Daten verarbeiten und speichern braucht viel Strom. Wer schon einmal in einem Serverraum gestanden ist, weiss, dass es dort recht warm werden kann. Grundsätzlich fällt der gesamte Strom, der in einem Rechenzentrum verbraucht wird, als Abwärme an. Eine Studie im Auftrag von EnergieSchweiz, dem Programm für Energieeffizienz und erneuerbare Energien des Bundesamts für Energie, zeigt: Ein grosser Teil der Abwärme könnte «wiederverwertet» werden. Entweder fürs Heizen von Gebäuden und fürs Warmwasser oder für gewerbliche oder industrielle Prozesse.

3.6% des Schweizer Stromverbrauchs gehen auf das Konto der Rechenzentren. In absoluten Zahlen sind es 2.1 TWh, wie eine Studie des Bundesamts für Energie von 2019 schätzt. Und in Zukunft könnte es noch mehr werden. Zudem: Ein Rechenzentrum arbeitet rund um die Uhr, verbraucht also rund um die Uhr Strom, und die Abwärme fällt auf einem konstanten Niveau an. Für potenzielle Abnehmer ist dies eine sichere Wärmequelle. Ausserdem gilt diese Energie als CO2-neutral und leistet damit einen Beitrag zur Reduktion des Primärenergieverbrauchs.

In den letzten Jahren sind in der Schweiz zahlreiche neue Rechenzentren gebaut worden – vorab im Raum Zürich und in der Region Genfersee. Der Grund: Zahlreiche IT-Prozesse werden in Clouds ausgelagert und die Datenmengen verlagern sich zunehmend in die grossen Rechenzentren der Dienstleister. Die Schweiz gilt als attraktiver Standort für kommerzielle Anbieter. Neue Rechenzentren werden zudem hinsichtlich Leistung und Fläche fünf– bis zehnmal grösser geplant als früher.

Damit steigt aber auch der Strombedarf. Schätzungen rechnen mit bis zu 3.5 TWh im Jahr 2026. Mehr Rechenzentren heisst gleichzeitig auch mehr Abwärme, die genutzt werden könnte. Doch aktuell wird das Potenzial noch wenig ausgeschöpft. Um die Abwärme nutzbar zu machen, muss sie mit vertretbarem Aufwand ausgekoppelt werden können. Derzeit wird die anfallende Abwärme mittels Rückkühler oft ungenutzt an die Aussenluft abgegeben.

Die Studie «Abwärmenutzung von Rechenzentren» untersuchte, wie die Nutzung der Abwärme gesteigert werden kann.

Gemäss der Studie zum Stromverbrauch und Effizienzpotenzial von Rechenzentren haben im Jahr 2019 35 Prozent der Rechenzentren die Abwärme genutzt.

Eines davon ist das Rechenzentrum der Swisscom im Berner Wankdorf-Quartier, das 2015 vom Bundesamt für Energie mit dem Watt d’Or ausgezeichnet wurde. Die Abwärme dieses Rechenzentrums wird ins Fernwärmenetz der Stadt Bern geleitet und heizt Wohngebäude in der Nachbarschaft.

Energeiaplus hat bei Andrea Grüniger nachgefragt. Sie ist Senior Projektleiterin bei eicher+pauli und hat an der Studie mitgearbeitet.

Energeiaplus: Das Potenzial der auskoppelbaren Abwärme bei Rechenzentren könnte mittelfristig rund 2 bis 2.6 TWh erreichen. Ist das viel?

Andrea Grüniger hat an der Studie zu der Abwärme bei Rechenzentren mitgearbeitet.

Andrea Grüniger: Wenn man bedenkt, dass diese Energiemenge ausreichen würde, um alle Privathaushalte von Bern und Genf zusammen mit Raumwärme und Warmwasser zu versorgen, ist das schon sehr viel. Spätestens seit der Ukrainekrise und der drohenden Energiemangellage ist allen bewusst, dass wir sorgfältig mit Energie umgehen müssen.

