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Frau Bruderer, welche energiepolitischen Schwerpunkte wollen Sie 2017 setzen?
Es gilt, endlich Rechtssicherheit zu schaffen, indem das erste Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050 (ES2050) in Kraft gesetzt wird. Die Vorlage ist zukunftsgerichtet, ausgewogen und kommt den Anliegen der Wirtschaft entgegen. Trotz Referendum zweifle ich nicht an ihrer Mehrheitsfähigkeit. Eine Abstimmung bietet die Möglichkeit, mit der Bevölkerung stärker in den Dialog zu treten. Denn am Ende treiben nicht die Buchstaben in den Gesetzen die Energiewende voran, sondern die Menschen.

Sie engagieren sich für Cleantech statt Atomenergie. Wie stellen Sie sich diese Umstellung vor?
Bei Cleantech geht es darum, bei der Optimierung der Produktivität auf Energieeffizienz und die Schonung der natürlichen Ressourcen zu setzen. Ökologie und Ökonomie gehen dabei Hand in Hand. Cleantech ist die Zukunft. Deshalb gründete ich mit Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft – bereits vor Fukushima – den Verein Cleantech Aargau. Unser Kanton hat als Energiekanton weit mehr zu bieten als AKWs, dafür gilt es die Bevölkerung zu sensibilisieren.

Ist Ihnen eine nachhaltige Energiezukunft wichtiger, seit Sie selbst zweifache Mutter sind?
Nachhaltigkeit stand in meiner politischen Tätigkeit schon immer im Zentrum, also seit bald 20 Jahren. Ich möchte der nächsten Generationen eine intakte Umwelt und Gesellschaft hinterlassen.

Mit 24 Jahren waren Sie bereits die jüngste Nationalrätin und wurden 2010 Nationalratspräsidentin. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Die innere Überzeugung mit Lust und Freude vertreten und dabei nicht vergessen, auch Andersdenkenden gut zuzuhören. Denn beim Zuhören lernt man, selber gut zu argumentieren. Meine Laufbahn habe ich so nicht geplant. Für mich hat es sich gelohnt, sich auf die aktuelle Aufgabe zu fokussieren und diese bestmöglich zu erfüllen,  anstatt kommende Karriereschritte im Kopf zu haben.

Die Bilanz betitelte Sie als „Siegertyp“ und „fast Everybody’s Darling“. Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Ich mache meine Arbeit gerne und mit viel Herzblut. Als „Everybody’s Darling“ sehe ich mich sicher nicht: Wer das sein will, ist in der Politik am falschen Ort. Häufig ist es schon schwierig genug, eine Mehrheit zu gewinnen, wie sich in der  Energie- und Klimapolitik der letzten Jahre zeigt.

Die Energiepolitik und Energiewirtschaft wird mehrheitlich von Männern dominiert. Wie nehmen Sie dies wahr?
Diese Wahrnehmung hat sich in den letzten Jahren verändert durch eine Energieministerin, die sehr prägend ist oder auch durch die CEOs von BKW und Alpiq. Mein Eindruck ist, dass diese Frauen, die wichtige energiepolitische Entscheidungen treffen müssen, mit den aktuellen Veränderungen pragmatisch umgehen: In Zeiten des Umbruchs haben sie den Mut in eine Richtung voranzugehen, ohne dauernd zurückzublicken.

Sie sind die einzige Frau in der ständerätliche Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK-S) und sagen von sich, Sie seien keine Frau der lauten Töne.
Laut zu poltern führt kaum zu Mehrheiten und Erfolg – weder in der Kommission noch im Ständerat. Von Provokation als Selbstzweck halte ich nicht viel.

Wie erleben Sie die Diskussionskultur im Ständerat und in der ständerätlichen Energiekommission?
Heute positiv und sehr sachlich. Vor 15 Jahren, damals war ich Mitglied der nationalrätlichen Energiekommission, war mir die Kommission viel zu polarisiert. Es wurde voller Vorurteile an ideologischen Fronten gekämpft, was es mir schier verunmöglichte, Brücken zwischen den Parteien zu bauen.

Profitieren Sie dabei vom Kommissionsgeheimnis?
Gerade dank dem Kommissionsgeheimnis verlaufen unsere Kommissionssitzungen sachlicher und weniger parteipolitisch. In vertrauensvoller Konstellation ist es einfacher, punktuell über den eigenen Schatten zu springen und einander entgegenzukommen, damit das Gesamtpaket am Ende stimmt.

Was können junge Politikerinnen von Ihnen lernen?
Von Anderen lernen ist nicht schlecht, vor allem aber sollte man sich selbst bleiben, sich nicht verbiegen lassen. Häufig sagen mir junge Menschen, sie würden sich selbst gerne politisch engagieren, trauen es sich aber nicht zu. Sie haben das Gefühl, man müsse alle noch so komplexen Themen im Detail kennen. Das tun aber auch gestandene Politiker nicht, das ist weder möglich noch nötig. Darum rate ich ihnen: Bringt euch mit eurer Alltagsrealität und euren Erfahrungen ein.

Wo sehen Sie Gemeinsamkeiten zur Energieministerin Doris Leuthard?
Nebst dem wir beide Aargauerinnen sind? Zum Beispiel bei der positiven Lebenseinstellung.

Was wünschen Sie Ihrem Energiekanton für 2017?
Der Aargau soll Taktgeber bleiben in der Energiepolitik. Mit Institutionen wie dem PSI und starken Bildungsangeboten, mit innovativen KMUs und Grossfirmen hat er dafür beste Voraussetzungen.

Pascale Bruderer Wyss
Die 39-Jährige studierte Politologie, Staatsrecht sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte an den Universitäten Zürich und Växjö (Schweden). Von 2002 bis 2011 war sie Nationalrätin und 2010 die bisher jüngste Nationalratspräsidentin. Sie arbeitete bei Microsoft Schweiz und machte sich 2008 als Unternehmensberaterin selbstständig. Seit 2011 vertritt die SP-Politikerin den Kanton Aargau im Ständerat. Sie ist Mitglied der Kommissionen für Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK), für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) sowie für staatspolitische Fragen (SPK). Sie präsidiert den Verein Cleantech Aargau und die Jury des Schweizer Energiepreises Watt d’Or. (bra)

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