„Der Energieverbrauch liesse sich halbieren.“


Mit energieeffizienteren Gebäuden könnte die Schweiz viel Energie sparen. Stefan Cadosch, Präsident des Schweizerischen Architekten- und Ingenieurverbands sia, erklärt, warum bei Bau- und Sanierungsprojekten digitale Lösungen immer
wichtiger werden.

Was verstehen Sie unter energieeffizientem Bauen und Sanieren?
Das Thema ist komplex. Als Planer verfolgen wir eine ganzheitliche Sichtweise, die neben dem sorgfältigen Umgang mit Ressourcen unter anderem gesellschaft­liche Aspekte wie eine nachhaltige ­Gestaltung berücksichtigt. Ein nachhaltig ­gestaltetes Gebäude hält länger, da man ihm automatisch mehr Sorge trägt. Ein ­Gebäude muss heute nicht nur Komfort ­bieten, sondern zukunftsfähig sein. Bauherren tragen hier eine grosse Verantwortung  – vom ersten Strich bis zum Rückbau.

Warum ist die Sanierungsquote  in der Schweiz so tief?
Der Neubaubereich boomt. Für nachhaltige Sanierungen braucht es viel Brain sowie Fingerspitzengefühl bei der Vermittlung von Fachwissen an private Bauherren. Schon jetzt bewegen wir uns an der Kapazitätsgrenze, was Sanierungen betrifft. 1,4 Millionen Gebäude in der Schweiz sind energetisch nicht fit. Der Gebäudepark verbraucht etwa 48 Prozent der Gesamtenergie. Dieser Verbrauch liesse sich halbieren. Würden wir ganz auf Plusenergiehäuser umstellen, wäre eine noch stärkere Senkung machbar. Dies ist eine schöne, wenn auch nicht ganz realistische Vision für die Zukunft. Denn offen bleibt die Frage der Investitionsbereitschaft.

Wie können Baulabels zu einer nachhaltigen Baukultur beitragen?
Wir sind etwas labelmüde. Daher setzen wir lieber auf den Effizienzpfad Energie. Er beruht auf dem Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft. Es liegt in der Natur von Labels, dass sie ihren Fokus auf wenige Merkmale und messbare ­Grössen reduzieren. Doch wie misst man z.B. eine Wohlfühlatmosphäre? Wie beurteilt man, ob ein Gebäude gut gestaltet und behaglich ist?

Was meinen Sie damit?
Wir müssen uns bewusst sein, für wen und warum wir etwas bauen. Dabei dürfen wir nicht aufhören zu denken und nur noch To-do-Listen abarbeiten. Die Vor- und Nachteile verschiedener Konzepte gilt es für jeden Einzelfall abzuwägen.

Was halten Sie vom neuen ­Standard für nachhaltiges Bauen Schweiz?
Dieser verfolgt erstmals einen ganzheit­lichen Ansatz, aber aufgrund seiner Komplexität können Laien die Übersicht ­verlieren. Das Minergie-Label wirkte hingegen wie ein Wellenbrecher: Es ist auch für Laien verständlich und prägte die öffentliche Diskussion erfolgreich mit.

Wie beurteilen Sie den Trend, Photovoltaikanlagen in Gebäuden zu integrieren?
Mich ärgert es, wie unsorgfältig diese z.T. eingebaut werden. In Süddeutschland etwa gibt es viele Beispiele für eine ästhetische Verschandelung. Wir erwarten, dass die Industrie in diesem Bereich weitere Fortschritte macht. Es gibt zwar schon Grätzelzellen im Einsatz, die wie historische Kirchenfenster anmuten, aber deren Wirkungsgrad ist noch verbesserungswürdig. Spannend werden solche Produkte für mich erst, wenn man ihnen nicht mehr ansieht, was sie können.

Interview: Angela Brunner, Fachspezialistin Kommunikation

Lesen Sie den vollständigen Energie-Artikel in der September-Ausgabe 2017.