Daher ist die Nutzung von Abwärme, also die Mehrfachnutzung von Energie, eine sehr sinnvolle Sache, da damit Energie eingespart und ganz nebenbei noch CO2-Emissionen reduziert werden.

Rechenzentren boomen. Das Potenzial steigt also noch.

Der Trend zeigt wegen der zunehmenden Digitalisierung und dem Einsatz von rechenintensiven Prozessen, wie z.B. künstlicher Intelligenz, definitiv aufwärts. Zudem ist die Schweiz aufgrund ihrer politischen Stabilität und weiterer Faktoren beliebt als Standort für Rechenzentren.

Es muss jedoch auch beachtet werden, dass der Markt der Rechenzentren bezüglich Wachstum und auch internationaler Standortwahl sehr volatil sein kann, womit einer Prognose des Abwärmepotentials eine gewisse Unsicherheit anhaftet.

Warum wird die Abwärme bei Rechenzentren heutzutage noch wenig genutzt?

Um Abwärme zu nutzen, braucht es geeignete Abnehmer und diese müssen in der Nähe des Rechenzentrums lokalisiert sein. Wärme ist deutlich schwieriger beziehungsweise teurer zu transportieren als zum Beispiel Strom. Wenn die Abnehmer nicht intern oder in unmittelbarer Nähe sind, müssen thermische Netze gebaut werden und in der Regel muss das Temperaturniveau der Abwärme noch mit einer Wärmepumpe angehoben werden, damit es zu Heizzwecken verwendet werden kann. Um die Abwärme überhaupt nutzbar zu machen, braucht es also ziemlich hohe Investitionen.

Zudem ist der Aufbau thermischer Netze, welcher eng mit der Abwärmenutzung verknüpft ist, eine komplexe Angelegenheit. Es muss zwischen diversen Akteuren wie potenziellen Kunden, Grundstückbesitzern für die Durchleitung, Gemeinden, Betreiber der Rechenzentren etc. koordiniert werden. In der Regel investieren Energieversorger in thermische Netze. Bisher war der ökonomische Anreiz schlicht nicht da, um den Aufwand und die Risiken zu rechtfertigen. Das wird sich mit steigenden Energietarifen und mangelnden erneuerbaren Alternativen ändern.

Haben Betreiber von Rechenzentren überhaupt ein Interesse, die Abwärme zu nutzen? Der Verkauf von Abwärme könnte ja auch ein Business-Modell sein für einen Rechenzentrum-Dienstleister.

Das primäre Interesse eines Rechenzentrums ist es, selbst möglichst effizient zu sein, also wenig Strom zu verbrauchen und somit wenig Abwärme zu generieren. Bisher wird die Abwärme meist gratis zur Verfügung gestellt. Ein kleiner finanzieller Nutzen ergibt sich daraus, dass für die Rückkühlung weniger Strom benötigt wird. Aber ein Business-Modell wird es nie werden. Die Motivation liegt eher in der Erfüllung der internen Nachhaltigkeitsziele und deren Kommunikation. Firmen stehen in dieser Hinsicht generell unter einem erhöhten Beobachtungsdruck.

Wo sehen Sie die grössten Schwierigkeiten/Hemmnisse?

Nehmen wir einmal an, es sind genügend potenzielle Abnehmer in der Nähe vorhanden und der Standort ist somit geeignet: Dann sind es vor allem die hohen Investitionskosten für Energiezentralen und Wärmenetze verbunden mit der Unsicherheit zur Dauer der Abwärmelieferung, welche in der Kombination ein Totschlagkriterium sein können. Zudem sind auch die Prognose zum zukünftigen Wärmeabsatz und die komplexe Projektierung von Wärmeverbünden mit zahlreichen Schnittstellen zu verschiedenen Akteuren Faktoren, welche sich hemmend auswirken.

Das Rechenzentrum arbeitet rund um die Uhr, also fällt auch die Abwärme rund um die Uhr an. Die Heizung läuft aber nur im Winter. Wer sind die idealen Abnehmer?

