Gebäude

Watt oder das Problem mit dem Eisberg


Es glich einem Geschenk, das James Watt, Erfinder der Dampfmaschine, den Pferdehaltern vor 200 Jahren machte: Er installiere die Dampfmaschine, sichere während fünf Jahren den Kundenservice – kostenlos. „Wir garantieren Ihnen“, sagte Watts, „dass die Kohle für die Maschine weniger kostet, als Sie gegenwärtig an Futter für die Pferde aufwenden, die die gleiche Arbeit tun.“ Dieses Geschenkt heisst heute: Energiespar-Contracting. Damit lassen sich Energiekosten und CO2-Ausstoss senken, ohne finanzielles Risiko. Ein Weihnachtsgeschenk mit einem Haken?

Weihnachtsgeschenk ja – Haken nein. Alles, was Watt von den Pferdehalter verlangte, war, dass sie ihm einen Drittel des Geldes gaben, das sie für Pferdefutter einsparten. Über ein Energiespar-Contracting können Kunden – fremd- oder eigenfinanziert – in Energieeffizienz beispielsweise in ihrem Gebäude investieren und sicher sein, dass die vereinbarten Einsparungen auch tatsächlich eintreffen. Denn sollte das Einsparziel verfehlt werden, wird der Energiedienstleister zur Kasse gebeten. So steht es im Vertrag.

Grund genug für das BFE, diesem in der Schweiz noch jungen, freiwilligen und marktwirtschaftlich orientierten Instrument die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen: Mehr als 80 Personen tauschten sich am 25. November unter seiner Ägide im Haus des Sports in Ittigen im Rahmen der Veranstaltung „Energiespar-Contracting für öffentliche Gebäude“ aus. Einer der Referenten, der Österreicher Manfred Luckerbauer, berichtete über die Erfahrungen im Nachbarland und zog Bilanz: 312 Liegenschaften der öffentlichen Hand saniert oder optimiert, erreichtes Einsparziel 23 Prozent oder 4,8 Mio. Euro pro Jahr und gleichzeitig jährlich 22‘900 Tonnen weniger CO2-Ausstoss. Um diese Menge CO2 aus der Luft zu binden, braucht es rund 1‘500‘000 Weihnachtsbäume, die gepflanzt werden müssten.

„Die Vollkosten sind relevant“, sagt Jan Bleyl, Energieberater und Koordinator des „Task 16“, einem Think Tank der Internationalen Energie-Agentur. Nur interessieren die Vollkosten heute kaum jemanden. Investoren und Gebäudeeigentümer denken in der Regel kurzfristig und bewerten Effizienzmassnahmen hauptsächlich nach den anfallenden Investitionskosten – sie sehen nur die Spitze des Eisbergs. Dass die Kosten über den Lebenszyklus – also der gesamte Eisberg – höher sind als jene eine mit einer im Betrieb effizienteren Anfangsinvestition, wird übersehen. Investitionen müssen sich generell innerhalb einiger weniger Jahre rechnen, so das Credo. Energiespar-Contracting rechnet sich derweil im Vergleich zu „nichts tun“ nach zehn, 15 Jahren. Das BFE möchte innerhalb der öffentlichen Verwaltung die Türen öffnen, damit Energiespar-Contracting bei anstehenden Investitionen in Energieeffizienz als Option geprüft wird. Allerdings ist das Wissen über diesen innovativen Ansatz noch kaum bekannt, was der Natur einer neuen Sache entspricht. Die Pferdekutscher forderten vor über 200 Jahren wohl auch keine Dampfmaschine, sondern eher ein paar Pferde mehr.

Die Erfahrungen im Ausland zeigen: Gerade für die öffentliche Hand ist dieses Modell interessant, und sie setzt es auch gezielt ein. Oft brauchen neue Ideen hartnäckige Promotoren, wie die Geschichte von James Watt und seiner Dampfmaschine zeigt: Heute ist die Dampfmaschine Industriegeschichte. Energiespar-Contracting hingegen ist aktueller denn je. Alleine könne es unser Energieproblem nicht lösen, sagt der stellvertretende BFE-Direktor Pascal Previdoli. „Aber es kann dazu beitragen, dass vermehrt Investitionen in Energieeffizienz ausgelöst werden, weil sie sich langfristig rechnen.“

 Gabriela Weiss Di Spirito, Fachspezialistin Energieversorgung und Monitoring beim BFE

PS: Mehr Informationen gibt es hier:
energeia-Artikel (energeia Nr. 3 / 2015)
EnergieSchweiz