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Es war im Jahr 1984: Ein eben gegründetes Baselbieter Jungunternehmen aus der Biotechnologiebranche brauchte möglichst ab dem Starttag einen Faxanschluss, weil die Bestellungen der Kunden per Fax eintrafen und die Produkte am nächsten Tag auszuliefern waren. Die Kreistelefondirektion Basel PTT teilte mit, dass der Anschluss frühestens in fünf Monaten installiert werden könne, man habe da eine Warteliste und zu wenig Personal. Das war die Zeit, als solche Telekom-Kabel nicht von einem Handwerker in blauem Überkleid alleine gelegt werden konnten, sondern ein Vorgesetzter mit brauner Berufsschürze diesen Prozess zu überwachen hatte. Eine Intervention von mir als Wirtschaftsförderer des Kantons Basel-Landschaft beim Kreisdirektor der Monopolanstalt PTT reichte nicht, um die Prioritätensetzung zu ändern. Es brauchte einen Brief des zuständigen Regierungsrates, damit die Firma nach 14 Tagen endlich mit ihren Kunden über Fax kommunizieren konnte.

Heute kaufen wir multifunktionale Faxgeräte einfach im Elektronikfachgeschäft, stecken es zuhause ans Telekommunikations- und Stromnetz und beginnen es zu nutzen. Falls es nicht gleich läuft, rufen wir nicht den PTT-Mann in der braunen Berufsschürze (den gibt es nicht mehr), sondern telefonieren unserem Göttibueb, der das Gerät ziemlich sicher zum Funktionieren bringt. Die „Digital Natives“ können grosse und kleine IT-Probleme ganz ohne die sowieso unverständliche Bedienungsanleitung, aber mit einigem Überlegen und Pröbeln meist sehr rasch lösen. Dass es diese Digital Natives gibt, hat im Übrigen ganz wesentlich mit dem (in der Schweiz seit 1998) freien Markt und dem Wettbewerb im Telecom-Bereich zu tun. Nach einem anfänglichen Preiskampf, differenziert dieser sich seit Jahren immer mehr über Anwendungen, massgeschneiderte Produktpakete und Dienstleistungen, die wiederum die Entwicklung und Nutzung neuer Geräte attraktiv macht und antreibt. Ein florierender, anspruchsvoller Markt, an dem jedoch damals, kurz nach der Marktöffnung kaum ein gutes Haar gelassen wurde (NZZ von 2001).

Die braunen Berufsschürzen sind verschwunden
Die PTT hat sich seither stark gewandelt, aus Beamten mit braunen Berufsschürzen sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in lockeren Jeans geworden, die mich in schicken Stores kompetent beraten und mir das auf meine Bedürfnisse zugeschnittene Abo empfehlen. In der heutigen Swisscom herrscht ein anderer Geist und eine andere Kundenorientierung als vor dreissig Jahren in der damaligen Kreistelefondirektion Basel. Viele Arbeiten wie Kabel einziehen werden gar nicht mehr von der Swisscom selbst, sondern von spezialisierten lokalen oder regionalen Unternehmen ausgeführt. Die heutige Swisscom ist kleiner, flexibler, dynamischer und internationaler aufgestellt als zu Monopolzeiten. Und der gesamte Telekommunikationssektor in der Schweiz hat heute deutlich mehr Arbeitsplätze als die gute alte Monopolanstalt PTT im Telefon- und Telegrafenbereich.

Foto: Copyright Historisches Museum Basel, www.hmb.ch

Foto: Copyright Historisches Museum Basel, www.hmb.ch

 

Ein ähnlicher Change steht im Stromsektor an: Die bisherigen Monopolanstalten, ausgestattet mit einem umfassenden Versorgungsauftrag, werden an Relevanz verlieren. Es kommen neue Technologien auf uns zu, es etablieren sich junge Unternehmen, die für den Umbau des Energiesystems zentral sind: IT-Firmen – viele davon Spin-offs unserer Hochschulen – treiben die Optimierung unseres Stromversorgung voran, dynamische Jungunternehmen projektieren und realisieren PV-Anlagen, qualifizierte Gebäudetechniker/innen sanieren Altbauten, optimieren deren Betrieb und machen sie sparsamer, unabhängige Beratungsbüros und Energieagenturen helfen der Industrie Energie zu sparen, neue, intelligent vernetzte Geräte und Haushaltapparate wollen von gut ausgebildeten Berufsleuten installiert und gewartet werden – all dies bringt zahlreiche neue Arbeitsplätze.

Wenn die Gewerkschaften jetzt den grossen Arbeitsplatzabbau in der Strombranche als Folge der vollständigen Marktöffnung fürchten, dann sind sie auf einem Auge blind: Zwar mag es zu einer Reduktion von Beschäftigten bei den bisherigen Monopolanstalten kommen, daneben gibt aber schon heute einen eigentlichen Beschäftigungsboom bei den erneuerbaren Energien, im Effizienzsektor und bei den Energiedienstleistungen. Die Arbeitsplätze im Cleantech-Sektor, und dazu zählen gerade auch die Beschäftigten im Bereich Energie, sind von 2009 – 2013 jährlich um 6,7% gewachsen, in der Gesamtwirtschaft betrug diese Wachstumsrate nur gerade 3,5%.

Viele dieser neuen, attraktiven Arbeitsplätze sind noch unbesetzt, denn Fachkräfte sind Mangelware: Wir haben zu wenig Ingenieur/innen, Handwerker/innen, Informatiker/innen, Installateur/innen, etc. Das BFE macht zusammen mit diversen Branchenverbänden eigentliche Qualifizierungsinitiativen, um diesem Mangel abzuhelfen. In Passerellenprogrammen werden Leute aus anderen Branchen umgeschult, damit sie künftig im Bereich der Energieberatung, der Effizienzverbesserung oder im Gebäudebereich tätig sein können.

Ein GAV macht Sinn
In der Strombranche sind über 50% der Beschäftigten beim VPE, dem Verband der Personalvertretungen der Schweizerischen Elektrizitätswirtschaft, organisiert. Leider hört man dessen Stimme derzeit im politischen Konzert eher wenig, weil er pragmatisch ist und nicht schlagzeilenträchtige Untergangsszenarien an die Wand malt. Der VPE sagt Ja zum zweiten Schritt der Marktöffnung, wenn die Branche gleichzeitig einen Gesamtarbeitsvertrag abschliesst.

Der erste Gesamtarbeitsvertrag in der Schweiz wurde 1936 am Ende einer tiefen Krise in der Maschinenindustrie abgeschlossen, er hat den Arbeitsfrieden in der Schweiz eingeläutet. Ein GAV in der Elektrizitätsbranche könnte jetzt dokumentieren, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer die sich abzeichnenden Änderungen partnerschaftlich annehmen und gemeinsam Lösungen finden wollen. Denn dank Weiterbildung und Umschulung sowie einer klugen Stellenvermittlung können die nötigen Anpassungen vorgenommen werden. Zu hoffen ist deshalb, dass sich der Verband Schweizerischer Elektrizitätswerke VSE mehr und mehr auch als Arbeitgeberverband versteht.

Walter Steinmann, Direktor BFE

 

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