Wenn schon in die Abwärmenutzung investiert wird, ist natürlich auch anzustreben, diese ganzjährig zu nutzen. Dafür sind zum Beispiel Industriebetriebe ideal, die einen ganzjährigen Prozesswärmebedarf haben. Oder die Abwärme wird in einen grösseren Verbund mit einer oder mehreren weiteren Wärmequellen eingebunden. So kann mit der Abwärme der ganzjährige Warmwasserbedarf und ein Teil des Heizwärmebedarfs gedeckt werden und im Winter übernimmt beispielsweise ein Pelletkessel den zusätzlichen Bedarf. Generell ist ein Rechenzentrum aufgrund der konstanten Last sicherlich am besten dazu geeignet, die Grundlast eines thermischen Netzes abzudecken.

Es gibt firmeninterne Rechenzentren, beispielsweise bei Banken oder Versicherungen. KMU verfügen über eigene Serverräume. Und dann sind in den letzten Jahren grosse Rechenzentrum-Dienstleister dazugekommen. Macht die Nutzung in jedem Fall Sinn?

Ökologisch macht es in jedem Fall Sinn, die überschüssige Abwärme wenn immer möglich zu nutzen. Bei internen Serverräumen ist zuerst einmal dafür zu sorgen, dass die Wärme intern, zur Beheizung der eigenen Büros oder von benachbarten Gebäuden verwendet werden kann. Das lohnt sich finanziell praktisch immer. Darüber hinaus ist es aber schon so, dass es eine gewisse Grösse des Rechenzentrums und damit verbunden eine bestimmte Abwärmeleistung braucht, damit sich der Aufwand für eine externe Verwendung lohnt. Realistischerweise ist das vor allem bei den grösseren Rechenzentren mit Leistungen im Megawattbereich sinnvoll.

Wo braucht es am meisten Überzeugungsarbeit, dass das Potenzial auch ausgeschöpft wird?

Das Thema Abwärmenutzung ist eng gekoppelt mit dem Thema thermische Netze. Es braucht sie, um die Abwärme überhaupt nutzen zu können. Folglich muss vor allem auf politischer Ebene Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit sich die Rahmenbedingungen zum Bau thermischer Netze verbessern.

Welche Rolle können Gemeinden spielen? Sie erteilen ja die Baubewilligung für ein neues Rechenzentrum.

Die Gemeinden haben im Rahmen des Bewilligungsverfahrens durchaus Einflussmöglichkeit und könnten Auflagen machen, jedoch möchte man natürlich die Standortattraktivität dadurch nicht gefährden. Daher haben sie eher eine koordinative und sensibilisierende Aufgabe. Sie sollten z.B. in der kommunalen Energieplanung Abwärmequellen aufnehmen und zwischen Akteuren wie Energieversorger und möglichen Schlüsselkunden vermitteln. Viele sind sich bisher ihrer Rolle in dieser Hinsicht gar nicht bewusst, und viele haben auch nicht das Knowhow oder die Mittel dazu. Da muss man realistisch sein und darf den Gemeinden nicht zu viel aufbürden. Aber eine Sensibilisierung ist durchaus angezeigt. Die grösseren Hebel sehen wir allerdings bei Bund und Kantonen.

Das heisst?

Zum Beispiel indem die energierechtlichen Vorschriften auf kantonaler Ebene dahingehend ergänzt werden, dass ab einer bestimmten Abwärmemenge, die in einem Gebäude anfällt und nicht intern genutzt werden kann, diese auch externen Abnehmern zu Gestehungskosten zur Verfügung gestellt werden muss. Dies ist eine allgemeine Formulierung, die nicht nur Rechenzentren betrifft. Es würde dazu führen, dass die Abwärme abgegeben werden muss, sofern Interesse vorhanden ist. Einheitliche Rahmenbedingungen im Baubewilligungsverfahren würden zudem insbesondere kleineren Gemeinden bei der Prüfung von Baugesuchen helfen. Ein verpflichtender Nachweis zur Abklärung zur Abwärmenutzung beispielsweise könnte schon etwas bringen im Sinne einer Sensibilisierung auf beiden Seiten (Gemeinde und Rechenzentrum bzw. Industriebetrieb).

