Regionale Kooperation ist (k)ein Kinderspiel


Zu einem “seriösen Spiel” hatte die niederländische Präsidentschaft der EU geladen und die Generaldirektoren für Energie der europäischen Länder folgten dem Ruf nach Amsterdam am 4. Februar 2016 mit grosser Neugier. Den Vorababend des Treffens nutzten die Niederländer allerdings zuerst für Werbung in eigener Sache. Neben dem Hauptsponsor Shell durften die Ingenieurfirma Van Oord, der Hafen von Rotterdam und der Netzbetreiber Tennet ihre Erfahrungen und Erfolge im Offshore-Bereich anpreisen. Im Mittelpunkt der Präsentationen stand das Megaprojekt “Doggerbank” in der Nordsee, welches künftig 4.8 GW an Offshore-Windkraft zur Verfügung stellen soll.

Am Tag darauf galt es ernst. Für das “serious policy game” wurden die Generaldirektoren auf sechs Gruppen aufgeteilt. Ihr Ziel bestand darin, den Strombedarf ihres Landes bis 2050 möglichst kostengünstig mit Windstrom offshore zu decken. Dazu konnten sie am Bildschirm eigene Windparks und Speicher bauen, Strom handeln, oder gemeinsam mit anderen Teams Projekte realisieren. Gefragt waren also eine nachhaltige Strategie, vorausschauende Investitionsentscheide und Verhandlungsgeschick. Wie im richtigen Leben spielten Zeit und Geld eine wichtige Rolle. Die Teilnehmenden hatten sichtlich Gefallen an dem Spiel und es war ein Spektakel für sich, die hohen Beamten der diversen europäischen Länder so enthusiastisch bei der Arbeit zu sehen.

Bei der Auswertung des Spiels zeigte sich, dass einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren die rasche Entscheidungsfindung war. Diejenigen Teams, welche die ersten fünf Minuten (sprich die ersten Jahre) an der perfekten Strategie bastelten, wurden von den First-movern rasch – und in den meisten Fällen definitiv – abgehängt. Wenig hilfreich waren auch Investitionen, die sich nur in der kurzen Frist auszahlten und langfristige Entwicklungen ausblendeten. Nicht überraschend schwangen insbesondere diejenigen Teams obenaus, die am meisten mit den anderen Teams interagierten und kooperierten. Die niederländische Präsidentschaft rief in ihrem Schlusswort deshalb dazu auf, in Zukunft mehr miteinander zu sprechen, anstatt sofort nationale Verhandlungspositionen einzunehmen. Ausserdem sei es manchmal wichtig, rasch zu entscheiden und zu handeln, auch wenn nicht alle Konsquenzen klar ersichtlich seien.

Dass sich die Erkenntnisse aus dem Spiel nicht direkt in die Wirklichkeit umsetzen lassen, zeigte die bei diesen Treffen übliche Diskussionsrunde am Nachmittag, die dem bevorstehenden neuen Regulierungspaket der EU zur regionalen Kooperation gewidmet war. Die Redner sprachen sich mehrheitlich gegen verbindliche Regeln für die regionale Kooperation aus und zeigten sich skeptisch bezüglich einer koordinierenden Rolle der Kommission. Die Schweiz regte eine bessere regionale Zusammenarbeit in Krisensituationen an und verwies auf die Notwendigkeit, diese auch in periodischen gemeinsamen Übungen konkret zu testen.

Zu diesem Zeitpunkt kommt die Blockadehaltung der Mitgliedstaaten gegen die Kooperationsideen der Kommission nicht überraschend. Es entspricht der üblichen Verhandlungsdynamik, dass versucht wird, der Kommission bereits zu Beginn der Debatte den ambitiösen Wind aus den Segeln zu nehmen. Mögliche Kompromisslösungen werden sich erst in den kommenden Monaten herausschälen. Ein Kinderspiel dürfte dies aber nicht werden.

Übrigens: Die Schweiz schlug sich an der Seite von Dänemark, Polen, dem Kommissionsvertreter Christopher Jones u. a. hervorragend und heimste sich als Teammitglied der “Bluebay Mountains” (siehe Foto) den ersten Platz im“serious policy game“ ein. Zumindest im Spiel scheint die Zusammenarbeit Schweiz – EU gut zu klappen und die Gewinner konnten eine kleine Windmühle aus edlem Delfter Porzellan nach Hause nehmen.

 Stefan Dörig und Walter Steinmann