, welche die „Energiewende“ zum Markenzeichen für eine „richtige“ Energiepolitik hochstilisiert, geniesst der Begriff heute bei uns in der Schweiz ein eher anrüchiges Image. Zurecht aus meiner Sicht, denn diese Worthülse ist völlig unzureichend, um die sich derzeit abspielenden Entwicklungen auch nur annähernd zu beschreiben.

Darum sprechen weder der Bundesrat noch das Bundesamt für Energie von einer „Wende“, da dies den Eindruck vermittelt, dass die Energiepolitik wie bei der Sommersonnenwende ab einem genau definierten Zeitpunkt, zack, eine andere Richtung einschlagen würde. Vielmehr geht es um einen jahrelangen Prozess, einen langfristigen Umbau unseres Energiesystems mit dem Anspruch, dieses bis zum Jahr 2050 deutlich nachhaltiger, energieeffizienter und wirtschaftlicher auszugestalten. Dafür braucht es eine langfristige Strategie, die Energiestrategie 2050.

Und wenn wir schon bei Begriffsdefinitionen sind: „Eine Strategie bezeichnet eine grundsätzliche, langfristige Verhaltensweise (Massnahmenkombination) … gegenüber der Umwelt zur Verwirklichung langfristiger Ziele“ (Gablers Wirtschaftslexikon). Wer nun also meint, die Energiestrategie 2050 müsse rezeptartig bereits jedes Detail präzise regeln, den würde ich – wie vom Philosophen Ludwig Hasler empfohlen – direkt dem Arzt überweisen. Wir starten jetzt, lancieren erste Initiativen, lernen und optimieren. Die Ziele und die Strategie sind klar, die weiteren Details werden Schritt für Schritt zu definieren, erproben und weiterzuentwickeln sein. Denn – nota bene ausserhalb der politischen Einflussnahme – finden derzeit extrem dynamische Entwicklungen auf den Märkten, in den Unternehmen und insbesondere in der technologischen Innovation statt, die weitreichende Konsequenzen auf unser Leben haben werden.

So gilt es, die gesetzlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen, die entlang der Energiestrategie 2050 in den kommenden Jahrzehnten zu definieren sind, einerseits sicher und stabil genug und andererseits anpassungsfähig genug auszugestalten, um diese Entwicklungen zielorientiert zu lenken: Für eine sichere, bezahlbare und umweltfreundliche Energieversorgung für Alle. Gelingt dieser zeitgemässe Ansatz einer integralen, langfristigen Energiepolitik, wird diese zu einem Gesellschaftsprojekt, das Alle angeht und dem Einfluss der oft in Partikular- und Profilierungsinteressen verstrickten Wende- und Anti-Wende Politiker/innen entzogen wird.

Dazu braucht es Fakten, leicht zugängliche Informationen, Transparenz, gerade auch von Seiten der Energiewirtschaft. Ein solcher Fakt ist beispielsweise, dass in der Schweiz in den nächsten Jahren keine neuen Kernkraftwerke gebaut werden, weil sie schlicht nicht rentabel zu betreiben wären. Ein weiterer Fakt ist, dass die erneuerbaren Energien immer kostengünstiger werden: Photovoltaik wird heute an den weltweit besten Sonnenexpositionen zu 5 Cents/kWh produziert. Die chinesischen Marktführer haben am WEF das Versprechen abgegeben, die Kosten bis 2020 nochmals zu halbieren. Auch die Entwicklungen zur sicheren Systemintegration der neuen, unregelmässig anfallenden erneuerbaren Energien laufen weltweit auf Hochtouren. Dritter Fakt: Auch die bestehenden Kernkraftwerke haben angesichts der tiefen Strompreise auf den Märkten und der steigenden Sicherheitsanforderungen wirtschaftlich einen schweren Stand. Zwar könnten wir wie in Deutschland fixe Abschalttermine politisch festlegen, was jedoch absehbar zu enormen Schadenersatzforderungen an den Staat führen würde (denn die Stromer haben inzwischen das Prozessieren als zweites Standbein entdeckt). Vielversprechender ist jedoch, den Abschalttermin den Betreibern zu überlassen, die sehr wohl über erstklassige Finanzleute verfügen, welche Risiken und Risikoprämien präzise abschätzen können. Sie sollen entscheiden, ob sich die für einen langfristig sicheren Betrieb nötigen Investitionen inklusive der zusätzlichen Kosten für Entsorgung, Haftpflicht etc. noch lohnen. Der Entscheid, Mühleberg 2019 abzustellen, zeigt, dass die Kernkraftwerkbetreiber sehr wohl rechnen können.

Fazit: Die Energiewelt ist in einem umfassenden Wandel, es findet eine teils radikale Veränderung von Strukturen, Märkten und Technologien statt. Die Energiestrategie 2050 hilft mit, in dieser stürmischen Welt auch langfristig Versorgungssicherheit zu akzeptablen Preisen zu garantieren, indem sie wichtige Rahmenbedingungen definiert. Wenn wir unseren Enkelkindern eine nachhaltigere Energiewelt übergeben wollen, dann unternehmen wir diese ersten Schritte auch im Wissen, dass wir diese neuen Systeme nicht alleine definieren und bauen. Zentral wird die grenzüberschreitende, europäische internationale Kooperation von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sein, denn Energieversorgungssicherheit und Nachhaltigkeit sind immer weniger rein national zu erreichen.

Walter Steinmann, Direktor BFE

 

Foto: Paolo Maffei

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