Was sich derzeit auf dem Strommarkt abspielt, beschäftigt nicht nur die Schweiz, sondern ganz Europa. Patentrezepte gibt es in diesem Markt, der geradezu tektonische Verschiebungen erfährt, jedoch nicht. Das zeigte auch die von der Konferenz der schweizerischen Energiedirektoren, der Schweizer Botschaft in Berlin und dem Bundesamt für Energie organisierte Studienreise vom 23./24. April 2015 nach Leipzig und Berlin. In der 35-köpfigen Delegation dabei waren 10 kantonale Energiedirektor/innen, 6 Gemeinde- und Stadträte, Vertreter/innen der Konferenzen der Kantonsregierungen, des schweizerischen Städteverbands, des schweizerischen Gemeindeverbands, kantonaler Departemente, der ElCom, der swissgrid, des VSE sowie des Bundesamts für Energie. Sie gingen den Fragen nach, wie die Marktteilnehmer auf die Umbrüche reagieren können, wie die Politik umgestaltet werden muss, wo der Handlungsspielraum der nationalen Regierungen liegt, welche neuen Aufgaben auf die Regulatoren zukommen und welche Rolle die EU bei der Ausgestaltung des künftigen Strommarkts spielt.

Zum Auftakt stand der Besuch der Strombörse EPEXSpot in Leipzig auf dem Programm. Die Verantwortlichen erklärten, dass aufgrund der zunehmenden volatilen Einspeisung von Wind- und Solarstrom der kurzfristige Handel anwächst. An den Day Ahead Märkten sinken die Durchschnittspreise, so dass konventionelle Erzeuger wie die Schweizer Wasserkraft ihre Grenzkosten nicht mehr decken können und auch die Betreiber von Speicherkraftwerken wegen der geringen Differenzen zwischen Hoch- und Tiefpreisen kaum noch Renditen erwirtschaften können.

Das Zauberwort der Börsenprofis heisst Flexibilisierung. Grosse europäische Marktgebiete ermöglichen eine effiziente Integration der erneuerbaren Energien, der weiträumige Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch (die Bedarfsspitzen der Länder im Norden und Süden treten zeitverschoben auf) unterstützt die Flexibilität, es braucht dazu allerdings neue Höchstspannungsleitungen quer durch Europa. Technisch wäre die Strombörse für die Marktkopplung der Schweiz mit dem restlichen Stromeuropa bereit; damit es losgehen kann, bräuchte es allerdings ein Stromabkommen zwischen der Schweiz und Europa.

Ähnliche Botschaften – Flexibilisierung, Preissignale, weiträumige Zusammenarbeit – waren auch an der Podiumsdiskussion „Strommarkt im Wandel“ in der Schweizer Botschaft zu hören. Unter Leitung von Marlies Uken von Zeit online diskutierten Walter Steinmann (BFE), Carlo Schmid-Sutter (ElCom), Kurt Rohrbach (VSE), Jochen Homann (Bundesnetzagentur), Carsten Rolle (Weltenergierat-Deutschland) und einem Vertreter des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft angeregt über die Herausforderungen in Europa, Deutschland und der Schweiz.

Beim Lokaltermin im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) erklärten die Zuständigen der Schweizer Delegation den aufwändigen Prozess, mit dem Deutschland einen neuen gesetzlichen Rahmen für den Strommarkt festlegen will. Mit dem Grünbuch „Ein Strommarkt für die Energiewende“ hatte das BMWi Ende 2014 eine breite Diskussion eröffnet, zu der sich auch die Schweiz geäussert hat (siehe Blog auf energeiaplus vom 4. März 2015). Bis Anfang Juni 2015 soll nun ein Weissbuch mit konkreten Massnahmen erarbeitet und dieses wiederum öffentlich konsultiert werden, bevor dann die erforderlichen gesetzlichen Arbeiten beginnen. Besonders umstritten ist dabei, ob ein Kapazitätsmarkt geschaffen werden soll. Eine ganze Zahl von Massnahmen sind jedoch laut Grünbuch sowieso erforderlich, egal, welches Marktdesign schliesslich festgelegt wird.

Zu diesen „sowieso“ oder auch „no regret“ Massnahmen, die in jedem Szenario des sich wandelnden Strommarkts Sinn machen, gehören die Stärkung der Preissignale auf dem Strommarkt, der Netzausbau und –betrieb, die Erhaltung einer einheitlichen Preiszone, die europäische Integration des Strommarktes und Massnahmen zur Erreichung der Klimaschutzziele. Ziel ist die Erhöhung der Flexibilität unter Sicherstellung der Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähiger Strompreise.

In der Bundesnetzagentur beschäftigt man sich derweil mit der auch im Grünbuch postulierten notwendigen Netzentwicklung. Der Prozess beginnt mit der Definition eines Szenariorahmens, der die wahrscheinlichen Entwicklungen der Energielandschaft in den kommenden Jahren beschreibt, und endet mit dem Festlegen der exakten Leitungsverläufe in der Planfeststellung. Der Szenariorahmen soll nota bene gemäss Strategie Stromnetze künftig auch in der Schweiz zur Anwendung kommen.

Inspirierend war der Besuch im Gebäude der Berliner Niederlassung von Schneider Electric auf dem EUREF-Campus am Berliner Gasometer in Schöneberg. Das Unternehmen demonstriert in seinem mit dem LEED Gold-Standard zertifizierten Firmengebäude auf dem Campus mit eigenen Systemen den Stand der Technik. Ein umfassendes Energie-Monitoring bildet das gesamte Nutzungsverhalten des Gebäudes ab. Gebäude und Energieeffizienz waren auch die Themen der abschliessenden Präsentation von Ulrich Benterbusch, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur GmbH dena. Die dena wurde im Jahr 2000 mit dem Auftrag gegründet wurde, an der Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft als Kompetenzzentrum für Energieeffizienz, erneuerbare Energien und intelligente Energiesysteme zu agieren.

Marianne Zünd, Leiterin Medien + Politik BFE

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