Tiefenlagerregion trifft KKW Mühleberg: Junge Menschen erhalten Einblick ins stillgelegte Kernkraftwerk
Was geschieht in einem Kernkraftwerk nach der endgültigen Abschaltung? Junge Mitglieder der Regionalkonferenz Nördlich Lägern erhielten bei einem Besuch des stillgelegten Kernkraftwerks Mühleberg (KKM) Einblick in den laufenden Rückbau der Anlage. Vor Ort wurde sichtbar, welcher technische und organisatorische Aufwand mit der Stilllegung einer Kernanlage verbunden ist.
Die gewonnenen Eindrücke sind im Kontext der Diskussion um ein zukünftiges Tiefenlager von Bedeutung. Der Rückbau eines Kernkraftwerks und der Umgang mit den dabei entstehenden Abfällen sind eng mit der langfristigen Entsorgung radioaktiver Abfälle verknüpft und werfen Fragen auf, die weit über die Betriebszeit einer Anlage hinausreichen.
Schon am Anfang zeigte sich, dass für einen Besuch im stillgelegten KKM besondere Regeln gelten. Alle elektronischen Geräte mussten vor der Schleuse abgegeben werden. Anschliessend erläuterte Stefan Klute, Managing Director der Business Unit Nuclear bei der BKW Energie AG und Standortleiter des KKM die Hintergründe der Stilllegung.
Stilllegung KKW Mühleberg
Im Jahr 2015 hatte die bernische Energieversorgerin BKW, die das KKM betrieb, das Stilllegungsgesuch beim Bundesamt für Energie eingereicht. Für die Stilllegung gab die BKW wirtschaftliche Gründe an. Die nötigen Investitionen für den Weiterbetrieb hätten gemäss den Schätzungen der Betreiberin die künftig zu erwartenden Erträge übertroffen. Im Jahr 2018 wurde das Gesuch bewilligt, und im Dezember 2019 wurde das Kraftwerk nach 47 Jahren Betrieb endgültig abgeschaltet. Als erstes kommerziell betriebenes Kernkraftwerk der Schweiz, das stillgelegt wird, nimmt Mühleberg eine Vorreiterrolle ein. Seit Anfang 2020 läuft nun der Rückbau, der in drei Phasen gegliedert ist und bis 2031 abgeschlossen sein soll. Die Kosten werden auf rund eine Milliarde Franken geschätzt.
Ausgestattet mit Schutzanzügen und Strahlenmessgeräten erhielt die Gruppe dann Zugang zu verschiedenen Bereichen des Kraftwerks – vom Maschinenhaus, wo die demontierten Anlageteile nachzerlegt, dekontaminiert und freigemessen werden, bis hinauf ins Reaktorgebäude auf rund 29 Metern Höhe. Besonders eindrücklich war der Blick in die ehemalige Reaktorgrube. Nach der Abschaltung des Kernkraftwerks wurde sie mit Wasser gefüllt. Das Wasser dient als Strahlenschutz und ermöglicht sowohl die sichere Verschiebung der Brennelemente ins Brennelementlagerbecken als auch die aktuell laufende Demontage stark radioaktiver Reaktorkomponenten. Ferngesteuerte Werkzeuge zerschneiden die Stahlteile unter Wasser.

Innenansicht des Reaktorgebäudes des Kernkraftwerks Mühleberg. Quelle: BKW
Der Abtransport der Brennelemente aus dem KKM ist seit September 2023 abgeschlossen. Die 418 Brennelemente wurden in mehr als 60 Transporten ins zentrale Zwischenlager (ZWILAG) nach Würenlingen gebracht. Der Rückbau ist damit aber noch nicht abgeschlossen. Derzeit werden weitere zentrale Teile des Kraftwerks Schritt für Schritt zurück gebaut, darunter Komponenten im Reaktorbereich sowie das nicht mehr benötigte Brennelementlagerbecken. Hebevorrichtungen, Arbeitsplattformen und Behälter mit Rückbaumaterial rund um die Reaktorgrube zeigten, wie komplex der Rückbau ist.
Stefan Klute erklärte, dass neben radioaktiven Risiken auch konventionelle Schad- und Gefahrenstoffe eine Rolle spielen. So wurde etwa die Problematik von Asbest und PCB-haltigen Anstrichen aus der Bauzeit thematisiert, was zusätzliche Sicherheitsmassnahmen erforderlich macht. Auch logistisch ist der Rückbau anspruchsvoll: Zahlreiche Pufferflächen dienen als Zwischenlager für Materialien. Der gesamte Prozess wird streng von Behörden wie dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) und der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA) überwacht.
Neben den technischen Aspekten wurde auch die menschliche Dimension sichtbar: Ein Mitarbeiter hatte sich freigenommen, erzählte Stefan Klute beim Rundgang, als Schläuche und Pumpen abtransportiert wurden, mit denen er über 20 Jahre gearbeitet hatte, weil er diesen Moment nicht miterleben wollte.
Am Ende der Führung wurden alle Teilnehmenden auf mögliche Kontamination überprüft – eine weitere standardisierte Sicherheitsmassnahme.

Von links nach rechts: Evelyn Müller, Yasmin Amara-Lind, Sophia Berglas, Sacha Steffen, Pravin Pathmanathan, Jürgen Wiener, Leila Drobi. Quelle: BFE
Die Eindrücke der jungen Teilnehmenden zeigen, wie vielfältig die Wahrnehmungen sind:
„Ich fand die Exkursion wirklich spannend. Besonders gefallen hat mir, dass die Führung sehr informativ war und man echte Einblicke bekommen hat, statt nur allgemeines Gerede. Für mich hat die Exkursion gezeigt, dass man weder vor der Stilllegung noch allgemein vor Kernenergie Angst haben muss, weil vieles bereits heute kontrolliert und professionell abläuft. Gerade jungen Leuten würde ich solche Exkursionen sehr empfehlen, weil man das Thema dadurch viel direkter und realistischer erlebt.“
— Sophia Berglas
„An der Besichtigung haben wir so viele spannende Informationen und Inputs bekommen, doch mir ist besonders geblieben, dass das KKW Mühleberg nicht nur gefährlich aufgrund der radioaktiven Strahlung ist, sondern auch wegen anderer chemischer Stoffe, die während des Baus des Kraftwerks verwendet wurden. […] Ich würde eine solche Exkursion anderen jungen Mitgliedern [der Regionalkonferenz] weiterempfehlen. Denn es zeigt auch, dass das Problem der radioaktiven Abfälle[…] in einem langwierigen, aber sehr kontrollierten und innovativen Prozess gelöst wird.“
— Evelyn Müller
Text: Leila Drobi, Fachspezialistin regionale Partizipation, Bundesamt für Energie
Bild: BFE
BFE
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