Stichwort Versorgungssicherheit mit Wärme: Vergleicht man den Lebenszyklus eines Rechenzentrums von 10 bis 15 Jahren und jenen von Wärmenetzen von 30 bis 40 Jahren, stellt sich die Frage, wie lange man auf die Abwärme vom Rechenzentrum zählen kann.

Die unterschiedlichen Lebenszyklen sind in der Tat ein Kernproblem. Das ist übrigens nicht nur ein spezifisches Problem der Rechenzentren, sondern gilt generell bei der Nutzung von industrieller Abwärme. Der Energieversorger möchte angesichts der hohen Investitionskosten eine möglichst lange Verfügbarkeit der Wärmequelle. Das Rechenzentrum hingegen stellt die Abwärme günstig oder gratis zur Verfügung, möchte sich aber zu nichts verpflichten. Diese gegenläufigen Interessen sind nicht wegzudiskutieren. Jedoch ist es auch so, dass durch einen allfälligen Wegfall eines Rechenzentrums als Wärmequelle das thermische Netz nicht plötzlich wertlos wird.

Welche Lösungsansätze sieht Ihre Studie, um das Risiko zu minimieren, dass plötzlich keine Wärme mehr geliefert wird?

Die Schaffung einer gesetzlichen Grundlage zur Risikoabsicherung für thermische Netze, welche unter anderem den unerwarteten Wegfall einer Energiequelle abdecken würde, ist im Rahmen der Revision des CO2-Gesetzes aktuell in Diskussion. Dies wäre immens wichtig, um den Ausbau thermischer Netze und somit auch die Nutzung von Abwärme generell voranzutreiben. Es würde die Entscheidung für eine Abwärmenutzung definitiv fördern.

Eine andere Möglichkeit sind private Versicherungslösungen, wobei es hier keine Standardprodukte gibt. Trotzdem ist es für Investoren beziehungsweise Energieversorger unumgänglich, eine Risikoanalyse durchzuführen und alternative Energiequellen zu prüfen, welche bei Ausfall der Abwärme eingesetzt werden könnten.

Ihr Schlussfazit?

Es ist sicher wichtig, dass eine Sensibilisierung bezüglich Abwärme von Rechenzentren und deren Potenzial stattfindet. Denn dies führt dazu, dass bei der Energieplanung die Rechenzentren auch als potenzielle Abwärmequellen aufgenommen werden. Für das Gelingen der Energiewende ist es unabdingbar, die nach Umsetzung aller Effizienzmassnahmen anfallende, nicht vermeidbare Abwärme möglichst gut zu nutzen.

Interview: Brigitte Mader, Kommunikation, Bundesamt für Energie
Bild: Eicher+Pauli, Rechenzentrum Swisscom, Bern-Wankdorf (mit Abwärmenutzung)

 

 

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Bis 2050 soll die Schweiz unter dem Strich klimaneutral werden. Im Gebäudebereich heisst das konkret, dass zahlreiche fossile Heizungen durch erneuerbare Systeme ersetzt werden müssen. Wie soll die Wärmeversorgung klimaneutral werden? Welche Rolle spielen Fernwärme und Wärmepumpen? Rita Kobler, Fachspezialistin für Erneuerbare Energien im Bundesamt für Energie hat in einem Interview für das Online-Magazin Klimadreh von IWB, das Energeiaplus hier ebenfalls publiziert, über Hindernisse, Chancen und Technologien gesprochen.

Paul Drzimala: Fangen wir mit ernüchternden Zahlen an: Gebäude machen in der Schweiz noch immer rund ein Drittel der CO2-Emissionen aus. Auch absolut ist die Zahl hoch. Warum?

