Regionalkonferenzen der Tiefenlager-Standorte: Weder Schockstarre noch Freudentänze


Die Reaktion der Regionalkonferenzen – die partizipativen Gremien aus Behörden, Interessensorganisationen und Einzelpersonen im Tiefenlager-Verfahren – auf die Standortvorschläge der Nagra stellten sich viele Personen einfach vor: Blankes Entsetzen in den zwei vorgeschlagenen Regionen, freudiger Jubel in den vier nicht vorgeschlagenen Regionen. Tatsächlich ist die Wirklichkeit, wie so oft, komplexer. Inzwischen haben in drei der sechs Regionen Vollversammlungen stattgefunden, bei denen sich die 30 bis über 100 Mitglieder von BFE und Nagra über die Vorschläge informieren liessen.

Sowohl an den Versammlungen der nicht-vorgeschlagenen Regionalkonferenzen Nördlich Lägern und Wellenberg, als auch in der vorgeschlagenen Region Zürich Nordost mussten sich die Referierenden ähnlichen kritisch-sachlichen Fragen stellen. Wie können einerseits alle sechs Gebiete grundsätzlich geeignet sein, vier Gebiete dann aber doch «eindeutige sicherheitstechnische Nachteile» haben? [Antwort: Die Nachteile ergeben sich aus dem Vergleich der Gebiete untereinander.] Ist es überhaupt möglich, dass das ENSI zu einer anderen Einschätzung als die Nagra kommt? [Antwort: Ja. Zum Beispiel könnte das ENSI die Nachteile eines Gebiets nicht als «eindeutig» einschätzen und verlangen, dass das Gebiet weiter untersucht werden müsste.]

Alle sechs Regionalkonferenzen werden sich nun mit den Standortvorschlägen auseinandersetzen und bis spätestens Ende November 2015 eine Stellungnahme dazu verfassen, was eine grosse Herausforderung für die Gremien ist. Sie zeichnen sich jedoch gerade dadurch aus, dass sie bereit sind, sich mit dem schwierigen Thema Entsorgung auseinanderzusetzen – ob sie nun für oder gegen ein Tiefenlager sind, für oder gegen Kernkraft, als Gemeindevertreterin oder Einzelkämpfer, ob in einer vorgeschlagenen Region oder nicht. Zu spüren ist in allen Regionalkonferenzen, dass sie den Vorschlag der Nagra als ebensolchen ansehen und die neuen Informationen zunächst kritisch prüfen, ob diese für sie nachvollziehbar sind. Beachtenswert ist auch, dass dabei viele Verantwortung mittragen und konstruktiv das nationale Problem der Entsorgung radioaktiver Abfälle angehen – auch wenn sie möglicherweise lokal und regional einmal von einem Tiefenlager betroffen sein könnten. Für dieses Engagement ist den Mitgliedern der Regionalkonferenzen ein grosser Dank auszusprechen.

Stefan Jordi, Leiter Regionale Partizipation, Bundesamt für Energie