Ich habe vor kurzem die Ausstellung zum Werk von Alvar Aalto im Vitra Design Museum in Weil am Rhein besucht. Faszinierend, wie umfassend sich dieser wohl berühmteste finnische Architekt mit dem Umfeld der einzelnen Projekte auseinandersetzte, in Skizzen verschiedenste Überlegungen anstellte und für viele seiner Bauten auch gleich eigene Möbel und Inneneinrichtungen realisierte. Ein Grossteil seiner Entwürfe ist schlicht genial und auf der Höhe ihrer Zeit: Im Wettbewerb für den finnischen Pavillon einer Weltausstellung errang Aalto beispielsweise den ersten und zweiten Platz, den dritten belegte seine Ehefrau.

Der Künstler Fernand Léger hat im Austausch mit Aalto Architekten als „chef d’orchestre“ bezeichnet, welche alle Künste und alles Wissen dirigieren müssen, um daraus ein harmonisches, sinfonisches Ganzes zu schaffen. Dies bedingt aber, dass sich Architekten umfassend mit technologischen Entwicklungen und Neuerungen verschiedenster Disziplinen auseinandersetzen, damit sie auf der Höhe der Zeit die richtigen Antworten geben können. In den letzten Monaten und Jahren haben wir nun aber verschiedentlich auch von renommierten Architekten die Klage gehört, die neuen Energie-Technologien und energetischen Vorschriften im Gebäudesektor erschwerten ihnen die Arbeit und schränkten sie beim Entwurf ein.

Tatsächlich findet im Gebäudesektor technologisch eine eigentliche Revolution statt. Energetische Glaubenssätze der letzten Jahre und Jahrzehnte werden über Bord geworfen: Neue Bau- und Isolationsmaterialien sowie die Gebäudetechnik mit den umfassenden Mess- und Steuerungsmöglichkeiten der Informatik- und Telekomsysteme geben Chancen für ganz neue Gebäudekonzeptionen. Diese überzeugen nicht nur ästhetisch und bieten ein neues Komfortniveau, sondern sie sind auch bezüglich Ressourcennutzung und Energieverbrauch super.

Das Denken von Gebäuden als Systemen nimmt systemisch Ansätze der Natur auf und kombiniert sie mit neusten Ingenieur- und IT-basierten Erkenntnissen.  Es findet eine Bündelung und damit auch eine energetische Optimierung der einzelnen Teilsysteme statt. Am Hauptsitz der Firma Schneider-Electric in Paris durfte ich letzte Woche dazu ein einleuchtendes Beispiel dieser Bündelung kennenlernen: Die Zutritts-Badge-Systeme sind gekoppelt mit den Liften sowie der Heizung/Lüftung. Wenn am Morgen mehr und mehr Leute im Gebäude zur Arbeit eintreffen, werden mehr und mehr Lifte in Betrieb genommen und deren Fahrten optimiert, die Heizung für die einzelnen Abteilungen individuell nach Zahl der dort bereits an ihren Computern sitzenden Mitarbeitenden austariert, weil Menschen wie Computer Abwärme produzieren. Gleichzeitig werden die installierten PV-Anlagen optimal für den Eigenverbrauch genutzt und die Batterien der den Mitarbeitenden zur Verfügung stehenden Elektroautos wieder geladen.

Wenn die Architekten beim Bau dieser intelligenten Gebäude weiterhin als „chef d’orchestre“ agieren wollen, dann sollten sie nicht über die neuen energetischen Vorgaben und Technologien klagen, sondern deren Möglichkeiten austesten. Ansonsten werden sie langsam zu Zuckerbäckern degenerieren, welche die von den Energie-Ingenieuren sowie Informatikern entwickelten technischen Konzepte noch mit einer schönen Hülle verzieren dürfen, solange dies die Computer noch nicht autonom tun.

Also, Mesdames et Messieurs les chefs d’orchestre, liebe Architektinnen und Architekten, es ist Zeit für eine Weiterbildung in den energietechnischen Disziplinen.

Walter Steinmann, Direktor Bundesamt für Energie

PS: Die nächste Preisverleihung des Watt d’Or (am 8. Januar 2015 in Bern) wird aufzeigen, dass wir in der Schweiz sehr wohl über einige sehr begabte und virtuose chefs d’orchestre verfügen.

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