Rita Kobler ist zuständig für Erneuerbare Energien im Bundesamt für Energie; Bild: BFE

Rita Kobler: Weil wir viel heizen. In der Schweiz liegt die Durchschnittstemperatur zwischen 12 und 16 Grad. Deshalb brauchen wir viel Energie zum Heizen. Zwar wird im Neubaubereich zum Glück immer mehr erneuerbar geheizt, aber bei Sanierungen hat es lange geharzt. Seit vier Jahren sieht man einen massiven Anstieg bei den Verkaufszahlen von erneuerbaren Heizsystemen. Aber wir haben halt etwa eine Million Einfamilienhäuser, 500?000 Mehrfamilienhäuser und noch einige Dienstleistungsgebäude. Die umzurüsten, da reichen 40?000 Wärmepumpen pro Jahr noch nicht.

Wir heizen also viel. Geht der Wärmebedarf aufgrund der Klimaerwärmung zurück?

Gemäss den Energieperspektiven des Bundes geht er zurück, aber weniger aufgrund des Klimas, sondern weil man Gebäude besser dämmt. Viele Altbauten sind schlecht gedämmt und verlieren viel Energie. Dann gibt es weitere Veränderungen wie Verdichtung und Bevölkerungswachstum, die zusammenspielen. Insgesamt gehen wir davon aus, dass der Energiebedarf für Raumwärme – heute etwa 100 Terawattstunden pro Jahr – um etwa 30 Prozent zurückgehen wird. Ein grosser Teil aufgrund besserer Dämmung und des effizienteren Betriebs von Gebäuden. Inzwischen merken wir auch, dass die Digitalisierung wirkt. Es gibt zum Beispiel Lösungen der Ventilhersteller, die den Installationsfirmen helfen. Bis 2050 liegt da noch einiges drin.

Ein anderer positiver Befund sind die Verkaufszahlen. Insbesondere Wärmepumpen und Holzheizungen legen zu. Was treibt diese Entwicklung an?

Natürlich hat der Krieg in der Ukraine den Trend noch einmal verstärkt. Aber schon in den drei Jahren davor haben sich die Verkaufszahlen jährlich verdoppelt. Treiber sind einerseits das Gebäudeprogramm des Bundes und seine Fördermittel. Dann sind es die kantonalen Energiegesetze, die stetig verschärft wurden – Basel-Stadt ist da Vorreiterin. Ausserdem gibt es mehr Sensibilisierung und Beratung wie unsere Impulsberatungen beim BFE. Und schliesslich wird der Klimawandel immer sichtbarer. Wir sehen, wie die Gletscher zurückgehen, Jahr für Jahr zeigen sich neue Schäden: heute eine Flutkatastrophe, morgen ein Waldbrand. Das lässt die Eigentümerinnen und Eigentümer umdenken. Sie fragen konkret nach erneuerbaren Energien und wollen nichts mehr hören von Öl und Gas.

Auch wenn der Anteil von Öl- und Gasheizungen zurückgeht, werden sie noch immer verkauft. Wer kauft sie?

Der Kanton Zürich hat vor längerer Zeit eine Umfrage gemacht, und dort kam heraus, dass Alternativen oft schlicht nicht in Betracht gezogen wurden. Und wenn, haben die Installationsfirmen eher die Probleme als die Lösungen betont. Wenn die Eigentümerinnen und Eigentümer nicht nachgehakt haben, war der Ersatz durch ein fossiles System schnell passiert. Das kippt langsam, auch wenn noch immer manche Menschen skeptisch gegenüber erneuerbaren Energien sind. Zudem gibt es echte Knacknüsse, gerade bei älteren Gebäuden. In denen wohnen oft Leute im Pensionsalter, die in den letzten Jahren tendenziell zu wenig investiert haben. Und wenn die jetzt das Heizsystem wechseln, wird das kurzfristig teuer. Es würde sich zwar langfristig amortisieren, aber sie können aufgrund der Tragbarkeit ihre Hypothek nicht mehr erhöhen. Das ist der finanzielle Aspekt. Bei Mehrfamilienhäusern kommt das Vermieter-Mieter-Dilemma zum Tragen. Die Mieterinnen und Mieter zahlen die Nebenkosten?…

… und die Eigentümerinnen und Eigentümer investieren, profitieren aber nicht.

