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Poesie und Prosa in Luxemburg


Die luxemburgische Präsidentschaft setzte am informellen Energieministertreffen vom 23. September 2015 auf Inspiration und Motivation und räumte den üblichen Detaildebatten nur wenig Raum ein. Das neuartige Format bescherte den anwesenden Ministerinnen und Ministern Auftritte von namhaften Grössen wie Jeremy Rifkin, Bertrand Piccard und Tesla-Gründer Elon Musk.

Den Reigen eröffnete der amerikanische Ökonom Rifkin, welcher seine Zuhörer beschwor, die dritte industrielle Revolution in Europa voranzutreiben. Wie bereits die erste und zweite industrielle Revolution, werde auch die dritte getragen von technologischen Umwälzungen in drei Schlüsselbereichen: Kommunikation, Energie und Transport. Zusammengenommen bildeten sie eine Plattform, auf der sich unser gesamtes wirtschaftliches und gesellschaftliches Handeln abspiele. Rifkin plädiert deshalb vehement für eine Konvergenz der drei Bereiche. Nur wenn deren Entwicklung gleichzeitig vorangetrieben werde, lasse sich die Vision eines „digitalen Europa“ verwirklichen. Einmal erreicht, sei ein solches System wirtschaftlich unschlagbar – vor allem wenn es von günstiger erneuerbarer Energie ohne marginale Kosten angetrieben werde. Die sharing economy betrachtet Rifkin als Vorboten und wichtigen Bestandteil der dritten industriellen Revolution. Was in der Musik- und Fernsehbranche bereits seine Spuren hinterlassen habe, werde insbesondere den Transportbereich vollkommen umkrempeln. Er warnte davor, weiter Geld in „neue alte“ Technologien zu investieren. Den grossen europäischen Energiekonzernen riet er, ihre zukünftigen Geschäftsmodelle auf das Management von Datenflüssen zu konzentrieren, um damit die Produktivität über die gesamte Wertschöpfungskette steigern zu können. Für Rifkin steht Europa in der Verantwortung: „Wer sonst, wenn nicht Europa soll der Welt den Weg weisen.“

Der Vorlesung von Rifkin folgte die eindrückliche Show des Bertrand Piccard. Medial unterstützt appellierte der Schweizer Pionier an den Mut der europäischen Entscheidungsträger, überholte Ansichten und Einstellungen über Bord zu werfen und die „wall of fear“ zu durchbrechen. Nicht gute Ideen seien gefragt, sondern deren Umsetzung. Piccard warnte davor, sich dabei auf die traditionellen Energieunternehmen zu verlassen. Er verwies auf das bahnbrechende Solarflugzeug Solar Impulse, dessen Entwicklung von der Flugzeugindustrie weder technisch, noch finanziell unterstützt wurde, weil deren Manager nicht an seine Machbarkeit glaubten. Um die Menschen zum Handeln zu bewegen, reichten Zahlen und Fakten nicht aus; ebenso wichtig seien das Narrativ von Klimawandel und Energiewende. Nicht das teure Problem, sondern die profitablen Lösungen und deren konkrete Umsetzung sollen in den Mittelpunkt der Debatten gerückt werden. Auch den üblichen Verweis auf die nächste Generation erachtet Piccard als wenig hilfreich. Zusätzlich zur moralischen Unterstützung sei aber auch politische Härte nötig. Die Menschen müsse man zuweilen mit Gesetzen und Verboten zu ihrem Glück zu zwingen.

Mit weniger Feuer, aber ähnlicher Überzeugung erzählte Elon Musk von seiner Tätigkeit als Unternehmer und Erfinder. Für den Gründer des Bezahldienstes PayPal sowie Tesla Motors, SolarCity und SpaceX ist Nachhaltigkeit a priori unvermeidbar. Die Frage sei bloss die Geschwindigkeit und die Kosten auf dem Weg dahin. Wie Piccard betrachtet auch Musk die alteingesessenen Unternehmen eher als Teil des Problems und nicht der Lösung. Die US-Autoindustrie bezeichnete er als „tot“ und er forderte die Zuhörer auf, nicht die grossen Firmen zu schützen, sondern die kleinen. Im Energiebereich müsse zudem die Entscheidungsgewalt von den Konzernen an die Kunden übergehen. Zu seinen finanziellen Ambitionen meinte Musk (dessen Vermögen auf 13.7 Mrd. USD geschätzt wird): „I couldn’t care less about business.“ Solange ein Unternehmen so viel einbringe, wie es an Kosten generiere, führe er es weiter. Im Falle von Tesla ist dies noch nicht der Fall. Musk rechnet dieses Jahr mit einem Verlust von 1 Mrd. USD. Seine abschliessende Bemerkung dazu erntete spontanen Applaus: „Why do we need full bank accounts when the future is sh*t?

Der inspirierende Vormittag wurde zusätzlich bereichert mit Auftritten von João Manso Neto, dem CEO von EDP Renewables und Mark Shorrock, dem CEO von Tidal Lagoon Power. Danach folgte ein Arbeitsessen zum Thema „Energie und Entwicklungszusammenarbeit“, dem Adnan Amin, der Direktor der Internationalen Agentur für Erneuerbaren Energieagentur IRENA und der frühere französische Minister Jean-Louis Borloo als Gäste beiwohnten. Bemerkenswert war Borloos Aussage, dass es klüger sei, Elektrizität und Wohlstand nach Afrika zu bringen als Europa mit Mauern gegen die Migration zu schützen.

Am Nachmittag stand eine Diskussion über die Finanzierung der europäischen Energiewende auf dem Programm. Die Voten zeigten deutlich, dass Finanzierungsinstrumente wie der Europäische Fonds für Strategische Investitionen (EFSI) nutzlos sind, wenn keine stabilen Rahmenbedingungen herrschen. Was die Investoren am allernötigsten brauchen, sind klare und glaubwürdige Signale der Politik, in welche Richtung sich die europäische Energieversorgung langfristig entwickeln soll.

Den anwesenden Ministerinnen und Ministern scheint das innovative Format der Luxemburger gefallen zu haben. Der irische Vertreter bezeichnete den Rat treffend als „morgendliche Poesie und nachmittägliche Prosa“. Es obliegt nun den kommenden Präsidentschaften, für ihre informellen Räte den richtigen Mix aus Unterhaltung und Substanz zu finden.

Stefan Dörig, Energy Counsellor, Mission of Switzerland to the European Union