Die Investitionen können sie abwälzen, das ist nicht das Problem. Das Problem ist der Hypothekarzinssatz. Man geht davon aus, dass viele Vermieterinnen und Vermieter mit den Mietzinsen nicht runter sind, obwohl der Hypothekarzins gesunken ist. Wenn aber eine Vermieterin oder ein Vermieter Investitionen auf die Mieten überschlagen will, braucht es eine Mietvertragsänderung. Weil dann auffallen würde, dass der Mietzins nicht angepasst wurde, investieren sie lieber nicht. Andere wissen gar nicht, wie das mit dem Umwälzen funktioniert. Es gibt viele Privatpersonen, die Mehrfamilienhäuser besitzen und Wohnungen vermarkten. Das sind nicht alles Immobilienhaie, die grossen Gewinn machen wollen. Aber sie wollen Stabilität und scheuen deshalb Veränderungen. Das merkt man auch im städtischen, dicht besiedelten Bereich, wo gemeinsame Lösungen oft die besten sind. Sich selbst zusammentun ist schwer; da muss eine Fernwärmebetreiberin da sein, die direkt eine Offerte vorlegt.

Ihr Spezialgebiet sind Wärmepumpen. Eignen die sich überall bei Sanierungen? Oder wird bei schlecht isolierten Altbauten die Vorlauftemperatur zum Problem?

Mit den heutigen Kältemitteln ist die Vorlauftemperatur technisch nie ein Problem. Das Problem ist vielmehr, dass man die Frage, wie viel Energie ein Gebäude braucht, nicht immer stellt. Viele Bestandsgebäude sind sehr schlecht eingestellt. Denn früher hat man, salopp gesagt, halt einfach geheizt. Dann kamen die Brennwertkessel, die eigentlich effizienter wären, wenn das System gut einreguliert ist. Das hat aber niemand verlangt, im Gesetz wurden nur die Brennwertkessel selbst gefordert. Erst heute mit den Wärmepumpen kommt die Effizienzdiskussion auf. Jetzt haben alle das Gefühl, Effizienz wäre ein Problem der Wärmepumpen, dabei wäre sie bei Öl- und Gasheizungen bereits gefragt gewesen. In vielen Gebäuden wurden vielleicht mal die Fenster ersetzt. Aber danach hat niemand geprüft, ob man die Vorlauftemperaturen senken kann. Deshalb werden auch heute Wärmepumpen zu gross dimensioniert, sogar im Industriebereich, wo Vorlauftemperaturen bis zu 160 Grad möglich sind. Würde man mehr Geld in Planung investieren, könnte man insgesamt sparen.

Das heisst auch: Man thematisiert den grossen Stromverbrauch, aber der grosse Ölverbrauch interessiert niemanden.

Ja, das ist aber ein weltweites Problem. Erdöl ist endlich und deshalb sehr wertvoll. Wir benötigen es ja auch für die Herstellung von Medikamenten. Trotzdem verschwenden wir es einfach. Weil die externen Kosten nicht eingepreist sind; Umweltverschmutzung ist oft leider noch gratis.

Zurück zur Schweiz. Die Kantone haben inzwischen verschiedene Instrumente, um den Wandel zu erneuerbarer Wärme voranzutreiben: von Verboten über Förderprogramme hin zu Informationskampagnen. Was ist effektiv?

Zur Person:

Rita Kobler ist Umweltnaturwissenschaftlerin und Gebäude-Energie-Ingenieurin. Sie arbeitete sechs Jahre als Projektleiterin in der Abteilung EnergieContracting im Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (ewz). Seit 2012 ist sie zuständig für die Wärmepumpentechnologie beim Bundesamt für Energie als Fachspezialistin erneuerbare Energien. Im Rahmen von EnergieSchweiz betreut sie Projekte zur Effizienzsteigerung, zur Qualitätssicherung, zum Wissenstransfer und zur Kommunikation mit Endkundinnen und Endkunden.

Gesetzliche Vorgaben wirken einfach. Punkt. Das hat man bei Neubauten gesehen, als die 80-20-Regel eingeführt wurde, die entweder einen Teil erneuerbare Energie gefordert hat oder sonst eine bessere Dämmung. Viele Generalunternehmen, die grosse Neubauprojekte planen, haben gesagt, dass ihnen die konkreten gesetzlichen Vorgaben eigentlich egal sind. Für sie ist es wichtig, dass sie die Vorgaben von Anfang an kennen, wenn sie die Ausschreibung machen. Als die neuen Energievorschriften für den Neubaubereich gekommen sind, war für sie klar: Jetzt wechseln wir auf Erneuerbare. Natürlich gibt es auch dort welche, die sich sträuben. Aber für die meisten gilt: Jede Diskussion, die sie nicht führen müssen, ist gespartes Geld. Und erneuerbare Energien sind im Wärmebereich auch meist einfach umzusetzen. Ausnahmen gibt es zum Beispiel in Berggebieten. Aber da bieten die Kantone Hand, tragbare Lösungen zu finden.

Schauen wir auf die Städte. Dort gibt es Fernwärmenetze, die oft mit Wärme aus Kehrichtverbrennungsanlagen (KVA) versorgt werden. Die verbrennen Kunststoffe und setzen damit fossiles CO2 frei. Wie gehen die damit um?

Auf die KVA kommen verschiedene Herausforderungen zu, aber die haben sie alle auf dem Radar. Eine ist, dass irgendwann im Zuge der Kreislaufwirtschaft die Abfallmenge abnehmen wird. Aber niemand weiss, wann das passiert. Man redet zwar davon, es gibt politische Vorstösse, um die Rahmenbedingungen für die Kreislaufwirtschaft zu verbessern. Trotzdem geht die Abfallmenge nicht zurück. Und die KVA haben den Auftrag, den Abfall zu verwerten. Die andere Herausforderung ist, die CO2-Bilanz zu verbessern. Im Winter haben Fernwärmenetze oft noch CO2-intensive Wärme, da Gas genutzt wird, um die Spitzen abzudecken. Deshalb investieren sie in Speicher, um diese Spitzen nicht zu haben. EWB in Bern will in einem Untergrundspeicher Wärme saisonal speichern. Ausserdem laufen Bestrebungen, dass man auch mit den Wärmebezügerinnen und -bezügern versucht, verbrauchsseitig die Spitzen zu glätten. Doch am Ende wird immer ein Teil an CO2-Emissionen bleiben, den man abscheiden muss. Aber dieser Vorgang ist sehr aufwendig und damit teuer. Wenn wir nicht wollen, dass die Kosten für die Klimaneutralität exorbitant sind, müssen wir erreichen, dass die Emissionen so tief wie möglich sinken. Denn dann müssen wir auch weniger CO2 abscheiden.

In Städten wie Basel gibt es Fernwärmenetze, die ausgebaut werden sollen. Welchen Anteil werden diese an der Dekarbonisierung der Wärme in der Schweiz haben?

Wir gehen davon aus, dass von der Wärme, die wir 2050 benötigen, 17 bis 22 Prozent Fernwärme sein werden. Das leiten wir aus der heutigen Entwicklung ab, die wir laufend korrigieren. Und wenn wir dieses Ziel sehen, heisst dass, dass wir jetzt den Ausbau forcieren müssen.

Manche sehen den Ausbau als logistisches Problem. Wie schätzen Sie das ein?

Es braucht sicher Zeit, das können wir nicht von heute auf morgen machen. Aber die Nachfrage ist gerade sehr hoch, in ganz Europa. Das heisst, dass der Markt zu spielen beginnt. Wir werden in der Folge mehr Innovation sehen, zum Beispiel durch mehr Modulbauweise. Sicher hilft auch die Digitalisierung, dass man etwa den hydraulischen Abgleich bereits via Smartphone im Stockwerk machen kann. Das digitale Bauen ist heute erst bei Neubauten Standard, vielleicht gibt es dort bald einen Sprung, dass es auch bei Sanierungen zum Einsatz kommt. An solche Skalierungen darf man glauben. Man hat lange von einem Sanierungsstau geredet. Jetzt sind wir in einer neuen Phasen mit viel Schwung, da muss manches noch anlaufen. Aber danach reagieren die Firmen. Das ist der Vorteil einer Marktwirtschaft, dass dieser Mechanismus funktioniert.

Immer wieder ist von Lieferengpässen bei Heizungsherstellern die Rede. Wie gross ist dieses Problem?

Ich glaube, das wird sich einpendeln, aber es wird noch eine Weile dauern. Eine Zeit lang gab es auch noch Verzerrungen durch Covid-19; die Chipknappheit hat auch Heizungen betroffen. Dann geopolitische Effekte wie der Krieg in der Ukraine, dessen Wirkung auf die Lieferketten aber wieder nachgelassen hat. Ich hoffe natürlich sehr, dass es zu keiner Eskalation in Taiwan kommt, denn das Land hat eine wichtige Rolle in der Weltwirtschaft. Früher waren stabile Prognosen etwas einfacher. Aber ich denke auch, dass die Leute gemerkt haben, dass man etwas früher planen muss. Wenn man rechtzeitig auf seine Installateurin oder seinen Installateur zugeht, kann sie oder er auch planen und einkaufen.

Und die Fachleute? Reichen die für die Ausbau- und Sanierungswelle?

Wir brauchen gute Leute in der Installation, in der Planung, im Service. Ja: Wir haben da einen grossen Bedarf. Aber es gibt auch Bildungsoffensiven auf verschiedenen Kanälen. Vielleicht gelingt es dabei noch mehr, herauszustreichen, wie heterogen diese Branche ist. Ich habe Kontakt mit vielen Leuten, und der gegenseitige Umgang ist sehr angenehm. Es wäre gut, das noch mehr zu zeigen, damit zum Beispiel auch junge Frauen abgeholt werden können. 50 Prozent der Bevölkerung werden nur wenig angesprochen für diese Berufe. Denn es ist eine sehr vielfältige Branche mit toller Arbeit. Wenn man einen sicheren Arbeitsplatz sucht, sollte man hier einsteigen.

Sie beobachten die technischen Entwicklungen im Heizungsbereich schon lange. Was für grosse Fortschritte gab es, und welche erwarten Sie?

Der grosse Fortschritt wird die komplett ins Energiesystem integrierte Wärmepumpe sein. Aktuell boomt der Zubau von Photovoltaikanlagen, die Strom bereitstellen, der genutzt werden will, Netze, die entlastet werden wollen. Dieser Prozess der Systemintegration von Wärmepumpen wird von Photovoltaikanlagen getrieben. Auch die Visualisierung der Energietechnik hat viel ausgelöst. Die Leute reden über ihre Solaranlagen, zeigen die Daten herum, posten sie im Internet. Solche Sprünge gab es in der Vergangenheit nicht. Das lag auch daran, dass der Markt lange stagniert hat. Die Hersteller hatten Angst, dass ihre Geräte zu teuer werden, und die Leute dann bei Öl- und Gasheizungen bleiben. Doch jetzt ist die Botschaft angekommen, und der Markt reagiert. Dieser Effekt von Gesetzen wird manchmal unterschätzt. Denn wenn die Industrie weiss, wo sie sich anpassen muss, kann sie auch investieren.

Was fehlt denn der Schweiz noch für den kompletten Umstieg von fossilen auf erneuerbare Wärmequellen?

Nichts. Es ist so einfach. Wir müssen umsteigen aus verschiedenen Gründen, und wir können es, wenn man einige spezialisierte Hochtemperaturanwendungen ausklammert. Wir wissen, wo es langgeht, und wir haben die Mittel dazu. Jetzt müssen wir umsetzen.

Interview. Paul Drzimalla, im Auftrag von IWB für das Magazin Klimadreh
Bild: Shutterstock; Stock Photo ID: 2268925397; Frank HH

 

 

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